Steigende Temperaturen Klimawandel bedroht Hälfte der weltweiten Weinanbaugebiete

Vielen Rebsorten könnte es in ihren bisherigen Anbaugebieten bald zu warm werden, warnen Forscher. Die Hälfte der weltweiten Flächen sei bedroht.
Trauben in Hessen: Deutsche Winzer könnten zu Gewinnern des Klimawandels werden

Trauben in Hessen: Deutsche Winzer könnten zu Gewinnern des Klimawandels werden

Foto: Andreas Arnold/ picture alliance/ dpa

Steigende Temperaturen, unvorhersehbare Wetterextreme und neue Schädlinge - der Klimawandel macht auch dem Weinbau zu schaffen. Mindestens die Hälfte der Anbaugebiete weltweit sei in Gefahr, berichten Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" . Winzer könnten die Entwicklung allerdings teilweise aufhalten, wenn sie die Weinsorten wechseln.

Weintrauben sind extrem empfindlich gegenüber klimatischen Veränderungen, vor allem gegenüber steigenden Temperaturen. Deshalb zeigen sich die Folgen des Klimawandels bei ihnen besonders früh.

Anbauflächen könnten um bis zu 85 Prozent schrumpfen

Für die aktuelle Studie analysierten spanische und kanadische Wissenschaftler Daten zu den elf beliebtesten Rebsorten: Cabernet Sauvignon, Chasselas, Chardonnay, Grenache, Merlot, Mourvèdre (auch bekannt als Monastrell), Spätburgunder, Riesling, Sauvignon Blanc, Syrah und Trebbiano (auch bekannt als Ugni Blanc).

Sie untersuchten historische Aufzeichnungen von 1956 bis 2015 zu Knospenbildung, Blüte und Reifung dieser Rebsorten und kombinierten sie mit globalen Temperaturaufzeichnungen von 1880 bis 2013. Daraus zogen die Forscher Schlussfolgerungen, wie gut die einzelnen Sorten bei steigenden Temperaturen gedeihen werden.

Das Ergebnis: Bei einem Temperaturanstieg von zwei Grad würden die Regionen, die für den Weinbau geeignet sind, weltweit um 56 Prozent schrumpfen, wenn sich die Zusammensetzung der Rebsorten nicht ändert; bei einem Anstieg von vier Grad wären es sogar 85 Prozent.

Die Forscher raten den Winzern deshalb, andere Sorten anzubauen, die besser an die neuen klimatischen Bedingungen angepasst sind. Und selbst dann gingen noch immer 24 Prozent der Anbaugebiete verloren.

Burgund ohne Pinot Noir

Für das französische Burgund schlagen die Wissenschaftler etwa den Anbau von hitzeliebendem Mourvèdre oder Grenache statt Pinot Noir vor, in Bordeaux könnte Mourvèdre Cabernet Sauvignon und Merlot ersetzen.

Kältere Anbaugebiete wie Neuseeland, der pazifische Nordwesten der USA und auch Deutschland würden das Zwei-Grad-Szenario relativ unbeschadet überstehen. Dort könnten künftig sogar wärmeliebende Sorten wie Merlot oder Grenache gedeihen.

Deutsche Winzer als "Gewinner des Klimawandels"?

Weinsorten wie Pinot Noir, die niedrigere Temperaturen bevorzugen, könnten zudem in Gebieten angepflanzt werden, die derzeit noch gar nicht für den Weinanbau geeignet sind.

Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut hält die deutschen Winzer für "Gewinner des Klimawandels". Höhere Temperaturen führten beispielsweise zu einem höheren Reifegrad der Trauben, was letztlich die Weinqualität verbessere.

Weinerzeuger experimentierten bereits mit anderen Reben. Wärmeliebende Sorten wie Merlot und Cabernet Sauvignon machen derzeit jedoch nur etwa ein Prozent der gut 100.000 Hektar Weinanbaufläche in Deutschland aus.

Der Klimawandel dürfte auch für deutsche Winzer nicht nur Vorteile bringen. 2019 verursachten die hohen Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius Sonnenbrand-Schäden an den Trauben in einem bisher noch nicht gekannten Ausmaß. Höhere Niederschlagsmengen steigern zudem das Risiko für Pflanzenkrankheiten wie dem Falschen Mehltau.

Um den Charakter deutscher Weißweine, insbesondere Riesling, auch bei steigenden Temperaturen zu erhalten, belassen einige Winzer beim maschinellen Entlauben nur weniger Blätter an den Reben. Dadurch verzögert sich die Traubenreife. Andere pflanzen ihre Weinberge in höhere oder weniger sonnenreiche Lagen.

Laut der aktuellen Studie sind in heißeren Weinanbaugebieten wie in Spanien, Italien oder Australien die größten Verluste zu erwarten. Dort ziehen Winzer bereits jetzt nur wärmeliebende Sorten.

"Die Erzeuger müssen noch lernen, diese neuen Sorten anzubauen", sagt Studienautorin Elizabeth Wolkovich. "Das ist eine große Hürde in einigen Regionen, in denen seit Hunderten von Jahren die gleichen Sorten angebaut werden. Und sie brauchen Verbraucher, die bereit sind, andere Sorten aus ihren Lieblingsregionen zu akzeptieren."

koe/dpa