Vorahnungen Rätselraten um den sechsten Sinn der Tiere

Der Tsunami in Asien ließ zehntausende menschliche Leichen zurück. Tiere aber scheinen auf geheimnisvolle Weise die Katastrophe geahnt zu haben. Das fast völlige Fehlen von Kadavern in den überfluteten Städten hat eine alte Debatte neu entfacht: Besitzen Tiere einen "sechsten Sinn" für Katastrophen?

Als sich das Meerwasser aus dem Yala-Nationalpark zurückzog, kehrte Totenstille ein. Das größte Naturreservat Sri Lankas war vollkommen verwüstet. Als die Helfer endlich eintrafen, fanden sie die Leichen von rund 200 Menschen - aber keine Tierkadaver. Und das, obwohl das Reservat die Heimat von Krokodilen, Wildschweinen, Wasserbüffeln, Affen, Leoparden und 200 Elefanten ist. Alle schienen die Riesenwelle, die bis zu drei Kilometer tief in den Park gerast war, in weiser Voraussicht gemieden zu haben. "Es gibt keine toten Elefanten, nicht einmal einen toten Hasen oder ein totes Kaninchen", sagte H. D. Ratnayake, Vizedirektor der Naturschutzbehörde Sri Lankas.

Spätestens seitdem bekannt ist, dass die Monsterwelle auch in den überfluteten Städten kaum Tiere in den Tod gerissen hat, ist die Debatte um den "sechsten Sinn" der Fauna wieder in vollem Gange. In Zeitungen und im Internet kursieren zahlreiche Spekulationen über die Gründe des rätselhaften Phänomens.

Anekdoten über hysterisch bellende Hunde, aus dem Wasser hüpfende Fische und durchdrehendes Weidevieh vor schweren Erdbeben sind ebenso zahlreich wie gleichmäßig über die Jahrhunderte verteilt.

Für Forscher sind die tierischen Vorahnungen ein eher frustrierendes Gebiet. An einleuchtenden Theorien herrscht kein Mangel, an sicheren Erkenntnissen umso mehr. "Die Vorahnungen der Tiere werden von der Wissenschaft nicht als Erfindung abgetan, dafür gibt es einfach zu viele Berichte über sie ", sagt Helmut Tributsch, 61, Professor für physikalische Chemie an der Freien Universität Berlin. "Aber eine Beweisführung ist schwierig, da Studien über lange Zeiträume hinweg finanziert werden müssten. Schwere Erdbeben sind eben selten."

Tributsch beschäftigt sich seit fast 30 Jahren mit den Vorahnungen der Tiere. 1976 verwüstete ein Erdbeben sein norditalienisches Heimatdorf. "Die Bauern haben mich als Wissenschaftler gefragt, wie die Tiere vorher von dem Unglück gewusst haben können", sagt der Chemiker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Tributsch wälzte daraufhin die Erdbebenberichte der Jahrhunderte und fand einige immer wiederkehrende Details. Schon der römische Schriftsteller Plinius der Ältere nannte unruhige Vögel als eines von vier Erdbeben-Vorzeichen. "Auch Alexander von Humboldt berichtete im Jahr 1797, dass die Tiere verrückt spielten, kurz bevor in der Stadt Cumana in Venezuela die Erde bebte", so Tributsch.

Insbesondere erd- und höhlenlebende Tiere wie Mäuse, Ratten, Schlangen und Fledermäuse tauchen immer wieder in den Berichten auf. Auch Fischen, Rindern und Pferden werden Erdbeben-Vorahnungen nachgesagt. "Statistisch gesehen gibt es diese Phänomene rund 20 Stunden vor Erdbeben ab der Stärke 6,5 auf der Richterskala", sagt Tributsch. "Je näher das Beben rückt, desto deutlicher werden die Verhaltensänderungen."

Geladene Schwebeteilchen

Den Wahrheitsgehalt solcher Berichte zweifeln Wissenschaftler kaum an. "Es ist schwer von der Hand zu weisen, dass bestimmte Tiere im Vornherein von Erdbeben wissen", sagte Matthew van Lierop, Tierverhaltensforscher am Zoo von Johannesburg in Südafrika, dem "Wall Street Journal". Unklar aber ist, wie sie das schaffen.

Schallwellen und Flammensäulen: Wie Tiere die Vorzeichen von Erdbeben wahrnehmen könnten

Eine Theorie etwa besagt, dass es vor Erdbeben zu Aufladungen in der Atmosphäre kommt , die unter anderem Wetterleuchten auslösen können. So berichteten kanadische Wissenschaftler im Oktober 2003 im Fachblatt "Seismological Research Letters" über ungewöhnlichen Lichterscheinungen vor und nach Erdbeben.

