Katastrophen Experten warnen vor extremem Anstieg von Waldbränden

Extreme Landschaftsbrände könnten künftig dramatisch zunehmen, warnt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in einem neuen Bericht. Die Forschenden raten dazu, weniger Geld für spektakuläre Löschaktionen auszugeben.
Ein Waldbrand im brasilianischen Mato Grosso, eines der größten je dort beobachteten Wildfeuer (August 2020)

Ein Waldbrand im brasilianischen Mato Grosso, eines der größten je dort beobachteten Wildfeuer (August 2020)

Foto: Gustavo Basso / NurPhoto / Getty Images

Der Regenwald stand in den letzten Jahren immer wieder in Flammen, riesige Rauchwolken verhüllten den Amazonas. Die Feuer brachen sowohl 2019 als auch 2020 traurige Rekorde. Was zuletzt weltweites Aufsehen erregte, könnte bald Normalität werden.

Die Anzahl der extremen Wald- und Landschaftsbrände könnte sich drastisch erhöhen, davor warnt ein neuer Bericht des Umweltprogramms  der Vereinten Nationen (Unep). Die Anzahl von extremen Wildfeuern dürfte bis zum Ende des Jahrhunderts um 50 Prozent zunehmen, so die Prognosen. Wildfeuer und Klimawandel verstärken sich dabei gegenseitig. Selbst mit optimistischen Annahmen läge die Zunahme immer noch bei 31 Prozent. Bis 2050 könnte bei einem mittleren Szenario die Zunahme bei 30 Prozent liegen, bis 2030 bereits bei 14 Prozent.

Mögliche Zunahme von katastrophalen Wildfeuern bis zum Ende des Jahrhunderts. Modellierung aus dem Unep-Report.

Mögliche Zunahme von katastrophalen Wildfeuern bis zum Ende des Jahrhunderts. Modellierung aus dem Unep-Report.

Foto: Quelle: Douglas I. Kelley / UK Centre for Ecology and Hydrology; Ersteller: Kristina Thygesen / GRID-Arendal

Der Bericht erscheint in Vorfeld der Umweltversammlung der Vereinten Nationen, die am 28. Februar beginnt. Die Konferenz findet dieses Jahr als Hybridveranstaltung in Nairobi statt. Dabei treffen sich Vertreter der 193 Mitgliedstaaten, unter anderem, um das 50-jährige Bestehen der Unep zu feiern.

Zunahme der extremen Landschaftsbrände in den Jahren 2002-2019 in warmen bis roten Farbtönen markiert. Grafik aus dem Unep-Bericht.

Zunahme der extremen Landschaftsbrände in den Jahren 2002-2019 in warmen bis roten Farbtönen markiert. Grafik aus dem Unep-Bericht.

Foto: GRID-Arendal / Studio Atlantis

Der Planet brennt, immer heftiger, immer länger, immer heißer – und oft an überraschenden Orten. Als Extremfeuer gelten dabei nicht nur riesige Brände, sondern auch Wildfeuer in Regionen, die davon bislang selten heimgesucht wurden. Vor allem die Arktis gehört dazu, aber auch das Amazonasgebiet und die im Süden angrenzende Pantanalregion, ein Paradies der Biodiversität. Zu den Auslösern gehören nicht nur Dürren, sondern auch menschliche Faktoren wie etwa Abholzung oder neue Siedlungsgebiete. Die Schäden sind immens. Rund hundert Millionen US-Dollar pro Jahr kosteten die Flammen die brasilianische Amazonasregion bereits in den späten Neunzigern, was rund neun Prozent des dortigen Bruttosozialprodukts entsprach. Fast dreitausend Menschen sterben dort Jahr für Jahr an den Folgen der giftigen Rauchschwaden.

»Viele Länder betrachten Wildbrände längst nicht mehr nur aus der reinen Feuerwehrperspektive, sondern sehen Feuer eher holistisch als Querschnittsaufgabe für Feuerwehren, Zivilgesellschaft, Lokalverwaltung, Forstmanagement und so weiter.«

Johann Georg Goldammer, Leiter des Global Fire Monitoring Center in Freiburg im Breisgau

Auch im hohen Norden treten große Brände neuerdings immer häufiger auf. Im Sommer 2020 brannten gigantische Areale in Sibirien, ausgelöst von einer Hitzewelle. Die Brände wären ohne den Klimawandel »fast unmöglich gewesen«, so die Autoren des Berichts. Ohne anthropogene Einflüsse würden sich derartige Brände »einmal in 80.000 Jahren« ereignen.

Das Überraschende: Im Jahresmittel erhalten diese Regionen im Norden Russlands inzwischen auch mehr Niederschlag. Doch innerhalb eines Jahres variieren die Niederschläge stärker, es gibt sehr nasse und sehr trockene Phasen, und in letzteren steigt das Feuerrisiko.

Das Geld zur Bekämpfung wird falsch investiert

Oft allerdings ist rücksichtslose Landnutzung der Hauptauslöser der Feuerinfernos. Das gilt im Amazonas ebenso wie in Indonesien. Durch Brandrodung, Monokulturen und die Trockenlegung von Torfgebieten stieg dort das Risiko für Brände. 2015 brannten gigantische Areale, Rauch verhüllte ganze Landschaften, eine halbe Million Menschen litt an akuten Atemwegserkrankungen, die Schäden beliefen sich auf über 16 Milliarden US-Dollar. 2019 brannte es erneut, mit Schäden von über fünf Milliarden US-Dollar.

