Warmer Nordpol Totalverlust des arktischen Meereises lässt sich noch vermeiden

In der Arktis wirkt sich die globale Erwärmung besonders drastisch aus. Forscher befürchten, dass das Meereis bald komplett verloren ist - bis Ende des Jahrhunderts, bis 2080 oder gar schon bis 2040. Ein Vergleich der Szenarien zeigt jedoch: Reste der Eisdecke können noch gerettet werden.

Es gibt unterschiedliche Sorten von Erwärmung - und der Mensch kann die schlimmste noch verhindern. Das gilt auch für das arktische Meereis, dessen Dicke und Ausdehnung besonders unter den steigenden Temperaturen in der Erdatmosphäre leiden. "Die Gesellschaft kann immer noch die Auswirkungen auf die Arktis vermindern", sagte die Klimaforscherin Marika Holland vom National Center for Atmospheric Research (NCAR) in Boulder im US-Bundesstaat Colorado.

Diese pragmatische Prognose wird indes durch ein dramatisches Detail überdeckt: Schon bis zum Jahr 2040 könnte das arktische Meer seine Eisdecke verlieren. So hat es die NCAR selbst gemeldet, um auf die Studie aufmerksam zu machen, die Holland mit Kollegen der University of Washington in Seattle und der Columbia University in New York in der Wissenschaftszeitschrift "Geophysical Research Letters" veröffentlicht hat. 

Das klingt drastisch in Anbetracht der Jahreszahl 2080, die deutsche Forscher erst vergangene Woche ins Spiel gebracht hatten: Bis dahin sei das Meereis der Arktis wohl geschmolzen, vermuteten sie. Tatsächlich ist die Möglichkeit einer Schmelze bis zur Mitte des Jahrhunderts bereits in den Entwurf des nächsten Uno-Klimaberichts eingeflossen. Das geht aus dem Entwurf des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) vom Frühjahr hervor, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Im Februar 2007 soll er veröffentlicht werden.

Nur eines von sieben Szenarien: Schmelze bis 2040

Tatsächlich ist die Jahreszahl 2040 das Ergebnis einer von sieben unterschiedlichen Simulationen, welche Holland auf den Supercomputern des Community Climate System Model (CCSM) in Boulder durchgerechnet hat. Alle sieben Rechenläufe waren mit realen Messdaten abgeglichen worden, die seit dem Jahr 1870 vorliegen. Sie alle konnten auch die drastische Schmelze, die zwischen 1979 und 2005 beobachtet wurde, nachbilden. Wie könnte es dann aber weitergehen? Darin unterscheiden sich die numerischen Modelle - allesamt Ergebnisse mathematischer Abhängigkeiten, Parameter und Modelldetails.

Mehr als für konkrete Jahreszahlen interessierten die Forscher sich für Muster in den unterschiedlichen Szenarien, für die abrupten Folgen einer graduellen Entwicklung: Während sie von stetig steigenden Lufttemperaturen ausgingen, zeigten die Computersimulationen bei der Eisdecke Phasen relativer Stabilität. Und dann schrumpfte sie plötzlich und in einem relativ großen Ausmaß.

Eine solche Entwicklung könnte sich selbst verstärken, etwa weil dunkles Meerwasser vom Sonnenlicht stärker erwärmt wird als eine helle, reflektierende Eisfläche. Forscher sprechen daher auch von Umkipp-Punkten (tipping points) im natürlichen System. Solche Muster fanden Holland und ihre Kollegen in ihren sonst unterschiedlichen Szenarien und sehen darin "eine Gemeinsamkeit der Simulationen für das 21. Jahrhundert". Mit einer Computergrafik verdeutlichten die Forscher das: Die Meereis-Bedeckung im Monat September des Jahres 2000 wurde dem möglicherweisen eisfreien September in 34 Jahren, also 2040, gegenübergestellt.

Stabilen Phasen folgen abrupte Veränderungen

Außer ihren eigenen Daten analysierten die Forscher auch die Ergebnisse aus 15 anderen Modellrechnungen. In der Hälfte davon werden abrupte Veränderungen für das arktische Meereis vorhergesagt. Ebenso ginge aber daraus hervor, dass mit einem verminderten Ausstoß von Klimagasen, die Wahrscheinlichkeit abrupter Schmelzen abnähmen, schreiben die Wissenschaftler. Und ohne diese abrupten Schmelzen besteht noch Hoffnung - zumindest für einen Rest von Eis auf dem arktischen Meer.

Durch geringere Emissionen die schlimmsten Folgen des Klimawandels vermeiden - diese pragmatische Perspektive vertreten mittlerweile viele deutsche und internationale Forscher. Der Stern-Report der britischen Regierung appellierte: Dafür müssten jährlich rund ein Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts ausgegeben werden.

Dass besonders das arktische Meereis dringend solcher Unterstützung bedarf, zeigten Wissenschaftler des National Snow and Ice Data Center, das ebenfalls in Boulder sitzt, aber unabhängig von Hollands Gruppe arbeitete. Die Voraussetzungen dafür, dass sich das Meereis im Winter regenerieren könnte, würden schlechter, sagte der Eisforscher Walt Meier der Zeitung "New York Times".

"Dazu wären mehrere sehr kalte Winter und kühle Sommer nötig", sagte Meier, "was in Anbetracht der globalen Erwärmung unwahrscheinlich erscheint."

stx

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