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25. Juli 2019, 19:33 Uhr

Klimakrise und Trockenheit

Förster warnen vor nächstem Waldsterben

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Schädlinge und Stürme verursachen Schäden in Milliardenhöhe: Die deutschen Wälder sind durch Trockenheit und Klimawandel geschwächt. Lässt sich das große Baumsterben noch verhindern?

"Erst kamen die Plantagen, dann die Schädlinge und nun auch noch lange Trockenphasen": So fasst Förster Knut Sturm das Schicksal des deutschen Waldes zusammen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg seien vor allem Nadelbäume gepflanzt worden, die schnell wachsen, aber kaum Artenvielfalt böten und anfällig für Schädlinge seien. Besonders die Fichte hat es seit einigen Jahren schwer, weil sich Borkenkäfer ausbreiten. Sie können einen Baum in sechs bis acht Wochen kahlfressen und so schwer schädigen, dass er abstirbt. Dann drängen sie auf die Nachbarbäume.

Anderen Baumarten machen Pilzerkrankungen zu schaffen. Vor knapp 20 Jahren traf es die Ulmen, große Flächen starben ab. Seit fünf Jahren befällt ein Pilz Eschen, eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich bei Ahorn ab. Die Schäden durch Schädlinge und Stürme gehen in die Milliarden Euro.

"Die Forstwirtschaft und die Schädlinge haben den Wald geschwächt", sagt Sturm. Nun scheint die Entwicklung durch die Klimakrise an Fahrt zu gewinnen - und die meisten Wälder sind darauf völlig unvorbereitet.

"Ich war gerade im Harz und erschrocken über den Zustand der Wälder", sagt auch Ulrich Dohle, ebenfalls Förster und Vorsitzender des Bundes Deutscher Forstleute (BDF). "Egal auf welchen Berg ich kletterte, ich sah überall absterbende Bäume." Die aktuell hohen Temperaturen von um die 40 Grad Celsius seien nicht das Problem. "Mit denen kommen Bäume gut klar. Da kann es auch mal eine Woche lang heiß sein", sagt Dohle. Das Hauptproblem sei die Trockenheit. In vielen Wäldern hat es seit dem Frühjahr 2018 zu wenig geregnet.

Was Dohle besonders alarmiert: Selbst Buchen, die eigentlich als robust gelten, werfen vielerorts ihr Laub ab und drohen abzusterben. Sowohl alte als auch junge Bäume seien betroffen. "Das ist vor allem bei den jungen Bäumen tragisch, weil sie die nächste Waldgeneration bilden", sagt Dohle. Selbst naturbelassene Buchenmischwälder wie der Nationalpark Hainich in Thüringen, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören, sind gefährdet. "Das zeigt, wie dramatisch die Entwicklung ist und dass der Klimawandel selbst für naturnahe Wälder eine Herausforderung ist", meint Dohle.

Zwar habe es auch in den vergangenen Jahrtausenden immer wieder Klimaschwankungen gegeben. Doch der Mensch beschleunige den Prozess. Die Folge: Den langsam wachsenden Bäumen fehlt die Zeit, um sich anzupassen. "Bis vor einem Jahr hätte ich noch nicht von einem Waldsterben 2.0 gesprochen. Jetzt schon", sagt Dohle. Schon wenige Jahre Trockenheit hintereinander könnten ausreichen, um ganze Gehölze absterben zu lassen.

"Waldsterben ist keine Spinnerei"

Beim "ersten" großen Waldsterben in den Achtzigerjahren litten die Bäume vor allem unter dem sauren Regen. "Viele halten das prognostizierte Waldsterben von damals noch immer für eine Spinnerei", moniert Dohle. "Doch das stimmt nicht." Vielmehr hätten politische Maßnahmen wie der verpflichtende Einbau von Katalysatoren die Katastrophe verhindern können.

Heute seien die Herausforderungen des Klimawandels komplexer. Ein wichtiger Schritt sei es, verstärkt Laubmischwälder zu pflanzen und Monokulturen mit Nadelbäumen zurückzudrängen. Das hatte auch die Naturschutzorganisation BUND Mitte der Woche gefordert. Momentan machen ein Viertel der Wälder Monokulturen aus, insgesamt gut drei Millionen Hektar. Ihr Umbau müsse Priorität haben, fordert Dohle. Doch das sei ein langer Prozess und in vielen Gebieten kaum zu stemmen, weil es an Förstern fehle. "In den vergangenen 25 Jahren sind gut die Hälfte der Försterstellen nicht neu besetzt worden", sagt Dohle.