Feuerwehrmann bei einem Waldbrand in der Gegend von Jakutsk in Russland (August 2021)

Feuerwehrmann bei einem Waldbrand in der Gegend von Jakutsk in Russland (August 2021)

Foto: Ivan Nikiforov / AP

Vieles davon ist bekannt und fast schon vorhersagbar. Und dennoch klammern sich Politik und Verwaltung oft immer noch an die alten Methoden im Umgang mit Wildfeuern, so der Report: Wenn es brennt, bekämpfen sie die Flammen mit Flugzeugen, Löschfahrzeugen und Heerscharen von Feuerwehrleuten, statt das Geld lieber vorab in die Verhinderung von Bränden zu investieren.

Der Report fordert ein »radikales Umdenken bei den Regierungsausgaben für Landschaftsbrände, indem die Investitionen umgeschichtet werden von der Reaktion hin zu Prävention und Vorbereitung.« Häufig werde in etwa die Hälfte des Geldes im Bereich Landschaftsbrände für die Bekämpfung ausgegeben, für die viel wichtigere, langfristige Planung zur Verhinderung von Landschaftsbränden dagegen blieben nur 0,2 Prozent der Gelder. Die Autoren raten, das Geld, das heute ins Löschen geht, zu reduzieren, und dafür etwa ein Drittel lieber in die Prävention zu investieren. Derzeit sind die Schadenssummen durch Wildfeuer rund zehnmal größer als die Ausgaben für seine Einhegung.

»Nach Bränden müssen wir die Schäden reparieren, aber auch besser gegen zukünftige Schäden sichern«, sagt Peter Moore, Waldbrandexperte bei der Welternährungsorganisation der Uno (FAO) und einer der 52 Autoren der Überblicksstudie. »Building Back Better« nennt er diesen Ansatz.

»Der UNEP-Bericht ist sehr aufwendig gemacht, er fasst den Stand der Wissenschaft gut zusammen«, sagt der Feuerökologe Johann Georg Goldammer, der nicht als Autor in der Studie auftaucht. Goldammer, der Gründer des Global Fire Monitoring Center (GFMC) in Freiburg, warnt allerdings auch vor einer Überinterpretation von Klimamodellen: »Wir müssen bei Projektionen der Klimamodelle vorsichtig sein. Ich erinnere nur daran, dass vor 20 Jahren eine Studie errechnet hatte, dass im hohen Norden die Feuergefahr abnehmen würde. Stattdessen sehen wir heute eine Zunahme von ausgedehnten Wildfeuern am Polarkreis. In den vergangenen Jahren haben sich die Klima- und Feuermodelle aber verbessert. Aber mindestens so wichtig wie derlei Prognosen ist es, das heutige Wissen vor Ort in lokalen und regionalen Initiativen zu verankern, um die Praxislücke zu schließen.«

Feuer mit Feuer bändigen

Genau bei dieser Praxislücke sieht Goldammer auch eine Schwäche des Berichts: »Der UNEP-Report lässt die Vielzahl von regionalen Initiativen und Netzwerke unerwähnt, die längst in vielen Ländern aktiv an der Umsetzung der Kernforderungen des Reports arbeiten. Viele Länder betrachten Wildbrände längst nicht mehr nur aus der reinen Feuerwehrperspektive, sondern sehen Feuer eher holistisch als Querschnittsaufgabe für Feuerwehren, Zivilgesellschaft, Lokalverwaltung, Forstmanagement und so weiter.«

Ähnlich sieht das auch Stephen Pyne, ein emeritierter Professor für Feuerökologie an der Arizona State University und Autor mehrerer Standardwerke über Wald- und Buschbrände. Er lobt den Report zwar. Doch er merkt an: »Ich finde es erstaunlich, dass dies der erste Bericht zum Thema Feuer in der fünfzigjährigen Geschichte der Unep ist. Das zeigt, wie beschränkt unser Wissen über das Feuer ist.«

Pyne hätte sich einen differenzierteren Blick auf das Feuer gewünscht: »Der Report weist zwar darauf hin, dass Feuer auch Vorteile haben kann, aber dieses Argument könnte etwas mehr im Zentrum stehen«, antwortet er auf Anfrage. Pyne weist immer wieder darauf hin, wie hilfreich das kontrollierte Brennen zur richtigen Jahreszeit (»prescribed burning«) sein kann, um etwa Unterholz zu reduzieren und damit heißeren und zerstörerischeren Feuern den Brennstoff zu entziehen. Also Feuer mit Feuer zu bändigen.

Was, wenn die Einsichten und Empfehlungen des Berichts nicht beherzigt werden? »Ich befürchte, dann sitzen wir hier in fünf oder zehn Jahren erneut«, sagt Peter Moore von der FAO: »Und stellen den nächsten Bericht vor, der ganz ähnlich ausfällt wie der jetzige. Und sind ziemlich frustriert.«