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31. Januar 2011, 14:54 Uhr

Versöhnungstagung

Der Klimakrieg kann weitergehen

Aus Lissabon berichtet

Droht der Welt der Hitzekollaps oder nur die Öko-Diktatur? In der Klimaforschung sind die Fronten zwischen warnenden Wissenschaftlern und Skeptikern verhärtet. In Lissabon fand jetzt eine Versöhnungstagung statt - doch am Frieden schien kein besonderes Interesse zu herrschen.

Die Probleme fangen schon damit an, die Kontrahenten richtig zu benennen. Kämpfen da jetzt Skeptiker gegen Alarmisten? Leugner gegen Katastrophisten? Oder Realisten gegen Warmisten? Die Rede ist vom Konflikt zwischen etablierten Klimaforschern, die vor den Folgen der vom Menschen verursachten Erderwärmung warnen, und jenem bunten Lager aus Wissenschaftlern und Laien, die den Rechenmodellen des Gegners misstrauen, die das ganze Gerede vom Klimawandel für einen großen Irrtum oder gar für eine Verschwörung von radikalen Ökologen halten.

Das Schlachtfeld dieses mit Kurven, Diagrammen und verbalen Tiefschlägen geführten Kampfes ist gewöhnlich der digitale Dschungel des Internets. Deshalb war es schon eine Sensation, dass vergangene Woche Teile der verfeindeten Lager tatsächlich in Lissabon physisch zusammenfanden - und das obendrein unter dem Titel "Versöhnung in der Klimadebatte". Ebenso bemerkenswert war die Tatsache, dass der Workshop mit rund 30 Teilnehmern ausgerechnet von der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission organisiert wurde. Denn die EU vertritt offiziell das Ziel, die Klimaerwärmung auf zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu begrenzen - und diese Vorgabe ist eines der beliebtesten Angriffsziele der Skeptiker.

Initiator des Treffens war Jerome Ravetz, ein Wissenschaftsphilosoph von der University of Oxford. "Die Fronten im Kampf um die Klimaforschung sind vollkommen verhärtet", lautete Ravetz' Diagnose. "Das Resultat ist ein gewaltiges Glaubwürdigkeitsproblem."

Einlassungen dieser Art führten dazu, dass Ravetz vom klimawissenschaftlichen Establishment abgekanzelt wurde. So verwunderte es wenig, dass dessen wichtigste Vertreter fehlten. Abwesend war etwa Gavin Schmidt, ein US-Klimatologe und Mastermind des Klimawarner-Blogs " Realclimate.org". Er war eingeladen und sagte ab, was wohl auch daran gelegen haben mag, dass Steve McIntyre seine Anwesenheit zugesagt hatte.

McIntyre fordert Sanktionen gegen Wissenschaftler

Der pensionierte Analyst für Bergbau-Investments hat es zum Intimfeind einer Reihe von Klimawissenschaftlern gebracht. Pedantisch begann er vor rund sieben Jahren, die sogenannte Hockeystick-Kurve zu prüfen. Die Grafik gilt als Ikone der Klimaforschung. Sie ist eine Rekonstruktion der globalen Temperatur der letzten tausend Jahre und soll beweisen, dass es in dieser Zeit noch nie so warm war wie heute.

"Klimaforscher müssen genauso wie Investmentbanker dazu verpflichtet sein, Informationen zu veröffentlichen, die ihren Prognosen zuwiderlaufen", sagte McIntyre in Lissabon. Andernfalls, so forderte er, müssten sie mit Sanktionen rechnen. "Die Manager von Enron sind ja auch nicht dafür in den Knast gegangen, dass sie Milliarden in den Sand gesetzt haben, sondern dass sie die Anleger mit dem Zurückhalten von Informationen getäuscht haben." Mit Sätzen dieser Art provoziert er seine Gegner mindestens genauso effektiv wie mit seinen zahllosen Aufforderungen, die Rohdaten ihrer Kurven herauszurücken.

McIntyre wurde in den Blogs von Klimaforschern verächtlich gemacht, was ihn dazu veranlasste, sein eigenes Internetforum " Climateaudit.org" zu gründen. Außerdem ließ der Kanadier sich nicht beirren und fand tatsächlich methodische Ungereimtheiten in den Berechnungen zur Hockeystick-Kurve.

Seitdem schimpfen einige Forscher den Mann aus Toronto "Trottel", "Irrer" oder "Spielplatz-Rüpel" - etwa in E-Mails, die Ende 2009 von einem Server der University of East Anglia gestohlen und ins Internet gestellt wurden. Die Klimatologen-Zunft nannte das kriminell, die Skeptiker tauften die Affäre "Climategate". Sie war - neben dem Bekenntnis des Weltklimarats, Fehler bei Prognosen zum Abtauen der Himalaja-Gletscher begangen zu haben - der vorläufige Höhepunkt im Konflikt um die Klimaforschung.

Das Wissen wächst, die Unterstützung der Bevölkerung schrumpft

Während die einen die Welt vor dem Fieberschock retten wollen, behaupten die anderen, die Menschheit vor einer Ökodiktatur zu beschützen. Der Mainstream der Klimatologen sieht allerdings keinen Kampf um die Wahrheit, weil die doch eindeutig auf ihrer Seite sei. Sie halten die Einwände gegen die eigenen Aussagen für Unsinn und die wissenschaftliche Debatte für längst entschieden.

