Virusinfektion Schweinegrippe-Ausbreitung in Spanien beunruhigt Experten

Das A/H1N1-Virus breitet sich in Europa aus, in Deutschland gibt es nun zehn Verdachtsfälle. In Spanien ist das Virus erstmals an einen Patienten übertragen worden, der vorher nicht in Mexiko war - gibt es weitere Fälle dieser Art, könnte die WHO ihre höchste Pandemie-Warnstufe sechs ausrufen.

Berlin/Wiesbaden/Mexiko-Stadt - In Deutschland gibt es drei neue Verdachtsfälle auf Schweinegrippe, sagte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Insgesamt würden damit jetzt zehn Verdachtsfälle überprüft, erklärte sie am Donnerstag im ARD-Morgenmagazin. Bei drei Menschen wurde bislang die Infektion mit dem Virus festgestellt.

Straßenszene in Bilbao (Spanien): Kann das Virus sich in der Bevölkerung etablieren und dort zu weiteren Infektionen führen?

Straßenszene in Bilbao (Spanien): Kann das Virus sich in der Bevölkerung etablieren und dort zu weiteren Infektionen führen?

Foto: AP

In Spanien ist die Zahl der bestätigten Infektionen nach Angaben des WHO-Sprechers Dick Thompson auf zehn gestiegen. Neun der Infizierten waren kürzlich in Mexiko. Einer jedoch habe sich nachweislich in Spanien mit dem Virus angesteckt. "Wir sehen jetzt auch in Spanien den Anfang von Mensch-zu-Mensch-Übertragungen", sagte Thompson im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die entscheidende Frage lautet jetzt: Kann sich das Virus in der Bevölkerung etablieren und dort zu weiteren Infektionen führen?" Die Antwort darauf sei derzeit unbekannt, das Virus gilt als unberechenbar. Sollte sich das Virus in Spanien aber unter Menschen, die nicht kürzlich in Mexiko waren, weiter verbreiten, werde die WHO prüfen, die Pandemie-Alarmstufe auf sechs anzuheben, sagte Thompson.

Verdacht einer Virus-Weitergabe in Bayern

Bisher wurden Mensch-zu-Mensch-Übertragungen nur aus Mexiko und den USA berichtet. Bei allen übrigen Fällen - unter anderem in Deutschland, Großbritannien, Neuseeland und Israel - handelte es sich um eingeschleppte Infektionen, also um Reisende, die sich zuvor in Mexiko aufgehalten hatten.

In Deutschland besteht jedoch der Verdacht, dass einer der drei Schweinegrippe-Patienten möglicherweise zwei weitere Personen infiziert hat. Es geht um den 37-Jährigen, der derzeit im Regensburger Universitätsklinikum behandelt wird. Im Kreiskrankenhaus Mallersdorf, wo der Mann zuvor mehrere Tage lag, könnte er eine Krankenschwester und einen Zimmernachbarn angesteckt haben. Der Vorstandsvorsitzende der Kliniken des Landkreises Straubing-Bogen, Alois Lermer, bestätigte am Donnerstag Medienberichte, wonach eine Schwester aus dem Raum Landshut vorbeugend mit Grippemitteln behandelt werde. Zudem zeige ein anderer Patient erste Symptome und sei deshalb in der Klinik isoliert worden.

Die Weltgesundheitsorganisation hatte gestern die Warnstufe für eine Pandemie mit Schweinegrippe von vier auf die zweithöchste Stufe fünf erhöht. Eine Pandemie gilt damit nun offiziell als unmittelbar bevorstehend. Noch allerdings steht nicht fest, wie häufig sie zu schweren oder gar tödlichen Verläufen führen wird. Außerhalb des amerikanischen Kontinents hat die Schweinegrippe bisher keine Todesfälle gefordert. Die Europäische Kommission geht jedoch fest davon aus, dass die Schweinegrippe in Europa demnächst zu Todesfällen führen wird.

