Vielzellerfossil in China Theorie zur Artenbildung wankt

Chinesische Forscher wollen die ältesten bekannten Vielzeller mit klar definierten Körperhälften gefunden haben. Die 0,2 Millimeter kleinen Tiere haben sich 50 Millionen Jahre vor dem Zeitpunkt entwickelt, der bislang als Startschuss für die irdische Artenvielfalt galt.


Mehrzeller-Fossil aus China: Wann entstanden komplexe Lebewesen wirklich?
Science

Mehrzeller-Fossil aus China: Wann entstanden komplexe Lebewesen wirklich?

Vor 540 Millionen Jahren ging ein Ruck durchs Tierreich. Während der "Kambrischen Explosion", so die gängige These der Artenentstehung, tauchte urplötzlich eine große Zahl zuvor unbekannter Vielzeller auf der Erde auf.

Doch in letzter Zeit stellen sich immer mehr Paläontologen die Frage, ob die neuen Arten wirklich so blitzartig entstanden sind. Schließlich deuten mehrere Funde darauf hin, dass die ersten Vielzeller schon lange vor Beginn des Kambriums die Erde bevölkerten.

Um die Theorie von der Kambrischen Explosion endgültig wanken zu lassen, fehlte bislang allerdings noch ein Puzzlestück: die ersten Vielzeller mit einer spiegelbildlichen Körperstruktur und komplexen Innereien. Forscher aus China und den USA glauben nun, wie sie im Fachmagazin "Science" berichten, genau darauf gestoßen zu sein.

Groß sind die Fossilien, die die Wissenschaftler in der Doushantuo Formation im Südwesten Chinas ausgegraben haben, allerdings nicht: Gerade einmal ein Fünftel Millimeter messen die versteinerten Strukturen. Dafür weisen sie überraschend viele Details auf: Das Paläontologen-Team um Jun-Yuan Chen von der Universität im chinesischen Nanjing ist überzeugt, auf einen spiegelbildlichen Organismus gestoßen zu sein, der neben Mund und Rachen auch paarweise Hohlräume entlang des Verdauungstraktes und doppelt vorkommende Beulen an der Außenhaut aufweist - möglicherweise Spuren von Sinnesorganen. Die Strukturen sind so komplex, dass sie eindeutig von einem erwachsenen Tier und nicht von einer Larve stammen müssen.

Am meisten verblüfft hat die Forscher allerdings das Alter ihrer Funde. Die unscheinbaren Klumpen, die bereits das Genmaterial für deutlich komplexere Lebensformen in sich tragen dürften, sind zwischen 580 und 600 Millionen Jahre alt. Somit krochen sie bereits rund 50 Millionen Jahre vor der Kambrischen Explosion über den noch jungen Planeten.

Der hatte sich gerade von einer extremen Eiszeit erholt, die von vielen Forschern unter dem Schlagwort "Schneeball Erde" zusammengefasst wird. Daher auch der Name der neu entdeckten Lebensform: Vernanimalcula, kleines Frühlingstierchen.

Von dessen Existenz sind indes nicht alle Paläontologen überzeugt. Stefan Bengtson vom schwedischen Naturgeschichtemuseum kritisiert in "Science" zum Beispiel, dass die entdeckten Gewebe-Strukturen überhaupt nicht tierischen Ursprungs sein müssen. Es könnte sich auch um dünne Mineralkrusten handeln, die sich rund um die Hüllen toter, einfach aufgebauter Organismen gebildet haben. Solche Mini-Särge seien in den untersuchten Gesteinen im Südwesten Chinas keine Seltenheit.



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