245.000 Hektar Baumbestand zerstört Schäden in deutschen Wäldern massiver als angenommen

Neue Daten des Landwirtschaftsministeriums zeigen: In den vergangenen Monaten wurde in Deutschland deutlich mehr Wald zerstört als angenommen. Laut Forstexperten steht das Schlimmste noch bevor.
Foto: Dieter Mendzigall/ imago images

Der Borkenkäfer legte sich diesen Winter kaum zur Ruhe. Viel zu mild waren die vergangenen Monate, Frost gab es kaum, von Schnee ganz zu schweigen. Der gefährlichste Schädling für den deutschen Wald konnte sich so bis in den Spätherbst unter der Rinde satt fressen. Und er ist wohl schon jetzt, in diesem frühlingshaften Februar, dabei, sich zu vermehren: in geschwächten Bäumen, in von Stürmen umgehauenem Holz. Nach zwei Dürre- und Hitzejahren in Folge ist der deutsche Forst so geschwächt, dass der Borkenkäfer geradezu paradiesische Zustände vorfindet.

Die Schäden am deutschen Wald sind in diesen Monaten so schwer wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Am Mittwoch veröffentlichte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) eine aktualisierte Bilanz. Noch im Herbst 2019 galten nach Schätzungen des BMEL rund 180.000 Hektar Wald als zerstört - aufgrund neuester Daten aus den Bundesländern korrigiert das Haus von Julia Klöckner (CDU) die Schadensfläche nun auf 245.000 Hektar nach oben. 160 Millionen Kubikmeter Schadholz seien angefallen.

Besonders stark betroffen sind Nordrhein-Westfalen (68.000 Hektar), Thüringen (rund 30.000 Hektar), Niedersachsen (26.280 Hektar) sowie Hessen (26.100 Hektar).

Die frisch befallenen Bäume müssten so rasch wie möglich aus dem Wald. Nur so lässt sich die Vermehrung des Borkenkäfers eindämmen. Doch mit den Räumungsarbeiten kommen die Forstleute kaum voran. Dürre, Waldbrände, Schädlingsbefall, dazu Orkane wie "Sabine": "Wir sind seit zwei Jahren im Krisenmodus", sagt Ulrich Dohle, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Forstleute (BDF). Dieser vertritt die Interessen von rund 10.000 Forstbeschäftigten. "Alle sind vollauf beschäftigt, Schadholz aus dem Wald zu holen."

"Das Schlimmste steht noch bevor"

Wenig deutet im Moment darauf hin, dass die Krise überstanden ist. Ein Blick auf den Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung  zeigt warum: Die anhaltende Trockenheit ist längst nicht vorbei. Weiterhin bestehen in den tiefen Bodenschichten bis 1,8 Meter und im Grundwasser große Defizite, vor allem in Nord- und Ostdeutschland.

Zwar ist der Februar relativ feucht ausgefallen. Doch den ausgebliebenen Niederschlag der vergangenen zwei Jahre kompensiert das nicht. Auch der Schnee fehlt, der ideal für die Grundwasserbildung wäre. Einige Wochen anhaltender Regen, das bräuchte es, um die Situation zu entspannen.

Angesichts der prekären Lage warnt Ulrich Dohle: "Das Schlimmste steht uns noch bevor." Der Höhepunkt der Borkenkäfer-Schäden werde wohl erst 2021 erreicht sein. Das heißt: Viel Schadholz wird noch anfallen. Holz, für das man derzeit kaum Erlöse am Markt bekommt. "Das ist ein Zuschussgeschäft mit langfristig nicht absehbaren Folgen für die Forstwirtschaft."

Dabei müssten die Forstleute eigentlich längst vollauf damit beschäftigt sein, die kahl gewordenen Waldflächen wieder aufzuforsten. Die betroffenen Wälder sind meist Monokulturen aus Nadelbäumen. Wälder, die ohnehin anfällig sind für die Folgen des Klimawandels. Die Fichten und Kiefern wurden aus historischen Gründen gepflanzt, weil sie schnell wuchsen und daher wirtschaftlich lukrativ waren. 55 Prozent der Wälder in Deutschland bestehen aus Nadelwäldern. Die einst sinnvolle Strategie ist längst ein Risikofaktor: Dem Klimawandel halten die Monokulturen offensichtlich nicht stand.

