Vorwürfe gegen den WWF Sturm im Pandaland

Zu große Industrienähe und sogar Sympathie für Gentechnik - der WWF muss sich nach einer TV-Dokumentation mit schweren Vorwürfen auseinandersetzen. Mühevoll versuchen die Umweltschützer, ihren Ruf zu retten. Denn die Organisation lebt von Spenden.
WWF-Aktion in Paris 2008: Diskussion nach TV-Dokumentation

WWF-Aktion in Paris 2008: Diskussion nach TV-Dokumentation

Foto: AFP

Rund 423.000 Menschen spenden regelmäßig Geld für die deutsche Sektion des WWF. Laut Jahresbericht 2009 kamen so 24,2 Millionen Euro zusammen. Und zumindest diesen Unterstützern muss die Umweltschutzorganisation mit dem Panda im Logo derzeit einiges erklären. Schuld daran ist ein Dokumentarfilm, den die ARD am späten Mittwochabend ausgestrahlt hat.

"Pakt mit dem Panda - was uns der WWF verschweigt " heißt das Werk des dreifach Grimme-Preis-gekrönten Filmemachers Wilfried Huismann. Der Film greift die Umweltschützer wegen vermeintlicher Nähe vor allem zur Agrarindustrie scharf an. Bei Reisen nach Indonesien, Indien, Argentinien und die USA hat Huismann höchst beunruhigende Bilder zusammengetragen. Sie zeigen zwangsumgesiedelte Naturvölker, durch Palmenplantagen ersetzte Urwälder, von Ökotouristen gestörte Tiger, Soja-Monokulturen bis zum Horizont - und all das vermeintlich mit dem Segen der Umweltschützer.

"Die Erde wird vom Agro-Business aufgeteilt - und der WWF ist mit von der Partie", heißt es im Film. Die Kritik macht sich unter anderem daran fest, dass der WWF zusammen mit großen Agrarkonzernen wie Monsanto an sogenannten Runden Tischen für Soja- (RTRS) und Palmölproduzenten (RSPO) sitzt. Multinationale Industrieriesen könnten sich so selbst bei zweifelhaften Praktiken des Wohlwollens der Umweltschützer sicher sein. Doch damit nicht genug. Die Organisation setze sich auch für die großflächige Verbreitung von genverändertem Saatgut ein: "Der Panda hat sich mit der Gentechnikindustrie verbündet. Nur merken soll es keiner."

"Das Vertrauen ist auf alle Fälle weg"

Für die Umweltschützer ist der Film ein PR-Desaster. "Das Vertrauen ist auf alle Fälle weg. Wer weiß, wo unsere Spendengelder beim WWF versickern", beklagt ein Nutzer im eilig eingerichteten Diskussionsforum auf der Web-Seite der Organisation. "Meine Tochter hat die Young-Panda-Poster schon abgehängt", berichtet ein anderer. Der WWF fühlt sich freilich zu Unrecht an den Pranger gestellt. "Wir haben kein Problem, uns sachlicher Kritik zu stellen", sagt Eberhard Brandes, Vorstand von WWF Deutschland, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Angesprochen auf den Huismann-Film bemüht er sich bewusst um diplomatische Formulierungen. Er sei "erstaunt" über die "ideologisierte Reportage" voller "falscher Behauptungen", sagt Brandes.

Beim WWF legt man Wert darauf, dass man nicht juristisch gegen den Film vorgegangen sei. Der WDR, der den Film für die ARD produziert hat, bestätigt das auf Anfrage. Allerdings habe der Sender mehrere Änderungen in der Presseankündigung der Dokumentation vornehmen und entsprechende Unterlassungserklärungen abgeben müssen. Mit einem eigenen Twitter-Account, einem Live-Chat und einem siebenseitigen " Faktencheck " auf seiner Web-Seite versucht der WWF nun, seine Sicht auf die Dinge darzustellen. Rund zwei Dutzend Einzelpunkte aus dem Film werden abgearbeitet. Das Dokument landete jedoch erst zwölf Stunden nach der Ausstrahlung im Netz. Manch einem mag das zu lang erscheinen.