"Das ist ein Irrtum", sagte Judith Curry in Lissabon. Die Geophysikerin vom Georgia Institute of Technology in Atlanta war eine der ersten, die sich mit dem Sketpiker-Lager auf Diskussionen einließ. Seitdem gilt sie als Paria - und bloggt auf ihrer eigenen Seite gegen ihre Gegner an. "Die Unsicherheiten in den Klimamodellen sind noch vollkommen unzureichend erforscht, und die etablierte Forschung versucht, diesen Umstand vor der Öffentlichkeit zu verschweigen", sagt Curry.

Akademiker und wirre Querulanten - warum es bei der Tagung keine Einigung gab

Auch Hans von Storch, Direktor am Institut für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht, ist zurückhaltend, was die Aussagekraft von Klimamodellen angeht. Er glaubt - wie auch Curry - fest an die Existenz des vom Menschen verursachten Klimawandels. Er sorgt sich aber, ob die Bürger den Experten darin noch folgen. "Während unser Wissen über das Klimasystem zunimmt, wird der Prozentsatz derer kleiner, die den Wandel für gefährlich halten und zu Gegenmaßnahmen bereit sind", klagte Storch in Lissabon und legte entsprechende Umfrage-Ergebnisse aus den vergangenen Jahren vor.

Storch wird akzeptiert von den Wortführern der Erwärmungs-Warner, weil er Standardwerke der Zunft verfasst hat. "Wir können die Skeptiker nicht einfach ignorieren und meinen, dadurch würden sie irgendwann verschwinden", sagt Storch. Das Gegenteil sei der Fall, und das könnten selbst die immer zahlreicher werdenden Indizien für den Klimawandel nicht verhindern. "Wir müssen mit ihnen diskutieren."

"Vom Akademiker bis zum wirren Querulanten"

Das Spektrum im Lager der Skeptiker reiche "vom Akademiker bis zum wirren Querulanten", sagte Storch, was zu Unmut unter den Teilnehmern des Lissabonner Treffens führte. Die fühlen sich nämlich weitgehend ausgeschlossen aus den Kreisen der Klimatologen. "Wir haben keine Chance, in deren Magazinen zu veröffentlichen", klagte etwa Steven Mosher, ein Blogger, Autor eines kritischen Buches über die Klimaforschung und im Berufsleben Investmentberater in San Francisco.

Diskutiert wurde deshalb, ob die Gutachter der Fachjournale nicht verpflichtet werden könnten, Interessenkonflikte zu veröffentlichen. Mosher forderte von der Wissenschaft auch, jegliche zugrundeliegende Daten der Publikationen automatisch zugänglich zu machen. Einig waren sich die Skeptiker darin, die wissenschaftliche Auseinandersetzung etwa über die Hockeystick-Kurve noch einmal neu zu führen. "Was wir brauchen, sind weitere Daten, seien sie aus Korallen, aus Baumringen oder Tropfsteinen, über das Klima des vergangenen Jahrtausends", sagte Peter Webster, Klimatologe aus Australien und Mitstreiter von Judith Curry.

Ob der Disput über die Kernaussagen der Klimaforschung aber durch immer bessere Daten gelöst werden kann? Etliche Teilnehmer des Versöhnungstreffens bezweifelten das. "Selbst wenn unser Wissen über das Klimasystem zunimmt, wachsen die Unsicherheiten", sagte Wissenschaftsphilosoph Ravetz.

Keine Einigung über Abschlusserklärung

So machte sich am dritten und letzten Tag der Tagung eine gewisse Ratlosigkeit breit. Ravetz hätte gerne ein Abschluss-Statement formuliert: "Die Klimawissenschaft würde profitieren, wenn sie Verfahren für die Erhebung neuer Datensätze beschließt, die nach fest vereinbarten Standards validiert werden."

Doch am Ende konnte sich das Plenum nicht einigen, was einerseits daran lag, dass sich die Positionen selbst im Skeptiker-Lager stark unterscheiden. Zum anderen gab es auch Widerstand von den moderaten Forschern, die ihre Namen nicht unter einem Statement sehen wollten, das ihre Position im Streit mit den Kollegen weiter verschlechtern würde.

Die Warmisten werden den mangelnden Konsens sicher mit Wohlwollen aufnehmen. Der Status quo, in dem beide Parteien in ihren Schützengräben verharren, liegt möglicherweise in beider Interesse. Die Skeptiker können in ihren Internetforen behaglich weiter an ihren Verschwörungstheorien stricken. Und die Alarmisten? Ein Teilnehmer formulierte es so: "Die können die Politik weiter erpressen, indem sie sagen: 'Wenn ihr uns nicht folgt, dann übernehmen die Skeptiker das Feld.'"

Geophysikerin Curry hinterließ in ihrem Blog nach der Tagung einen sarkastischen Kommentar. Laut Wikipedia sei Versöhnung als "Wiederaufnahme normaler Beziehungen zwischen Kriegsparteien" definiert. "Aber es ist nicht klar", meint Curry, "ob es zwischen Mainstream-Wissenschaftlern und der kritischen Klima-Blogosphäre jemals normale Beziehungen gegeben hat."

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