Weihnachtsmeldung Ohne Sex zum Drachenbaby

Im Advent wird gern versucht, allerlei Ereignisse auf Weihnachten zu beziehen. Selbst in der Wissenschaft. Mit krummen Metaphern von unbefleckter Empfängnis und Jungfrauengeburt wurden so zwei Drachenweibchen zur Feiertagsmeldung - weil sie ohne Empfängnis Kinder kriegen.

Von Stefan Schmitt


Was für eine schöne Weihnachtsgeschichte: Pünktlich zur Fest-Hochsaison der christlichen Tradition erwartet ein exotisches Tierweibchen Nachwuchs - ohne das Zutun eines Männchens. Klingen da die Metaphern nicht besonders süß? Nun gut, die Protagonistin ist keine biblische Gestalt, sondern sieht aus wie ein Drache aus dem Märchenbuch. Die Dame heißt Flora statt Maria und ist nur ein Komodo-Waran. Statt eines zu lobpreisenden Christkinds im Bauch stecken kleine Drachen in großen Eiern. Und die liegen in einem Nest statt in einer Krippe. Flora als zoologisches Pendant zur Weihnachtsgeschichte?

"Wenn Sie das Glas zum Christmas-Toast heben, denken Sie an Flora", textet die Pressestelle des Wissenschaftsmagazins "Nature" einfallsreich. Die werdende Mutter warte gerade auf ihren Nachwuchs von acht kleinen Drachentierchen - "jedes von ihnen eine Jungfrauengeburt".

Sieht man vom Unterschied zwischen unbefleckter Empfängnis und Jungfrauengeburt ab - "unbefleckt" bedeutet frei von der Erbsünde, nicht frei von Sex -, so bleibt eine kleine wissenschaftliche Nachricht hinter krummen Bildern und ächzenden Metaphern stehen: Komodo-Warane sind in der Lage, sich ohne Sexualkontakt zu vermehren. Immerhin. Für Flora gab es keinen Kindsvater im Zoo, also befruchtete sie sich selbst und legte elf Eier. Dies belegen Gentests an drei von Floras Eiern, die nicht völlig ausreichend entwickelt waren, berichtet Phillip Watts von der University of Liverpool zusammen mit Kollegen in "Nature".

Kein Vater, keine Empfängnis - trotzdem Nachwuchs

Beim Nachwuchs, der in den übrigen acht Kalkschalen heranwächst, handele es sich zwar nicht um identische Klone der Mutter. Allerdings, so die Biologen, entspreche das Gesamtgenom des Geleges exakt dem von Flora - wo sonst soll die Erbinformation auch herkommen? Was die Forscher als "reproduktive Plastizität" bezeichnen, ist ein unter Wirbeltieren seltener Trick: Einige Tiere können von der sexuellen auf die asexuelle Vermehrung umschalten.

Nur: Neu ist das einzig bei Varanus komodoensis. Dass Verwandte, etwa die Eidechsenart Lacerta unisexualis, ähnliche Fortpflanzungstricks auf Lager haben, ist für Zoologen längst Lehrbuchwissen. Und Flora im Zoo von Chester ist mitnichten das erste Weibchen, das Mutterglück ohne vorherige Empfängnis unter den Augen von Menschen vorführt.

Die französische Warandame Sungai hatte im Laufe des Jahres im Londoner Zoo Eier gelegt, aus denen mittlerweile Jungtiere geschlüpft sind - mehr als zwei Jahre nach ihrer letzten Paarung mit einem Waran-Männchen. Auch bei Sungais Nachkommen haben Watts und seine Kollegen Genanalysen vorgenommen. Selbes Ergebnis: triviale Parthenogenese, kein göttliches Wunder.

Auch Sungai wurde ohne Sperma Mutter

Im April hatte Emma Kenly vom London Zoo zu SPIEGEL ONLINE gesagt, es gebe noch eine zweite Erklärung für Sungais Gelege: Sie wäre womöglich bereits in Frankreich befruchtet worden und hätte dann das Sperma oder die befruchteten Eier solange zurückgehalten, bis die Bedingungen zum Brüten gut waren. Diese wenig weihnachtliche Hypothese haben die Forscher um Watts nun widerlegt.

Wer glaubt, hinter dem Befund verstecke sich eine gute Nachricht für die in Gefangenschaft lebenden Komodo-Warane, der irrt. In der Fortpflanzung ohne vorhergehende Empfängnis sehen die Forscher eine Gefahr für die Tiere: Sie schade ihrer genetischen Vielfalt. Die Praxis vieler Zoos, Männchen und Weibchen dauerhaft getrennt voneinander zu halten, müsse überdacht werden - "um zu verhindern, dass Parthenogenese ausgelöst wird".

Floras Nachkommen könnten - aber müssen nicht - über die Feiertage im Zoo von Chester schlüpfen. Das wäre dann der einzige verbleibende Zusammenhang mit Weihnachten. Forscher Watts und seinen Kollegen dürfte die zeitliche Koinzidenz indes sehr geholfen haben: Es gilt als äußert schwer, in der renommierten "Nature" Fachartikel zu veröffentlichen. Für Forscher ist eine solche Publikation allemal Grund zu stolzgeschwellter Brust, auch wenn es sich nicht um einen vollwertigen Forschungsartikel, sondern nur um einen Notiz ("brief communication") handelt, wie in diesem Fall.

"Nature" selbst lässt keinen Zweifel daran, warum Watts' Waran-Beitrag überhaupt angenommen worden ist: "Um am Ende der brief communications mit einem Weihnachtsthema auszusteigen." Was könnte da besser passen als: "Eine Jungfrauengeburt zu Weihnachten?" Wenigstens verwendete die Pressestelle ein Fragezeichen - das ist sowohl bei religiösen Überlieferungen wie bei krummen Metaphern keine schlechte Idee.



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