Rätselhafte Erdbebenlichter werden schon seit der Antike beschrieben, etwa von Seneca, der "immense Flammensäulen" erwähnte, die vor der Zerstörung der Städte Helike und Bura das Erdbeben angekündigt hätten. 1968 präsentierte der japanische Geologe Yutaka Yasui erstmals Fotos von roten und blauen Farbstreifen am Himmel, die einen ganzen Schwarm kleinerer Beben in der Region Matsushiro begleiteten.

"Gut dokumentiert" ist laut Tributsch, dass positiv geladene Schwebeteilchen in der Luft, so genannte Aerosole, im Gehirn zur Ausschüttung von Serotonin führen können. Der Botenstoff löst Aufregung und Angst aus.

Allerdings könne das nicht die einzige Erklärung für die Aufregung unter Tieren kurz vor einem Beben sein, räumt der Forscher ein. Denn das Epizentrum der Erschütterung, die den Tsunami in Asien auslöste, lag in 40 Kilometern Tiefe. Die Wassermassen rollten erst Stunden später über die indische Küste hinweg. "Möglicherweise können Tiere die Schallwellen und Vibrationen wahrnehmen, die entstehen, wenn die Schockwelle über den Meeresboden rast", vermutet Tributsch. "Schall breitet sich in Gestein wesentlich schneller aus als die Welle im Meer."

Wechselnder Erfolg beim Tier-Einsatz

Bewohner von Erdbebengebieten haben immer wieder versucht, Tiere als lebendes Frühwarnsystem zu benutzen - allerdings mit wechselhaftem Erfolg. "In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren verteilte die chinesische Regierung Fächer mit Anweisungen, welche Warnsignale die Bauern den Behörden melden sollten", sagt Tributsch.

Im Februar 1975 schien die Initiative von Erfolg gekrönt. Bewohner der nordostchinesischen Stadt Haicheng hatten beobachtet, wie Schlangen aus dem Winterschlaf erwachten und ans Tageslicht krochen, um dann auf den Straßen zu erfrieren. Vor allem wegen solcher Berichte wurde Haicheng evakuiert - nur wenige Tage, bevor ein Beben der Stärke 7,3 die Stadt dem Erdboden gleichmachte. Nur vier Menschen kamen damals ums Leben.

Doch dem Erfolg, der Tributsch als Titel seines Buches "Wenn Schlangen erwachen" diente, folgte nur wenig später die tragische Ernüchterung. 1976 erschütterte ein Erdstoß der Stärke 7,8 die chinesische Industriestadt Tangshan. Bis zu 655.000 Menschen starben.

Im Nachhinein gab es zwar Berichte darüber, dass auch vor diesem Beben Tiere verrückt gespielt haben sollen. Laut Tributsch kam eine Kommission der chinesischen Akademie der Wissenschaften zu dem Schluss, dass die politischen Wirren der damaligen Zeit die Weitergabe der Warnungen an die verantwortlichen Stellen verhindert hätten.

Tatsächlich besagte ein Report der Vereinten Nationen, dass die Bewohner einer Nachbarregion von Tangshan bestens auf das Beben vorbereitet gewesen seien, weil sie nachtaktive Tiere wie Wiesel und Ratten am helllichten Tage gesichtet hätten. Da die Berichte aber erst nach der Katastrophe bekannt wurden, ist ihr Wahrheitsgehalt heute kaum noch überprüfbar.

"Natürlich gibt es zahlreiche Meldungen, dass Tiere genauso von einem Erdbeben überrascht worden sind wie die Menschen", sagt Tributsch. Allerdings könnten diese Fälle auch dazu genutzt werden, die Theorien über die Ursachen der Tier-Wahrnehmungen zu überprüfen. "Regen würde etwa verhindern, dass geladene Schwebeteilchen in der Luft auf das Beben hinweisen."

Die Tatsache aber, dass die Geschichte der tierischen Prophezeiungen beinahe ebenso lang ist wie die der Erdbeben-Tragödien, lässt vermuten, dass Tiere nicht als zuverlässiges Beben-Warnsystem funktionieren. Auch Plinius dem Älteren nutzte sein Wissen um die Vorzeichen am Ende wenig. Der römische Naturforscher und Offizier starb im Jahr 79 - in Pompeji, beim Ausbruch des Vesuvs.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.