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Invasive Arten: Neubürger im Biotop

Foto: Lajos Nagy/ dpa

Naturschutz Was wurde aus dem Kampf gegen invasive Arten?

Invasive Arten verursachen EU-Studien zufolge jährlich zwölf Milliarden Euro Schäden. Seit Anfang 2015 gibt es eine Verordnung aus Brüssel, die dem Problem zu Leibe rücken soll. Was hat sie gebracht?

Wenn nichts los ist in der Welt, schlägt die Stunde der Invasoren: Vermeintliche Neuigkeiten über eingewanderte Giftpflanzen oder marodierende Waschbären sind zuverlässiges Schlagzeilenfutter. Und dann erst diese schleimige, braune Spanische Nacktschnecke, die Geißel unserer Gärten!

Invasive Arten nennt man diese ungewollten Zuwächse in unserer Tier- und Pflanzenwelt, wenn sie sich überproportional schnell verbreiten. Deutschlands Jäger melden mehr als 100.000 Abschüsse von Waschbären im Jahr, Springkraut und Herkulesstaude wuchern wie nur was und - dem Klimawandel sei's gedankt - auch Malaria und andere Malaisen wärmerer Breiten könnten sich per Exoten-Mücke bald schon bei uns breitmachen.

Das alles, bilanzierte Brüssel schon vor Jahren, koste die europäischen Volkswirtschaften im Jahr mehr als zwölf Milliarden Euro. Klar, dass man in Berlin wie Brüssel darüber nachdenkt, wie man den Plagen beikommt.

Was heißt hier invasiv?

Das aber ist nicht so einfach. Man kann noch nicht einmal sicher sagen, was nun eine invasive Art ist und was nicht. Biotope verändern sich mit und ohne menschliche Einflussnahme. Fast alles, was hierzulande lebt, war einmal Einwanderer, wenn man weit genug zurückgeht: Pflanzen und Tiere wanderten am Ende der letzten Eiszeit ein. Auch wir sind Einwanderer im europäischen Biotop. Es gibt keinen Status Quo in der Natur, alles ist im Fluss.

Und oft wollen wir das ja auch so. Der Pflaumenbaum? Wurde wohl von Alexander dem Großen nach Europa gebracht. Der Kohl? Ein Einwanderer aus dem Mittelmeerraum. Der Dinkel kam vom Kaukasus, die meisten anderen Getreidesorten aus dem Nahen Osten. Moselwinzer gibt es dank der Römer, und Import-Tiere wie Damwild oder Fasane wurden hier ausgesetzt, weil es immer schon Typen gab, die Spaß an der Jagd hatten.

Was also ist ein heimisches Tier? In historischer Zeit gehörten Löwen und Malariamücken zur hiesigen Fauna, Pelikane nisteten hinauf bis nach Skandinavien. Auch mancher moderne Invasor ist hier kein Neuling mehr: Die gefürchtete Herkulesstaude wuchert hier seit mindestens 170 Jahren.

Dazu kommen Fehleinschätzungen. Die sogenannte Spanische Wegschnecke entpuppte sich 2014 durch Genanalysen als waschechte Mitteleuropäerin: Sie ist seit Langem in Frankreich, Österreich und Deutschland heimisch - nur in Spanien gibt es sie paradoxerweise nicht.

Naturschützer sehen das Thema überraschend locker

Selbst Umweltorganisationen plädieren darum für einen pragmatischen Umgang mit dem Thema. Der Gesetzgeber hat sich dem angeschlossen: "Invasiv" kann nur sein, was nach 1500 einwanderte, alles andere ist nun heimisch. Das Bundesnaturschutzgesetz erklärt diejenigen zur invasiven Art, "deren Vorkommen (...) für die (...) Ökosysteme, Biotope oder Arten ein erhebliches Gefährdungspotenzial darstellt."

Mehr Pragmatismus geht nicht. Was harmlos ist, ist nicht invasiv.

Damit scheint alles geklärt. Nur, welche Art ist schädlich, und wie legt man das fest? In Deutschland arbeiten Experten seit eineinhalb Jahrzehnten an einer verbindlichen Liste. Mit Gefäßpflanzen und Fischen sind sie inzwischen durch. 

