Waldbrände Die programmierte Katastrophe

Italien, Kanaren, jetzt die Feuerhölle in Griechenland: Die Waldbrände in Südeuropa werden immer verheerender. Schuld ist ein verhängnisvolles Zusammenspiel von skrupellosen Brandstiftern, miserabler Waldwirtschaft und untätigen Politikern.

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Waldbrände können ein Segen sein. Die nordamerikanische Lodgepolekiefer beispielsweise benötigt die Hitze des Feuers als Impuls, damit sich die Zapfen öffnen und die Samen für die neuen Waldgenerationen freisetzen. Durch Brände finden die Keimlinge und jungen Bäumchen optimale Wuchsbedingungen, da die Konkurrenz durch andere Pflanzenarten noch gering ist und genügend Nährstoffe zur Verfügung stehen. Nach einer Studie der Umweltschutzorganisation WWF vom Juli sind 46 Prozent der Ökoregionen weltweit vom Feuer abhängig oder beeinflusst. Waldbrände sind in diesen Regionen für Flora und Fauna genauso wichtig wie Regen oder Sonnenschein.

Doch was derzeit in Griechenland passiert - das hat mit natürlichen Prozessen, die der Erhaltung des Waldes dienen, nichts mehr zu tun. Genau wie bei den anderen Bränden in jüngster Zeit in Europas südlichen Ländern, ob in Italien oder auf den Kanaren.

Die geballt auf der Halbinsel Peloponnes auftretenden Brände deuten auf gezielte Brandstiftungen hin, so sieht es auch der griechische Ministerpräsident Kostas Karamanlis. Vier mutmaßliche Zündler wurden bereits am gestrigen Samstag festgenommen. Warum aber brennt es in den vergangenen Jahren immer häufiger und immer schwerer in Griechenland, auf den Kanaren, Portugal und anderswo im Mittelmeerraum?

Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO gibt es in den mediterranen Wäldern jedes Jahr mindestens 50.000 Brände, 700.000 bis eine Million Hektar werden dabei zerstört. Dies entspricht der Fläche Kretas oder Korsikas. Experten erschreckt insbesondere die extreme Zunahme großflächiger Brände in den vergangenen Jahrzehnten. Die durchschnittliche jährliche Waldbrandfläche habe sich seit den sechziger Jahren vervierfacht, heißt es in der WWF-Studie. Betroffen sind vor allem Spanien, Portugal, Italien und Griechenland, wo seit Freitag riesige Flächen in Flammen stehen.

Weil die Wälder in Südeuropa leicht ein Opfer der Flammen werden können, haben Länder wie Frankreich spezielle Feuerwehren eingerichtet, die über das erforderliche Know-how verfügen, um Waldbrände im unwegsamen Gelände bekämpfen zu können.

Eine besonders große Gefahr geht von starken, häufig ihre Richtung wechselnden Winden aus. Diese verhindern derzeit auch auf dem Peloponnes eine effektive Brandbekämpfung. Feuerwehrleute kann der Wechsel der Windrichtung das Leben kosten, wenn eine Feuerwalze plötzlich und unerwartet auf sie zurollt.

Dass die Brände immer größer und schlimmer werden, überrascht Waldbrandforscher wie Johann Goldammer von der Universität Freiburg kaum. Die Struktur des ländlichen Raumes habe sich geändert, sagte er in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Immer mehr Menschen würden das Land verlassen, Höfe lägen brach. Flächen zwischen den Wäldern wucherten zu. Bewirtschaftete Felder, die wie Schneisen das Überspringen der Flammen von einem Wald zum anderen verhinderten, verschwinden.

Und auch der Wald selbst hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. "Niemand sammelt mehr Feuerholz", beklagte Goldammer. Wenn es dann zum Brand komme, würden die Feuer heißer, als es je in der Geschichte der Kulturlandschaft der Fall war.



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