Um sie für ein wärmeres Klima widerstandsfähiger zu machen, müssen sie umgebaut werden: in standortgerechte Laub- und Mischwälder, bestehend aus mindestens drei Baumarten. Hier setzen die Förster laut Ulrich Dohle auch auf die natürliche Wiederbewaldung. Dabei benötige man die Unterstützung der Jäger, damit der überhöhte Wildbestand die jungen Bäume nicht auffrisst. Dennoch müsse man auf den Kahlflächen ergänzend neu anpflanzen. "Wenn wir jetzt nicht bepflanzen, wachsen dort wieder Fichten und wir stehen in 30 Jahren vor demselben Problem." 

Borkenkäfer bekämpfen und gleichzeitig neu anpflanzen, für die Förster ist dieser Spagat im Moment kaum zu schaffen: "Dafür fehlt uns einfach das Personal", sagt Dohle. Die Forstwirtschaft sei durch Sparmaßnahmen personell ausgeblutet, habe ein hohes Durchschnittsalter von Mitte 50 und sei nicht krisensicher aufgestellt. 60 Prozent des Forstpersonals sei in 30 Jahren abgebaut worden. "Wir laufen im roten Bereich, sind eigentlich am Ende der Kräfte."

Nothilfe kommt nur zögerlich an

Den Ernst der Lage hat die Politik erkannt: Bund und Länder haben im Herbst 800 Millionen Euro Soforthilfe versprochen. Laut BMEL sei der Bundesanteil von 547 Millionen Euro ausbezahlt.

Doch Ulrich Dohle kritisiert eine stockende Verteilung der Gelder an die Waldbesitzer. "Ich habe große Sorge, dass das Geld nicht rechtzeitig in der Fläche ankommt", sagt er. Es wäre ein fatales Signal: Da habe man erfolgreich für Fördermittel gekämpft, aber am Ende scheitere die Auszahlung an der Bürokratie. In den bewilligenden Forstbehörden werde laut Dohle zu wenig Personal vorgehalten, um die Maßnahmen zu prüfen und das Geld schließlich auszuzahlen. Er sieht vor allem die Bundesländer in der Pflicht, die nicht nachkämen beim Bearbeiten der Förderanträge.

Wenn die Rettung des Waldes an der Bürokratie zu scheitern droht, sei das "eine Blamage, die mich wütend macht", sagt der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrats, Georg Schirmbeck. "Wir haben Waldbesitzer, die alles verloren haben, wir müssen jetzt investieren, um in zwei Generationen Erträge zu haben." Zwei Millionen private Waldbesitzer gibt es in Deutschland, die meisten sind verantwortlich für kleine Gebiete von weniger als 20 Hektar.

Die Lage ist angespannt, weil der Erlös aus dem Holzverkauf oft nicht einmal ausreiche, um die Räumungskosten zu tilgen. Geschweige denn, um Wiederaufforstungen zu bezahlen: Diese kosten pro Hektar Wald rund 7000 bis 10.000 Euro. Geld, das viele Waldbesitzer nicht haben. "Sie warten nur noch auf die Fördermittel, um mit der Bepflanzung zu starten", sagt Schirmbeck. Denn die müsste eigentlich jetzt beginnen.

Die Weichen für den Wald der Zukunft stellen

Eigentlich. Ja, eigentlich böte sich derzeit ein gutes, kurzes Zeitfenster, um die Entwicklung des Waldes für die kommenden Generationen zu steuern. Auf den großen Flächen brachliegenden Waldes müssten jetzt die Setzlinge für einen widerstandsfähigen Laub- und Mischwald in den Boden. Und zwar, bevor Sträucher wie Brombeeren, Ginster oder anderes zähes Unkraut den Raum einnimmt - oder schlicht wieder Nadelbäume nachwachsen.

"Jetzt könnten wir die Weichen stellen für den Wald der Zukunft", sagt Jürgen Bauhus, Professor für Waldbau an der Universität Freiburg. Den Wald sich selbst zu überlassen, sei in einigen Situationen sinnvoll. Doch angesichts des flächenmäßigen Schadens sei dies derzeit vielerorts keine Option. "Man würde bloß viele Jahrzehnte verlieren", sagt Bauhus. Zeit, die man wegen der fortschreitenden Klimaerwärmung schlicht nicht habe.

Dabei läuft der Waldumbau in Deutschland seit den Neunzigerjahren, seit Jahrhundertstürmen wie "Wiebke" und "Lothar" die Fichtenwälder nur so niederwalzten. Der Anteil der Nadelwälder dürfte sich in der Folge auf ein Viertel reduzieren, so Bauhus. "Aber der Umbau braucht Zeit, der Wald ist ein träges System."