Erdlawinen-Atlas Wo die Welt ins Rutschen kommt

Mehr als 30.000 Tote in sieben Jahren - die Gefahr von Erdlawinen ist mehr als viermal größer als in bisherigen Statistiken angenommen. Eine neue Weltkarte zeigt, wo der Boden ins Rutschen gerät. Forscher warnen: Der Berg ruft nicht mehr, er kommt.

Weltkarte tödlicher Fels- und Erdlawinen: Steile Flanken, starker Regen, viele Menschen
David Petley

Weltkarte tödlicher Fels- und Erdlawinen: Steile Flanken, starker Regen, viele Menschen

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Hamburg - In den Bergen stehen sie allerorten, die Vorzeichen der Katastrophe: Spalten klaffen in der Erde, Risse im Gestein. Auch säbelförmig gewachsene Bäume, Erdbuckel, Geröllhalden oder Hänge ohne Bewuchs deuten darauf hin, dass der Boden in Bewegung ist. Wann ein Berg aber dann wirklich kollabieren wird, lässt sich nicht vorhersagen.

Eine neue Weltkarte liefert nun immerhin einen Überblick über die größten Gefahrenzonen. Sie zeigt, in welchen Regionen in den letzten Jahren tödliche Rutschungen niedergingen.

Das wichtigste Ergebnis der Studie von David Petley der Durham University in Großbritannien lautet: Es sterben pro Jahr mehr als viermal so viele Menschen unter Hangstürzen wie angenommen; das berichtet er im Fachmagazin "Geology". Von Anfang 2004 bis Ende 2010 gab es demnach 32.322 Opfer.

Frühere Erhebungen hatten 1062 Tote durch Bergstürze pro Jahr ergeben. Dabei seien aber viele kleinere Desaster ignoriert worden, sagt Petley. Außerdem seien in vorigen Studien Opfer oftmals den Auslösern einer Erdlawine zugerechnet worden, also beispielsweise Hurrikanen. Dadurch sei unbekannt geblieben, wie viele Menschen tatsächlich unter Fels- und Erdmassen begraben worden seien. Erdbeben-Opfer habe er in seiner Statistik aber nicht mit gerechnet, berichtet Petley.

Die Problemzonen

Seine Studie liefert nun die bislang gründlichste Analyse zu der Naturgefahr; sie zeigt, wo die Sicherheit von Siedlungen verbessert werden müsste. Die meisten Opfer gibt es demnach in folgenden Regionen:

  • Im südlichen Himalaja-Gebirge.
  • In den Anden.
  • In Indonesien, vor allem auf Java.
  • An der Südwestküste von Indien und Sri Lanka.
  • An der Küste im Süden und Osten Chinas.
  • Im Zentrum Chinas, vor allem in der Region Sichuan.
  • In der Zentralkaribik.
  • Auf den Philippinen, allein dort starben von 2004 bis 2010 4583 Menschen unter Hangstürzen.

In Europa sind besonders Ortschaften in den Alpen und den Pyrenäen gefährdet. Im Juli 1987 etwa begruben Felslawinen zwei Dörfer in Veltlin, im August 2000 starben bei Steinlawinen 13 Menschen in Gondo im Wallis. Doch auch abseits der Gebirge droht mitunter Gefahr: So rutschten vor drei Jahren Teile des Dorfes Nachterstedt in Sachsen-Anhalt in einen See.

Die größten Katastrophen ereigneten sich der Studie zufolge im Sommer auf der Nordhalbkugel, wenn heftige Monsun-Regengüsse über den dicht besiedelten Bergregionen Asiens niedergehen. Hochsaison für Berglawinen ist auch die Hurrikanzeit im Spätsommer in der Karibik, wenn Starkregen Hänge aufweichen.

Die Zutaten für große Hangsturz-Katastrophen sind zumeist: steile Flanken, starke Niederschläge und dichte Besiedlung. In Regionen, wo diese drei Dinge zusammen kämen, müsste das Risiko gründlich untersucht werden, fordert Petley. Für zahlreiche Gebiete wurden bereits Siedlungsverbote ausgesprochen - doch sie werden nicht immer eingehalten.

Maßnahmen, die Städte retten

Experten der Universität der Vereinten Nationen (Unu) beanstanden insbesondere in armen Ländern erhebliche Mängel bei der Minderung des Bergrutsch-Risikos:

  • Es fehlt das Geld für Gefahrenanalysen.
  • Eine sorgfältige Planung der Landnutzung findet nicht statt.
  • Es gibt keine Vorschriften für die Errichtung von Gebäuden.
  • Finanzielle Anreize, an sicheren Orten zu bauen, werden nicht ausgeschöpft.
  • An Universitäten in Gefahrengebieten fehlen Geologen.

Die Unu-Experten fordern Frühwarnsysteme. Zwar kann der Zeitpunkt eines Bergrutsches auch mit moderner Technologie nicht bestimmt werden. Jedoch ist es schon öfters gelungen, hohes Risiko rechtzeitig zu identifizieren.

Manch gefährdete Regionen in der Schweiz etwa werden mit Laser überwacht. So konnte der Bergsturz von Randa im Jahr 1991 vorhergesagt werden: Bereits Tage vor dem Kollaps von Gestein mit der zwölffachen Masse der Cheops-Pyramide begann sich der Abgang eines Hanges über dem Ort zu beschleunigen; zudem gab es kleinere Lawinen. Umgehend waren Laser montiert worden, die anzeigten, dass sich die Lage zuspitzte.

Forscher nutzen auch Radarsatelliten, um Bodenbewegungen zu entdecken. Um das Kriechen von Fels oder Erde registrieren zu können, müssen die Radarstrahlen allerdings an herausragenden Gegenständen wie etwa Felsbrocken reflektiert werden.

Erderwärmung könnte Städte planieren

Künftig könnte die Gefahr durch Bergstürze zunehmen, warnen Forscher: Wenn im Zuge der erwarteten Erwärmung im Gebirge der Permafrost taut, könnte Felsen ihr Kitt abhanden kommen. Manche Forscher bringen es auf die Formel: Der Berg ruft nicht mehr, er kommt.

Auch Siedlungen am Fuß von Vulkanen drohten künftig vermehrt Erdlawinen, warnte unlängst Daniel Tormey vom privaten Forschungsinstitut Entrix in Los Angeles in einer Studie. Würden Gletscher am Gipfel der Feuerberge ins Rutschen kommen, müssten insbesondere Städte in den Anden mit Schlammlawinen rechnen. "Die Erderwärmung könnte Städte planieren", titelte das Wissenschaftsmagazin "New Scientist".

Berglawinen folgen mitunter einem Rhythmus: In Europa wurde festgestellt, dass nach mehreren Jahren mit mehr Regenfällen in kurzer Zeit Hunderte Erdlawinen abrutschen können, so wie im Winter 1982/83: Das Erdreich war mit Wasser übersättigt. Normaler Regen indes kann den Boden sogar eine zeitlang stabilisieren wie Wasser eine Sandburg.

In den vergangenen Wochen fehlte zahlreichen Menschen dieses Glück: Im Süden Russlands wurden im Juli nach starken Regenfällen mehr als hundert Menschen unter Erdmassen begraben, im Juni traf es ähnlich viele in Uganda. Und vergangenen Montag starben, wie erst jetzt bekannt wurde, 60 Arbeiter bei einer Rutschung in einer kongolesischen Goldmine.

USGS

Die Animation zeigt das Kriechen der Erde über acht Tage im Januar 1997 in San Mateo County in Kalifornien.

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