In Brüssel ist man schon weiter. Im Herbst 2014 beschloss die EU die Richtlinie Nr. 1143/2014 . Sie gilt seit dem 1. Januar 2015, enthält ein Handelsverbot und fordert Maßnahmen zur Ausbreitungsprävention und Bekämpfung ein.

"Herzstück der Verordnung ist eine Liste mit invasiven Arten von europäischer Bedeutung", erklärt Jan Scharlau vom Bundesumweltministerium dazu. Nur: Sowohl eine spezielle Durchführungsverordnung der Europäischen Kommission zur Festlegung dieser Arten als auch ein deutsches Durchführungsgesetz für bestimmte Einzelregelungen, beispielsweise zur Strafbewehrung, seien noch in Vorbereitung.

Im Klartext: Die Richtlinie, die in jeweils nationales Recht umzusetzen ist, gibt es zwar schon. Auch das deutsche Durchführungsgesetz ist in Mache. Ungeklärt ist nur noch, gegen was genau das alles angewendet werden soll.

Handel trotz Handelsverbot

Solange das so ist, bleibt alles beim Alten. Zum Beispiel online: Der Handel mit invasiven Pflanzen, resümiert Christoph Kueffer, boome dort regelrecht.

Kueffer gehört zu einem internationalen Forscherteam, das in den vergangenen zwei Jahren mit einer eigens entwickelten Monitoring-Software den Warenumschlag mit Pflanzen und Saatgut bei Versandhäusern und Handelsplattformen beobachtete. Im Mittelpunkt des Interesses stand das notorisch schwer zu kontrollierende Ebay, aber auch Daten von neun weiteren Online-Verkaufsplattformen flossen in die Zählung ein.

Die Forscher stießen auf einen regen, internationalen Handel mit Pflanzen und Saatgut. Und im gehandelten Warenbestand auf überproportional viele invasive Arten, wie die Wissenschaftler kürzlich im Fachjournal "Conservation Biology"  berichteten.

Dieser Handel läuft in jede erdenkliche Richtung. Hier ist Deutschland nicht nur Importeur, sondern auch Exporteur: 10 bis 20 Prozent der Arten, die Kueffers Studie zufolge von deutschen Händlern verschickt werden, finden sich in den Warnlisten über potenziell schädliche invasive Arten.

Wie verbietet man frei lebende Arten?

Dabei gibt es bereits Gesetze, die eine Verbreitung solcher Pflanzen regeln und einschränken sollen. Noch am schärfsten fällt das Bundesnaturschutzgesetz aus, das die Ausbringung "von gebietsfremden Pflanzenarten in der freien Natur" von einer Genehmigung abhängig macht. Der Verstoß ist eine Ordnungswidrigkeit - ein Bußgeld wird fällig, und möglicherweise die Aufforderung zur Entfernung. In der vermeintlich kontrollierten Umgebung des heimischen Gartens kann man dagegen weitgehend machen, was man will. Das Saatgut gibt es im Gartenhandel.

Das bestätigt der Blick in den sogenannten PPP-Index , einer Art Verzeichnis der in Deutschland lieferbaren Pflanzen und Samen. So gut wie jede Art, die sich in den Warnlisten über invasive Arten findet, ist ganz regulär über den Saatgut- und Gartenhandel zu bekommen. Was im Handel fehlt, gilt entweder als langweilig, hässlich oder sowieso allgegenwärtig - so wie die berüchtigte Herkulesstaude.

Wenn es nach der EU geht, ist mit all dem bald Schluss. Bis zum 2. Januar 2016 will Brüssel nun die Liste vorlegen, die "Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten" endgültig regeln soll. Dann wäre die EU-Richtlinie in allen Mitgliedstaaten in Gesetze umzusetzen.

Nach Jahren der Diskussion läuft nun also quasi der Countdown: Anfang 2016 wird alles anders. Der legale Handel wird beendet, Gesetze werden Maßnahmen verbindlich machen.

Nur ändern wird sich wenig. Denn wie man viele der invasiven Arten wieder loswerden soll, weiß zurzeit niemand. Die Herkulesstaude wird weiter wuchern.

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