Neuer Datensatz veröffentlicht Tiefste Punkte der Weltmeere vermessen

Zwischen dem höchsten Gipfel der Erde und dem tiefsten Punkt der Ozeane liegen etwa 19.772 Meter. US-Investor Victor Vescovo war an beiden Orten. Seine Tiefseeexpedition soll nun die Wissenschaft voranbringen.
Aufnahme aus dem Marianengraben (2009): Tiefster Punkt der Weltmeere

Aufnahme aus dem Marianengraben (2009): Tiefster Punkt der Weltmeere

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Tim Shank/ AP

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Victor Vescovo liebt die Extreme. Der US-Investor und Marineoffizier im Ruhestand hat die höchsten Berge aller Kontinente bestiegen, war aus eigener Kraft am Nord- und Südpol, außerdem interessiert er sich für die Tiefsee. Mit dem knapp fünf Meter langen Bathyscaphen »Limiting Factor« hat er die tiefsten Stellen aller Ozeane erreicht. Seine »Five Deeps Expedition« (FDE) war zehn Monate am Stück unterwegs und führte ihn auch zum Challengertief im Marianengraben, in rund 10.924 Meter Tiefe.

Die Tauchgänge haben Vescovo und sein Team im Sommer 2019 abgeschlossen. Doch weil die Tiefseeabenteuer nicht nur der Belustigung des zahlungskräftigen Expeditionschefs dienen sollten, sondern auch der Wissenschaft, wurde anschließend eine Fachpublikation vorbereitet. Diese ist vor wenigen Tagen im »Geoscience Data Journal«  erschienen.

550.000 Quadratkilometer hochauflösend kartiert

»Der Beitrag der FDE zur Kartierung der Ozeane ist in gewisser Weise einzigartig, sowohl durch ihren Fokus auf extreme Wassertiefen als auch durch ihre zehnmonatige kontinuierliche Messkampagne«, berichten die beteiligten Fachleute. Vescovo steht nicht auf der Autorenliste. Für einen finanzstarken Abenteurer ist das eine durchaus bemerkenswerte Zurückhaltung.

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Bei den Expeditionen wurden demnach insgesamt 550.000 Quadratkilometer Meeresboden hochauflösend kartiert. Das ist eine Fläche, die in etwa anderthalbmal so groß ist wie Deutschland. Mehr als 60 Prozent dieser Areale waren zuvor überhaupt noch nicht untersucht worden, so das Team.

»In der genauen Vermessung der Tiefsee haben wir nach wie vor große Defizite«, sagt auch Mathias Jonas, Generalsekretär der Internationalen Hydrographischen Organisation (IHO) mit Sitz in Monaco, dem SPIEGEL. »Jede Vermessung, die geeignet ist, die ›weißen Flecken‹ in den dunklen Tiefen zu tilgen, ist hochwillkommen.«

Patchwork-Karte des Ozeangrundes

An Land geben wir uns schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr mit solchen weißen Flecken auf den Karten zufrieden – im Bereich der Ozeane ist das aber noch immer die Norm. Schaut man sich Karten des Meeresbodens an, dann fällt auf: Direkt vor vielen Küsten vieler Staaten ist das Meer gut erkundet. Das hat auch damit zu tun, dass Staaten mithilfe der Messdaten bei der Uno beantragen können, die Ressourcen in bisher internationalen Meeresgebieten exklusiv nutzen zu dürfen.

So ergibt sich eine Patchwork-Karte des Ozeangrundes: Die Inselnation Japan sticht hier besonders heraus, aber auch die arktischen Meeresgebiete etwa vor Alaska, der Osten der USA und Teile des Mittelmeeres. Hier liegen hochauflösende Daten vor. In den Atlanten der Ozeantiefen mittlerweile auch gut erkennbar ist das Meeresgebiet vor Australien, in dem – erfolglos – nach der abgestürzten Boeing 777 des Fluges MH370 gesucht worden war.

Woanders könnte aber vielerorts noch immer »hic sunt dracones« stehen, wie es auf einigen alten Landkarten hieß, »hier leben Drachen«, denn dort fehlen abseits der Pfade einzelner Schiffsexpeditionen wichtige Messwerte. Rund 80 Prozent des Ozeanbodens sind bis heute nicht kartiert.

Das ist aus mehreren Gründen suboptimal: Für die Schifffahrt, zum Beispiel, aber auch für das Verlegen unterseeischer Kabel, für die Erforschung der Ozeanströmungen und ihres Einflusses auf den Klimawandel, aber auch für den Artenschutz ist eine detaillierte Kenntnis des Meeresbodens wichtig.

Integration in internationalen Datensatz

Der neue Datensatz leistet einen kleinen Beitrag, das zu ändern. Leitautorin der Publikation ist Cassandra Bongiovanni, der für das Unternehmen Caladan Oceanic LLC arbeitet. Die Firma hatte die »Five Deeps« Expedition für Vescovo organisiert. Für die Publikation wurden die Messdaten eines Fächerecholotes auf dem Begleitschiff »Pressure Drop« ausgewertet. Zusätzlich wurden die Daten durch Beobachtungen korrigiert, die unter anderem von Bord des Tauchbootes »Limiting Factor« gemacht wurden. Sie betreffen Temperatur und Salzgehalt des Wassers.

Damit ergeben sich folgende tiefste Punkte der Ozeane:

  • Atlantik: Brownsontief im Puerto-Rico-Graben (8378 ± 5 Meter),

  • Pazifik: Challengertief im Marianengraben (10.924 ± 15 Meter),

  • Indischer Ozean: noch unbenanntes Tief im Javagraben (7,187 ± 13 Meter),

  • Antarktischer Ozean: noch unbenanntes Tief im Süd-Sandwich-Graben (7432 ± 13 Meter),

  • Arktischer Ozean: Molloytief (5551 ± 14 Meter).

Das Team konnte auch klären, dass einige bisherige Kandidaten für einen Rekordstatus diesen Titel nicht verdienen, so etwa das Dordrechttief in der Diamantina Fracture Zone des Indischen Ozeans (7019 ± 17 Meter).

»So wie wir alle Gebirge und Täler an Land kennen, sollten wir gleiche Anstrengungen für die Ozeane unternehmen.«

Mathias Jonas, Generalsekretär der Internationalen Hydrographischen Organisation (IHO)

Die neuen Daten werden in das Projekt »Seabed 2030« integriert, für das sich die internationale Organisation Gebco (General Bathymetric Chart of the Oceans) und die Nippon Foundation zusammengeschlossen haben. In dessen Rahmen sollen die weißen Flecken am Ozeanboden bis zum Ende des Jahrzehnts verschwunden sein .

Dafür ist noch viel zu tun. Aktuell gelingt es dem US-Schiff »Okeanos Explorer« im Auftrag der Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA, jedes Jahr etwa 190.000 Quadratkilometer zu kartieren. Die ebenfalls von der US-Regierung ausgesandte »R/V Nautilus« kommt auf 135.000 Quadratkilometer, die vom Schmidt Ocean Institute privat betriebene »R/V Falkor« auf weitere 150.000.

»So wie wir alle Gebirge und Täler an Land kennen, sollten wir gleiche Anstrengungen für die Ozeane unternehmen«, sagt IHO-Generalsekretär Jonas. Seine Organisation ist Mutter des Gebco-Projektes. Vescovos Beitrag, die fünf tiefsten Tiefen aufgesucht zu haben, sei »sicher von höherem symbolischen Wert und garantiert öffentliche Aufmerksamkeit – aber seine Vermessungen in der Fläche bringen der Ozeanografie den größeren Wissenszuwachs«.

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