Vulkaninsel Surtsey Labor des Lebens auf Zeit

1963 wächst ein Vulkan vor Island aus dem Meer und macht den Wissenschaftlern ein einmaliges Geschenk. Noch nie zuvor konnten sie beobachten, wie Tiere und Pflanzen unberührten Fels erobern. Doch schon in hundert Jahren könnte das neue Domizil von Strandhafer und Silbermöwen wieder im Meer versinken.

Von Katharina Kramer, Jonathan Olley (Fotos)


Surtsey-Vulkan: Anfangs 2,5 Quadratkilometer groß
Jonathan Olley

Surtsey-Vulkan: Anfangs 2,5 Quadratkilometer groß

Im Morgengrauen klingelt das Telefon den Geologen Sigurdur Thorarinsson aus dem Tiefschlaf. "Ein Vulkanausbruch südlich von Island?" Der Wissenschaftler ist augenblicklich hellwach. Drei Stunden später kreist er schon in einem Flugzeug über dem Vulkan. Einige Meter nur ragt der Feuerberg an diesem 14. November 1963 aus dem Meer. 3600 Meter hoch speit er Rauch, Asche und Lava in weiß-grauen Wolken in den Himmel. Jeden Lavaausstoß begleitet ein Donnergrollen. Hagelkörner, die sich um herausgeschleudertes Vulkangestein bilden, prasseln auf die kleine Propellermaschine.

In den folgenden Tagen braucht Thorarinsson kein Flugzeug mehr. Er kann die jetzt 12000 Meter hohe Eruptionssäule bequem von seinem 120 Kilometer entfernten Wohnort Reykjavík beobachten. Der junge Vulkan spuckt um sich wie wild - entschlossen zu wachsen. Schon am dritten Tag ist er 550 Meter lang und 40 Meter hoch.

Inzwischen überfliegt noch ein Wissenschaftler das Eiland, der Biologe Sturla Fridriksson. Ein solcher Vulkan, der sich aus dem Meer erhebt, ist nicht nur für Gesteinskundler interessant. Auch Biologen bietet er eine seltene Gelegenheit. Sie können beobachten, wie sich auf dem völlig sterilen neuen Land nach und nach das Leben einstellt. Doch so weit ist es in jenem Herbst des Jahres 1963 noch lange nicht.

Auf dem Mittelatlantischen Rücken, aus dem die neue Insel sich erhebt, kommt es immer wieder zu Vulkanausbrüchen. Die 19000 Kilometer lange und bis zu 4000 Meter hohe unterseeische Gebirgskette, die sich von Nord nach Süd durch den Atlantik zieht, liegt auf der plattentektonischen Nahtstelle zwischen Amerika und Europa. Ständig dringt glutflüssiges Magma aus dem Erdmantel an die Erdoberfläche. Es zwängt sich zwischen die europäische und amerikanische Platte und schiebt so die beiden Kontinente jährlich um zwei Zentimeter auseinander. Über Jahrmillionen türmten an dieser Schnittstelle Vulkanausbrüche ganz Island auf. Die meisten Eruptionen auf dem Mittelatlantischen Rücken geschehen in mehreren tausend Meter Wassertiefe. Die wenigen Vulkane, die es doch einmal bis an die Wasseroberfläche schaffen, verschlingen meist bald die bis zu 20 Meter hohen Brecher des Nordatlantiks.

Es besteht die Gefahr - so müssen Thorarinsson und Fridriksson sich eingestehen -, dass auch ihr neuer Forschungsgegenstand sich nicht lange hält. Die isländische Regierung sieht das ebenso und beeilt sich, dem neuen Inselchen vor der Südküste einen Namen zu geben. Sie taufen es "Surtsey" - nach dem Feuerriesen Surtur, von dem die isländische Mythologie erzählt, dass er am jüngsten Tag von Süden kommt und sein Schwert bis in den Himmel schwingt.

Nach einigen Monaten hält Thorarinsson das Warten nicht mehr aus. Er möchte Surtsey betreten. Mit einem Schlauchboot und sechs Kollegen nähert er sich am 19. Februar 1964 dem Vulkan. Eine starke Strömung treibt die Wissenschaftler den Klippen entgegen. Die meterhohe Brandung macht sich ihren Spaß mit dem kleinen Boot. Klitschnass und vor Kälte zitternd, finden sich die Forscher wenig später am Sandstrand wieder - ihre Kameras und Utensilien versinken im Meer. Rechts und links von ihnen gehen mit dumpfem Aufprall so genannte Bomben nieder - an der Luft zu festem Gestein erstarrte Lavafetzen, die der Vulkan auf die Eindringlinge niederprasseln lässt. Die Geologen zwingen sich, still zu stehen. Erst im letzten Moment den Gesteinsbrocken auszuweichen: darin liegt die Kunst - und das Berufsrisiko.