Welche Folgen das haben kann, zeigte sich beim Sturm Friederike Anfang 2018. Damals fielen besonders im Harz viele Fichten um, ein gefundenes Fressen für Borkenkäfer, die sich massenhaft ausbreiteten. "Es gab nicht genug Leute, um das Holz rechtzeitig aus den Wäldern zu holen", kritisiert Dohle.

Die Einsparungen beträfen aber nicht nur Försterstellen, auch für die Forschung werde zu wenig Geld bereitgestellt. Es fehle an Grundwissen, wie sich die Klimakrise auf die Wälder auswirken könnte. In einigen Wäldern versuchen Förster, neue resistente Baumarten zu etablieren wie Douglasie oder Roteiche aus Nordamerika. "Doch auch ihnen macht die Trockenheit zu schaffen", sagt Dohle. Er vermutet, dass Bäume aus Südeuropa oder dem Nahen Osten besser geeignet sein könnten, die vor der Eiszeit auch in Nordeuropa heimisch waren.

"Wir brauchen keine neuen Baumarten"

Förster Sturm hält von solchen Überlegungen nichts. "Wir brauchen keine neuen Baumarten, die bestehenden Wälder mit den über 30 heimischen Baumarten sind in der Lage, sich an verändernde Bedingungen anzupassen, man muss sie nur lassen." Sturm ist Bereichsleiter des Lübecker Stadtwaldes. Das Konzept: Der Wald wird zwar wirtschaftlich genutzt, aber mit so wenigen Eingriffen wie möglich.

"Wenn ein Wald widerstandsfähig sein soll, müssen die Bestände möglichst geschlossen gehalten werden", sagt Sturm. Nur so entstehe das typisch kühl-feuchte Waldklima. Doch in den allermeisten Wäldern werde "herumgehackt", wie er es nennt. Kommt noch Schädlingsbefall hinzu, entstehen weite Freiflächen und der übrige Wald ist viel zu licht, um ein Waldklima zu erzeugen. Im Lübecker Stadtwald ist das anders: Dort werden nur einzelne, alte und dicke Bäume gefällt und seit Jahrzehnten nicht mehr gezielt gepflanzt, die Bäume pflanzen sich stattdessen selbst fort.

Die natürliche Auslese entscheidet dann, aus welchem Spross ein Baum wird. Förster sprechen auch von Naturverjüngung. "Das sorgt für mehr genetische Vielfalt", sagt Sturm. Dadurch steige die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Bäume durchsetzen, die mit den veränderten Bedingungen besser klarkommen. "Die Trockenheit hat bei uns kaum zu Schäden geführt", sagt der Förster. Das bestätigten auch Studien laut denen Wälder, die seit 100 Jahren kaum bewirtschaftet werden, resilienter gegenüber Veränderungen seien.

Nicht der Wald ist in Gefahr, sondern die Plantagen

Statt neue Bäume zu etablieren, fordert Sturm den wirtschaftlichen Druck aus den Waldbeständen zu nehmen. "Wir können dem Wald nicht immer mehr Erträge abpressen und gleichzeitig Klimaschutz und Erholung von ihm erwarten", moniert er. "Was wir brauchen, ist ein Paradigmenwechsel hin zu einer echten naturnahen Waldnutzung." Strenggenommen sei nicht der Wald an sich in Gefahr, sondern die Waldplantagen.

Auch die Politik scheint den Ernst der Lage zu erkennen. Anfang Juli kündigte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder an, die bayerischen Wälder von einem "reinen Wirtschaftswald" in einen "Klimawald" umzubauen. Im Fokus soll nicht länger die Wirtschaftlichkeit stehen, sondern der Klimaschutz.

Sturm machen solche Ankündigungen Hoffnung, ob sie wirklich umgesetzt werden, sei jedoch fraglich. "Wir haben schon aus dem ersten großen Waldsterben nichts gelernt", sagt er. Schon damals hätten die Waldwirtschaft naturnaher werden müssen. Wenn es in den kommenden Jahren weniger trocken werden sollte, könnte die Dringlichkeit des Problems wieder in Vergessenheit geraten, fürchtet der Förster. Doch für ihn steht fest: "Die Plantagen haben sich überlebt."


Zusammengefasst: Die anhaltende Trockenheit macht den Wäldern in Deutschland zu schaffen, warnen Förster. Durch den Klimawandel könnten sich solche Phasen häufen. Bundesweit laufen Projekte, die das Problem eindämmen sollen, von der Einführung anderer Baumarten bis hin zu naturnaher Bewirtschaftung.

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