Vogelgrippe in Nürnberg Experten rätseln über Herkunft der Erreger

Noch steht nicht fest, auf welchem Weg die H5N1-Erreger nach Nürnberg gelangt sind. Gewissheit könnten Gen-Untersuchungen der Viren bringen. Wissenschaftler sehen derzeit keinen Grund für eine bundesweite Stallpflicht.


Hamburg - Trotz der neuen Fälle von Vogelgrippe in Nürnberg haben Experten Forderungen nach einer bundesweiten Stallpflicht für Geflügel zurückgewiesen. "Derzeit ist es ein lokalisiertes Geschehen", sagte der Präsident des zuständigen Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), Thomas Mettenleiter. Es gebe noch keinen Anlass für eine erhöhte Risikowarnung. Man beobachte die Entwicklung weiter sehr genau und versuche nun zunächst, die Herkunft des Virus zu klären. Nur in der derzeitigen Risikoregion müsse aufgestallt - das Geflügel also eingesperrt - werden.

Nürnberg: Ein Mitarbeiter des Tierrettungsdienstes beobachtet eine Ente, welche Symptome der Vogelgrippe aufweist
DPA

Nürnberg: Ein Mitarbeiter des Tierrettungsdienstes beobachtet eine Ente, welche Symptome der Vogelgrippe aufweist

Das auf der Ostseeinsel Riems ansässige FLI hat nach eigenen Angaben am Wochenende bei sechs von neun Proben das hochpathogene Virus H5N1 nachgewiesen. Die infizierten fünf Höckerschwäne und eine Kanadagans waren an zwei Seen im Nürnberger Stadtgebiet gefunden worden. Dort wurden am Samstag ein Sperrbezirk und ein Beobachtungsgebiet eingerichtet. Am heutigen Montag meldete Nürnberg den 15. Verdachtsfall. "Weitere Fälle sind uns noch nicht gemeldet worden", sagte Mettenleiter.

Nun suchen Epidemiologen in Nürnberg Spuren, die darauf hinweisen sollen, woher das Virus stammt, sagte Mettenleiter. Im Labor auf der Ostseeinsel Riems werde der genetische Fingerabdruck des Virus untersucht. Dann solle es mit Viren aus Ungarn und Tschechien verglichen werden, wo die Vogelgrippe im Januar beziehungsweise in der vergangenen Woche aufgetreten war.

Grüne für Tierimpfung

Das in Nürnberg aufgetauchte Vogelgrippevirus stellte auch das Bundeslandwirtschaftsministerium vor Rätsel. Tschechien sei als Herkunftsland eine Vermutung, die aber noch nicht belegt sei, sagte eine Sprecherin in Berlin. Ob und wie sich der Erreger auf andere Bundesländer ausbreiten könne, sei ebenfalls noch nicht einzuschätzen. Derzeit handele es sich um ein "lokales Seuchengeschehen", sagte die Sprecherin.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Unterdessen forderten die Grünen eine Impfung für Tiere. "Die neuen Vogelgrippe-Fälle rufen in Erinnerung, dass das Virus noch lange eine Bedrohung bleiben wird", erklärte die stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Bärbel Höhn. "Die Bundesregierung sollte endlich den Weg frei machen für Impfungen", forderte Höhn.

In Deutschland war erstmals Mitte Februar 2006 das Vogelgrippe-Virus bei zwei Schwänen auf der Insel Rügen festgestellt worden. Bundesweit wurden vergangenes Jahr 344 Wildvögel sowie drei Katzen und ein Steinmarder als Träger von H5N1-Viren ausgemacht. Im April 2006 wurde das Virus in einem Geflügelzuchtbetrieb in Sachsen nachgewiesen, woraufhin der gesamte Bestand getötet wurde.

hda/AP



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