Hitze, Dürre, Brände So düster ist die Uno-Prognose für den Mittelmeerraum

Der Weltklimarat hat den ersten Teil seines neuen Berichts vorgelegt. Am zweiten arbeitet er noch, doch ein Entwurf zeigt dramatische Vorhersagen für die aktuell gebeutelte Region rund um das Mittelmeer.
Ein Mann beobachtet einen Waldbrand auf der griechischen Insel Euböa

Ein Mann beobachtet einen Waldbrand auf der griechischen Insel Euböa

Foto: Thodoris Nikolaou / dpa

Die Vorhersagen sind dramatisch, doch wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen. Für die kommende Woche sehen die Wetterdienste für Teile Süditaliens Temperaturen von bis zu 45 Grad Celsius voraus. »Die Temperaturen, die wir in den kommenden Tagen erwarten, erfordern unsere höchste Aufmerksamkeit«, warnt  der italienische Zivilschutzchef Fabrizio Curcio. An der »Front der Waldbrandbekämpfung« habe man bereits »schwierige und dramatische Tage« hinter sich.

Klimakrise

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Rund um das Mittelmeer brennt es gerade, neben Italien sind vor allem Teile Griechenlands und der Türkei massiv betroffen. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Nun ist die aktuelle Hitzewelle in der Region allein kein stechender Beleg für die Klimakrise – Wetter ist eben nicht gleich Klima. Auch Hitze allein sorgt nicht unmittelbar für Brände und auch weitere menschliche Einflüsse spielen eine Rolle. So berichten griechische Ermittler von Festnahmen wegen vermuteter Brandstiftung. Klar ist unter Experten aber: Der Mittelmeerraum ist – neben anderen Weltregionen wie der Arktis – im wahrsten, traurigen Wortsinn ein Hotspot des Klimawandels.

Das geht auch aus dem Entwurf eines Dokuments des Uno-Weltklimarates (IPCC) hervor, über das die Nachrichtenagentur AFP  berichtet hat. Demnach muss sich die Region auf stärkere Hitzewellen, Trockenheit und mehr Feuer einstellen – aber nicht nur: »Besorgniserregend sind unter anderem Risiken im Zusammenhang mit dem Anstieg des Meeresspiegels, dem Verlust der biologischen Vielfalt an Land und im Meer, Risiken im Zusammenhang mit Dürren, Waldbränden, Veränderungen des Wasserkreislaufs, gefährdete Nahrungsmittelproduktion, Gesundheitsrisiken in städtischen und ländlichen Siedlungen durch Hitze sowie veränderte Krankheitsüberträger«.

Tote Haustiere nach einem Brand auf der italienischen Insel Sardinien

Tote Haustiere nach einem Brand auf der italienischen Insel Sardinien

Foto: Valentina Sinis / AFP

Die Sachstandsberichte des Uno-Weltklimarats erscheinen in Etappen. Am Montag wurde die Ausarbeitung der Arbeitsgruppe I veröffentlicht, die sich mit den physikalischen Grundlagen der Klimaforschung befasst (lesen Sie dazu hier eine umfassende Analyse). Dabei geht es unter anderem um die fundamentale Frage, welches Plus bei der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre für welches tatsächliche Maß an Erwärmung sorgt.

In dem Bericht warnen die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter anderem, dass der Anstieg der globalen Mitteltemperatur von 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau bereits früher erreicht werden dürfte als bisher angenommen. Konkret ist von den frühen Dreißigerjahren die Rede.

»Was wir aktuell an Extremen im Mittelmeerraum sehen, passt zu den Projektionen.«

Hans-Otto Pörtner, Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe II des Weltklimrates

Die neue Vorhersage hat auch etwas damit zu tun, dass die Forscher den Temperaturwert der vorindustriellen Zeit aufgrund neuer Erkenntnisse etwas angepasst haben, um 0,08 Grad. Dass die 1,5-Grad-Marke nun wahrscheinlich früher erreicht wird, bedeutet zudem nicht, dass auch die prognostizierten Auswirkungen der entsprechenden Erwärmung schneller eintreten. Dennoch ist der Befund dramatisch.