Zu erklären gibt es durchaus einiges: So macht eine deutsche WWF-Mitarbeiterin bei einem Interview im Film alles andere als eine gute Figur. Gefragt nach den Erfolgen ihrer Organisation kommt sie gehörig ins Schwimmen. Bei der Diskussion um Gentechnik schweigt sie ganz. Beim WWF heißt es, die Frau sei zum Zeitpunkt des Interviews erst ganz neu an Bord gewesen. Vorher arbeitete sie - das mag zumindest manchem pikant erscheinen - beim Bundesverband der Deutschen Bioethanolwirtschaft.

Außerdem macht ein amerikanischer WWF-Vertreter unverhohlen Front für Gen-Saatgut - obwohl die Organisation laut "Faktencheck" eine klare Linie hat: "Wir lehnen Gentechnik ab." Der Amerikaner habe eine "einzelne Außenseitermeinung" geäußert", wiegelt der WWF ab. In Länderorganisationen gebe es eben "Mitarbeiter, deren Meinung sich nicht mit der offiziellen WWF-Position deckt".

Diskussion um Nähe zur Industrie

Den von Huismann pointiert formulierten Vorwurf der Industrienähe hat man beim WWF über die Jahre immer wieder hören müssen. Die Organisation setzt auf Kooperationen, so prangt etwa das WWF-Logo auf einem Joghurtbecher von Danone, der aus Biokunststoff hergestellt wird.

Bei Greenpeace etwa kultiviert man einen anderen Stil. Hier ließ sich der Chef der Organisation, Kumi Naidoo, unlängst auf einer Grönländischen Ölplattform festnehmen. Bei WWF diskutiert man stattdessen lieber mit den Umweltsündern. "Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass wir es ohne eine Beteiligung der Unternehmen nicht schaffen werden", sagt WWF-Vorstand Brandes.

Eine repräsentative Emnid-Umfrage habe erst unlängst ergeben, dass drei Viertel der befragten Deutschen kein Problem mit Industrie-Kooperationen des WWF habe. Unter strengen Regeln, setzt Brandes nach. So nehme sich der WWF das Recht, sich bei Problemen jederzeit aus Gemeinschaftsprojekten zurückzuziehen.

Tatsache ist: Im Gegensatz zu manch anderer Umweltschutzorganisation nimmt der WWF auch Geld aus der Wirtschaft an. So haben Kooperationspartner im Jahr 2009 insgesamt 3,1 Millionen Euro an die deutsche Sektion gezahlt. Dazu kamen Firmenspenden in Höhe von 613.000 Euro. Doch wichtiger waren immer die Spenden von Privatpersonen - und die könnten allergisch auf die Vorwürfe im Film reagieren.

Werden dem WWF durch die Dokumentation also auf breiter Front diese Spender abhanden kommen? Vermutlich nicht, denn Geldgeber für die vermeintlich gute Sache sind tendenziell treu. "Negativnachrichten manifestieren eher Vorurteile, die es unter Nichtspendern gibt, als dass sie Spender verunsichern", sagt Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen. Das DZI verteilt ein Gütesiegel für Organisationen. Der WWF trägt es nicht - weil er sich nicht darum bemüht hat. "Insgesamt muss sehr viel zusammenkommen, damit eine Organisation in eine Glaubwürdigkeitskrise gerät", erklärt Wilke.

Die deutsche Sektion von Unicef hat das erlebt, nachdem es 2008 einen offenen Kampf im Vorstand gegeben hatte. Hintergrund waren unter anderem umstrittene Provisionszahlungen an Spendenwerber. Im Zuge der Angelegenheit ging auch das DZI-Gütesiegel verloren. Doch 80 Prozent der Dauerspender standen zu ihrer Organisation. Beim WWF wird man auf deutlich mehr Unterstützung hoffen.

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