Globale Biodiversitätskrise 70 Prozent der Armen sind von Wildtieren abhängig

Sie werden gejagt und getötet: Ein Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES fasst die globale Artenkrise zusammen. Doch Forscher vermissen konkrete Handlungsvorschläge - stattdessen liefere das Papier nur Gutfühl-Weisheiten.
Europäisches Reh in einem Getreidefeld

Europäisches Reh in einem Getreidefeld

Foto: Sven-Erik Arndt / Universal Images Group / Getty Images

Mensch und Tier, das ist eine ungleiche Gemeinschaft, aber auch eine große Abhängigkeit. Egal, ob als Nahrungsmittel oder für die Erholung in Wildparks – rund 50.000 wildlebende Arten sind für Milliarden Menschen Teil ihrer Lebensgrundlage. Doch diese Angebote der Natur sind mehr und mehr gefährdet, erklärt der Weltbiodiversitätsrat IPBES bei einer Konferenz mit 900 Vertretern der 139 Mitgliedstaaten in Bonn.

Die beschleunigte globale Biodiversitätskrise mit einer Million vom Aussterben bedrohten Pflanzen- und Tierarten gefährde diese Beiträge für die Menschheit, heißt es in einem am Freitag vorgestellten Bericht über die nachhaltige Nutzung wildlebender Algen-, Tier-, Pilz- und Pflanzenarten. Immer häufiger sei die Nutzung wilder Pflanzen und Tiere nicht nachhaltig – wenn etwa Fischbestände überfischt und Wälder abgeholzt werden oder illegaler Handel Wildtierarten bedroht.

Zudem setzen den Wildtieren immer intensivere Landwirtschaft, Klimawandel und Umweltverschmutzung zu. Dadurch geraten viele Bestände unter Druck. Allein etwa 10.000 Wildtierarten spielen für die Ernährung des Menschen eine Rolle – besonders für die Landbevölkerung in ärmeren Ländern. Ein Mangel an Alternativen zwinge diese Menschen oft dazu, bereits gefährdete Arten weiter zu nutzen, erklärten die Autoren. Zu wildlebenden Arten gehören auch Pilze und Rehe im Wald und wildwachsende Beeren und Kräuter – im Gegensatz etwa zu gehaltenen Nutztieren und angebautem Obst und Gemüse.

Der Bericht, an dem 85 Experten aus 33 Ländern vier Jahre gearbeitet hatten, untersucht vor allem vier Bereiche, in denen Menschen Wildtierebestände nutzen: die Jagd, die Fischerei, der Holzeinschlag in Primärwäldern sowie das Sammeln von Pflanzen, Pilzen und Algen. Für jeden dieser Bereiche erfasst der Bericht den aktuellen Zustand und leuchtet politische Handlungsoptionen aus. Beispielsweise fordert das Papier einen Abholzungsstopp und weist auf Lebensraumzerstörung hin. Zudem wird auch die Bedeutung indigener Gemeinschaften herausgestellt, die in Entscheidungen miteinbezogen und deren Wissen über natürliche Ressourcen genutzt werden soll.

»Kein Aufruf zu dringend benötigten Aktionen«

»70 Prozent der Armen in der Welt sind direkt abhängig von wilden Arten«, heißt es. Ungefähr ein Drittel der Menschheit verwende Brennholz zum Kochen. Etwa die Hälfte des jährlich global verwendeten Holzes werde für Energie gefällt, ganz überwiegend in Afrika.

Allerdings üben manche Experten auch Kritik an dem Bericht. »Die key messages sind leider sehr allgemein gehalten. Es gibt keinen Aufruf zu dringend benötigten Aktionen, wie die Beendigung von Übernutzung mit verbindlichem Zeitplan. Nur allgemeine Gutfühl-Weisheiten, denen jeder zustimmen kann«, sagte Rainer Froese vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar) in Kiel dem Science Media Center.

Auch Matthias Glaubrecht, Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg, bemängelt, dass ein zentraler Aspekt, wie die durch Abholzung bedingten Artenverluste im umfangreichen wie faktenreichen Bericht untergingen. Dabei gebe es einen Grund, warum Jahrzehnte nach ähnlichen Erklärungen die Lage fast überall nicht besser, sondern schlechter geworden ist, so Froese. »Es wurde nicht gehandelt«, sagt er. »Wir brauchen nicht noch mehr Berichte, wir brauchen endlich politisches Handeln.«

Dennoch könnte der Bericht für verschiedene politische Entscheidungsprozesse relevant werden – unter anderem für die Post-2020-Biodiversitätsziele, die auf der Uno-Biodiversitätskonferenz in Montreal im Dezember beschlossen werden sollen.

joe/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.