Waschbärenplage Görings Günstlinge haben Kassel im Griff

1934 wurden die aus Amerika stammenden Waschbären mit Genehmigung von Hermann Görings Jagdbehörde in Deutschland angesiedelt. Heute sind sie vor allem in Kassel zu einer echten Plage geworden. Dreist klauen sich die Kuscheltiere Futter aus Wohnhäusern - natürliche Feinde haben sie keine.

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Waschbär: Erfolgreiche Stadtstreicher ohne natürliche Feinde
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Waschbär: Erfolgreiche Stadtstreicher ohne natürliche Feinde

Wenn es nachts auf den Dachböden Kasseler Einfamilienhäuser ächzt und kracht, dann sind sie unterwegs - die Nachkommen zweier Waschbärenpärchen, die 1934 am nordhessischen Edersee ausgesetzt wurden. Ein deutscher Züchter hatte die Idee, die aus Amerika stammenden bis zu 60 Zentimeter langen Kleinbären in Deutschland auszusetzen, um die örtliche Flora und Fauna zu bereichern. Die vom Reichsjägermeister und späteren Reichsluftmarschall Hermann Göring geleitete Jagdbehörde gab grünes Licht - und das Unheil nahm seinen Lauf.

Während des Zweiten Weltkriegs büchsten weitere in Pelzfarmen bei Berlin gehaltene Waschbären aus. Inzwischen haben sich die hessische und die Berliner Population immer weiter vergrößert. Görings Günstlinge bevölkern mittlerweile auch Österreich, die Schweiz, Frankreich und Polen. Die kuscheligen Tiere vermehren sich prächtig und werden zu einem immer größeren Problem.

In Deutschland dürfte heute fast eine Million Bären leben, schätzt der Biologe Ulf Hohmann. Er beobachtet die Tiere schon seit über zwölf Jahren - die letzten drei verbrachte er in Kassel, wo die Bären mittlerweile zu einer echten Plage geworden sind. "Das Problem ist, dass Waschbären keine echten natürlichen Feinde haben, die die Population regulieren", erklärt er. Kassel gilt mittlerweile als Waschbärenhauptstadt.

Die wenig wählerische Ernährungsweise, enorme Kletterkünste und äußerst geschickte Vorderpfoten machten die Kleinbären immer mehr zu erfolgreichen Stadtstreichern, erklärt Hohmann. Am wohlsten fühlten sie sich in alten Einzelhaus- und Villenvierteln sowie in der Umgebung innerstädtischer Parkanlagen der Großstädte. In der Nähe menschlicher Behausungen steigt ihre Vermehrungsrate - Hinterhöfe und Gartenlauben nehmen sie massenhaft in Beschlag. In Kassel fanden die Biologen auf einem Hektar durchschnittlich einen Bären - die Populationsdichte war somit zehn mal so hoch wie in ihren natürlichen Lebensräumen - den feuchten Laubwäldern in Nordamerika.

Dreiste Eindringlinge: Über die Katzentür zum Futternapf
Angela Kraft

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Weil sie so niedlich aussehen, werden die Kleinbären oft gefüttert. Angst vor dem Menschen kennen sie schon lange nicht mehr. Sie kriechen durch Katzentüren in Wohnungen und räumen die Futternäpfe leer. Mancher Kasseler Einfamilienhausbesitzer kam aus dem Urlaub zurück und fand sein Haus bewohnt vor - von einer Bärenfamilie. Als extrem gute Kletterer können sie sich leicht in Dachböden einnisten. "Die Waschbären sind sehr gesellige Naturen", erzählt Hohmann gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Mitunter finden sich 20 bis 30 Tiere auf einem Dachboden zusammen." Wenn dann die Mütter lautstark mit ihrem Nachwuchs spielen, ist für die menschlichen Hausbewohner an Schlaf kaum noch zu denken - die Tiere sind nachtaktiv.

Mit Gewehren lässt sich die Plage kaum eindämmen. Diese Erfahrung musste die örtliche Jagdbehörde machen. "Gezieltes Bejagen bewirkt das genaue Gegenteil", berichtet der zuständige Sachbearbeiter Hartmut Bierwirth im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Tiere produzierten in der Folge noch mehr Nachwuchs, wurden immer jünger und aktiver." Offenbar handle es sich um eine natürliche Gegenstrategie, so Bierwirth. Letztendlich sei die Population in Kassel in Folge verstärkter Jagd sogar angestiegen.

Waschbären sind in Deutschland zum Abschuss freigegeben - bieten allerdings kein attraktives Ziel. Das Fleisch zu essen, ist nicht üblich und auch ihr Fell gilt als unverkäuflich.



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