Als die Forscher heil die Lavadecke erreichen, lauschen sie auf jedes Knistern, denn unter der Lavakruste klaffen Schächte mit flüssigem Magma. Gleichzeitig setzen die Wissenschaftler schnell einen Fuß vor den anderen. Wer zu lange an einer Stelle verharrt, dem schmelzen die Schuhsohlen weg. Als ein Geologe seinen Rucksack auf dem Boden stehen lässt, versengt das Gepäckstück auf die Hälfte seiner Größe.

Auch Anfang April 1964 wird Surtur das Spucken nicht leid. Auf einem Routineflug allerdings beobachtet Thorarinsson etwas Neues: Über dem Nordosten der Insel steigt eine weiße Dampfsäule auf. Im Krater hat sich ein Lavasee gebildet, in dem meterhohe goldene Fontänen spielen. Ein glühender Strom rollt die Hänge hinab ins Meer. Wo die Lava auf das Wasser trifft, kocht eine Wand aus Dampf empor. Nach Monaten des Wartens endlich die Erleichterung. Thorarinsson sendet eine Nachricht an den isländischen Rundfunk: "Ein Lavafluss hat begonnen. Der Bestand der Insel ist gesichert." Die Lavadecke wird dem Vulkan einen Schutzschild gegen die Erosion des Nordatlantiks bieten.

Surtsey: Erstes Leben auf totem Stein
Jonathan Olley

Surtsey: Erstes Leben auf totem Stein

Die isländische Regierung erklärt den auf 2,7 Quadratkilometer angewachsenen Vulkan zum Forschungsterrain. Kein Tourist, kein Fischer, niemand darf ihn betreten. Die Wissenschaftler sollen beobachten können, wie sich die Insel ohne jeglichen menschlichen Eingriff entwickelt. Von diesen Untersuchungen verspricht man sich auch Erkenntnisse darüber, wie man in einem Land wie Island, wo alle fünf Jahre ein Vulkan ausbricht, verödete Gebiete wieder erfolgreich mit Pflanzen besiedeln kann.

Noch niemals zuvor hatte eine Vulkaninsel von Anbeginn unter wissenschaftlicher Beobachtung gestanden. Auf dem indonesischen Vulkaneiland Krakatoa, das 1883 aus dem Meer stieg, trudelte der erste Botaniker erst drei Jahre nach der Eruption ein - als sich schon 30 Pflanzenarten niedergelassen hatten. Verglichen mit Krakatoa, wo das pralle tropische Leben die neue Insel im Nu überflutete, besiedeln Flora und Fauna das nordatlantische Surtsey "in Zeitlupe", erläutert Fridriksson. "Wie das Leben Schritt für Schritt die Insel erobert, lässt sich genauestens beobachten."

Damit das funktionieren kann, muss das Eiland so gut wie irgend möglich menschlichem Einfluss entzogen sein. Die Surtsey Research Society, die über den Vulkan wacht, stellt strenge Regeln für die wenigen Menschen auf, die die Insel überhaupt betreten dürfen: außer Wissenschaftlern noch der eine oder andere Journalist - oder Schiffbrüchige, denen man schwerlich den Zutritt verweigern kann. Eine Wandtafel in der hölzernen Forscherhütte auf Surtsey mahnt alle Besucher: "Bei der Ankunft auf der Insel achten Sie bitte darauf, dass Sie keine Erde und keinen Sand mit sich führen, auch nicht an Schuhwerk oder Kleidung. Bitte bewahren Sie alles Essen in der Hütte auf und nehmen Sie es grundsätzlich nicht außerhalb der Hütte ein. Bitte Essensreste eingraben, verbrennen oder bei Verlassen der Insel mitnehmen. Bitte benutzen Sie die Toilette in der Hütte und befolgen Sie genau die Anweisungen für ihren Gebrauch."

Jeder, der auf Surtsey forscht, wäscht vorher seine Kleidung, bürstet Schuhe und Schuhsohlen ab und bringt einen keimfreien Rucksack mit. Denkbar lebensfeindlich thront der Vulkan mit den auf Flora und Fauna wartenden Wissenschaftlern im Meer. Der Boden ist steril. Alles Regenwasser versickert ungefähr in dem Moment, in dem es fällt. 200 Tage im Jahr fegen Stürme über das Eiland. Kaum verwunderlich, dass sich Nasa-Astronauten von dieser Einöde an etwas erinnert fühlen. Sie fragen an, ob sie auf Surtsey für ihre bevorstehende Mondlandung üben dürfen.



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