»Je wärmer es weltweit wird, desto mehr werden wir nie erlebte und bisher nie erreichte Extremereignisse sehen«, warnt etwa Friederike Otto, Autorin des Kapitels über Wetterextreme und Leiterin des Environmental Change Institute der University of Oxford.

Löschversuche nördlich der griechischen Hauptstadt Athen

Löschversuche nördlich der griechischen Hauptstadt Athen

Foto: Marios Lolos / dpa

Der Abschnitt des Klimaberichts, aus dem die Nachrichtenagentur AFP für den Mittelmeerraum zitiert, entsteht aktuell noch. Verantwortlich dafür ist die Arbeitsgruppe II, die vom Meeresbiologen Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven geleitet wird. Im kommenden Februar will er mit seinen Kolleginnen und Kollegen die Ergebnisse vorstellen. Dabei sei klar, sagt er dem SPIEGEL, dass sich Details in den derzeit diskutierten Dokumenten noch ändern würden. »Was wir aktuell an Extremen im Mittelmeerraum sehen, passt aber zu den Projektionen.«

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Pia Pritzel / DER SPIEGEL

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In dem Berichtsentwurf wird von überdurchschnittlich steigenden Temperaturen in der Region gewarnt, die etwa 20 Prozent stärker zulegen als der globale Mittelwert. Interessant ist, dass sich das im Fall der Mittelmeerregion aber nicht in stärkere Niederschläge übersetzen dürfte – und dass, obwohl wärmere Luft eigentlich mehr Wasserdampf aufnehmen kann.

Warum das wohl so ist, haben Forscher vom Massachusetts Institute of Technology gerade im »Journal of Climate«  erklärt: Sie machen eine Kombination aus Veränderungen der Winde in der oberen Atmosphäre, der Lage der Gebirge im Mittelmeerraum und die sich verringernde Temperaturdifferenz zwischen den Landmassen und dem von ihnen eingeschlossenen Meer dafür verantwortlich.

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Bis zu 93 Millionen Menschen im nördlichen Mittelmeerraum könnten bis zur Mitte des Jahrhunderts hohem oder sehr hohem Hitzestress ausgesetzt sein, heißt es in dem IPCC-Berichtsentwurf. Und auch in Bezug auf Waldbrände gibt es eine Vorhersage: Die verbrannte Fläche könnte demnach um bis zu 87 Prozent steigen, wenn die Temperaturen im weltweiten Schnitt um zwei Grad zulegen. Bei drei Grad mehr könnte es demnach sogar 187 Prozent sein.

Vegetation trocknet aus und wird brennbar

»Der Klimawandel führt dazu, dass die mediterranen Landschaften immer häufiger entflammbar werden, weil die Vegetation austrocknet und brennbar wird«, so Matthew Jones vom Tyndall Centre for Climate Change Research im britischen Norwich.

Waldbrand bei Athen

Waldbrand bei Athen

Foto: Marios Lolos / dpa

Eine einzelne Hitzewelle stellt, wie gesagt, noch keinen Trend dar. Ein einzelnes Waldbrandjahr lässt sich auch nicht direkt auf den Klimawandel zurückführen. Aber die Forschung hat dazu inzwischen belastbare Erkenntnisse. »Der Bericht macht sehr deutlich, dass der Klimawandel bei der Hitze ein Gamechanger ist«, sagt Forscherin Otto zu dem am Montag vorgestellten Text der Arbeitsgruppe I. Zumal mit steigender Temperatur auch kombinierte Extremwetter wahrscheinlicher werden, also dass Hitzewellen und Dürren oder Starkregen und Stürme bedingt durch den Klimawandel gleichzeitig auftreten.

Mit diesen Folgen für Mensch und Ökosysteme wird sich im kommenden Jahr der Bericht der Arbeitsgruppe II befassen. Und neben sterbenden Korallenriffen, schwindendem Meereis und von Abholzung bedrohten Urwäldern wird es dabei eben auch um die dramatischen Folgen für die Menschen im Mittelmeerraum gehen. Forscher Pörtner warnt: »Wir verlieren mit der Beschädigung der natürlichen Umwelt unseren wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel.«