Zahl der infizierten Mexikaner steigt

In Mexiko ist ein weiterer Mensch an der Schweinegrippe gestorben. Wie Gesundheitsminister José Ángel Córdova am Mittwochabend mitteilte, kamen damit bereits acht Personen nachweislich durch das A/H1N1-Virus ums Leben. Nach seinen Angaben erhöhte sich auch die Zahl der nachweislich Infizierten von bisher 49 auf 91. Er kündigte an, dass zur Eindämmung der Epidemie die gesamte Verwaltung auf Bundesebene über die Maifeiertage geschlossen bleiben solle, und forderte die Bundesstaaten und Städte auf, sich der Maßnahme anzuschließen.

"Die Lage bleibt ernst", sagte der Minister bei der Pressekonferenz in Mexiko-Stadt. Den Infizierten gehe es gut. 84 weitere Fälle, bei denen eine Infektion mit dem A/H1N1-Virus wahrscheinlich sei, würden derzeit noch untersucht. Zusätzlich zur Schließung der Schulen und Universitäten im ganzen Land sowie der Restaurants in der Hauptstadt sollen nun bis zum 6. Mai alle verzichtbaren öffentlichen Aktivitäten eingestellt werden.

Ausgenommen werden Supermärkte, Tankstellen, die Müllabfuhr und die Medien. "Zu jeder Zeit wird die Produktion von Lebensmitteln und Medikamenten sichergestellt", erklärte Córdova. Die Maßnahme sei zeitlich begrenzt und falle mit zwei Feiertagen am Freitag und Montag zusammen.

"Wir müssen wachsam sein"

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt sagte, sie sei besorgt über die Entwicklung, "weil wir auch in den letzten Tagen eine sehr starke Dynamik haben". Überall auf der Welt träten bestätigte Verdachtsfälle auf. "Wir müssen wachsam sein. Und ich bin sehr froh, dass wir in den letzten Jahren sehr intensiv daran gearbeitet haben, dass wir hier in Deutschland einen Pandemieplan haben." Die SPD-Politikerin sagte, die Schweinegrippe könne mit den vorhandenen Medikamenten bekämpft werden. Sie begrüßte es, dass auf Flügen der Lufthansa von und nach Mexiko ein Arzt an Bord der Maschinen sei.

Schmidt sprach sich gegen die Forderung Frankreichs aus, wegen der Schweinegrippe jetzt alle Flüge nach Mexiko auszusetzen. Das wäre eine "sehr drastische Maßnahme", sagte die SPD-Politikerin. "Im Moment ist die Situation nicht gegeben. Ob es das geben könnte, wird von der weiteren Entwicklung abhängen."

Die französische Gesundheitsministerium Roselyne Bachelot hatte ankündigt, sie werde die Europäische Union an diesem Donnerstag zur Aussetzung aller Flüge nach Mexiko auffordern. Schmidt sagte, bei dem Krisentreffen der EU werde es unter anderem um die Bevorratung von Medikamenten, die Kommunikationswege innerhalb der EU und einheitliche Maßnahmen wie Kontrollen an den Flughäfen gehen.

Derweil gab es Entwarnung in Hessen: Die Verdachtsfälle auf Schweinegrippe hätten sich in dem Bundesland nicht bestätigt. Wie die Behörden der Landkreise Lahn-Dill und Main-Kinzig sowie der Stadt Wiesbaden erklärten, verliefen Schnelltests in allen drei Fällen negativ. Weitere Untersuchungen wurden anberaumt, deren Ergebnis aber erst in mehreren Tagen feststehen wird. Bei den Betroffenen handelt es sich um Frauen, die vor wenigen Tagen aus Mexiko und den USA zurückgekehrt waren. Alle drei Patientinnen hatten leichte Grippesymptome aufgewiesen.

Das Schweinegrippe-Virus

hda/dpa/AP
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