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Prognose versus Wirklichkeit: Wo die Ökopropheten recht behielten

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Realitätscheck Was wurde aus den Weltuntergangsprognosen der Siebziger?

Klimakollaps oder Waldsterben, Ozonloch oder Atomkrieg - das Ende der Welt schien Ende der Siebziger vielen gewiss. Aufsehenerregende Studien prophezeiten dem Planeten ein düsteres Ende. War das alles nur Paranoia?

Ende der Siebziger lernte ich einen älteren Späthippie mit einer interessanten Marotte kennen: Er sah mit nervös zuckenden Augenlidern zwanghaft gen Himmel. Jeden Kondensstreifen am Firmament beobachtete er intensiv.

Er suchte dort oben nach rasenden Mittelstreckenraketen, mit deren Einschlag er jede Sekunde rechnete. Oder mit dem Klimakollaps. Oder dem Öl-, Wasser- oder Hunger-Krieg, wenn die Armen der Welt den Westen stürmen würden. So oder so, mahnte er, das Ende sei nah!

Wir nahmen diesen bedauernswerten Genossen zwar als Spaßbremse, aber nicht unbedingt als unnormal wahr. Dass die Menschheit haarscharf vor der Auslöschung stand, war ja mehr oder minder Konsens - und Teil des damaligen Lebensgefühls. "No future", gröhlten die Sex Pistols, "noooo future for meeeeee!"

Für einen baldigen Untergang der Welt sprach ja auch einiges. Unsere Ressourcen? Bald erschöpft, behauptete schon 1972 der Club of Rome  in seiner bahnbrechenden Studie "Die Grenzen des Wachstums" . Ein düsterer Weltbestseller, der sich 30 Millionen-mal verkaufte und - von der Volkswagenstiftung finanziert - kräftig dabei half, die grüne Bewegung anzuschieben.

Auch die vom damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter in Auftrag gegebene Studie "Global 2000"  malte 1979 ein teils apokalyptisches Bild der nahen Zukunft. Ins Deutsche übersetzt wurde dieser 1500 Seiten dicke Schmöker zur Bibel der keimenden Ökobewegung: 500.000 Deutsche kauften die deprimierende Welt-Bilanz und lernten daraus, ökologisch zu denken. Nachhaltigkeit wurde vom seltsamen Kunstwort zur lautstark skandierten Forderung.

Da drängt sich die Frage auf, wieso wir eigentlich noch hier sind.

Was wurde aus den Prognosen? War das alles nur Hysterie, Ausdruck eines pessimistischen Zeitgeists in einer angespannter Periode unserer Geschichte?

Begründete Vermutungen

Zur Studie "Global 2000" hatten Hunderte Experten beigetragen, sie versuchte anhand eines Welt-Modells den Blick in eine mögliche Zukunft, basierend auf dem geballten Wissen seiner Zeit.

Und das klang so:

"Wenn sich die gegenwärtigen Entwicklungstrends fortsetzen, wird die Welt im Jahr 2000 noch überbevölkerter, verschmutzter, ökologisch noch weniger stabil und für Störungen anfälliger sein als die Welt, in der wir heute leben. Ein starker Bevölkerungsdruck, ein starker Druck auf Ressourcen und Umwelt lassen sich deutlich voraussehen."

35 Jahre später kann man da in der Rückschau nur nicken - und könnte die gleiche Prognose wieder für unsere Zukunft stellen. In der Tendenz war daran nichts falsch (siehe Bildergalerie).

Ähnlich sieht das mit vielen Vorhersagen des Club of Rome aus. Überbevölkerung, Erschöpfung von Rohstoffen, Umweltverschmutzung durch steigende Industrialisierung, Klimawandel durch CO2, steigende Meeresspiegel und schmelzende Polkappen - all das gehörte zu den zentralen Warnungen dieser 1972 verfassten Expertise.

Wie bei "Global 2000" liegen die Probleme der Club-of-Rome-Prognose nicht in der generellen Aussage, sondern im Detail. Die Gegner der Berichte verwiesen schon bald genüsslich auf jede Unschärfe, jeden scheinbaren Irrtum.

Ab und zu daneben?

Zum Beispiel beim Thema Öl: Keck hatte der Club of Rome 1972 prognostiziert, dass wir bis 1990 auf dem Trockenen sitzen würden. Die prompt folgende Ölkrise von 1973 schockte die Welt und verlieh den Warnungen Gewicht. Wenige Jahre später aber schienen diese entzaubert: Nicht nur stiegen über Jahrzehnte Angebot wie Verbrauch munter weiter an, zeitweilig fielen dazu auch noch die Preise - der Club of Rome hatte einen kontinuierlichen Anstieg vorhergesagt.

Die Kritiker ignorieren die Prämisse

Prognosen sind eben keine zwangsläufig eintreffenden Vorhersagen. Die Verfasser der beiden großen Global-Bilanzen wussten das. So stellte der Club of Rome seinem Bericht folgende Frage voraus: "Was geschieht, wenn sich unsere Welt so weiterentwickelt wie bisher?"

Auch bei "Global 2000" wussten die Autoren um die Unschärfen der Prognose. "Wenn sich die gegenwärtigen Entwicklungstrends fortsetzen" schrieben sie im Vorwort. Und: "Sofern es im Bereich der Technologie nicht zu revolutionären Fortschritten kommt."

Doch die Welt entwickelte sich nicht einfach weiter wie gehabt, nicht alle Trends setzten sich fort, es kam zu revolutionären Fortschritten - und all das war durchaus im Sinne der Verfasser. Ihre Arbeit sollte ja warnen, sollte Einfluss nehmen: Sie hofften darauf, mit der Veröffentlichung der Trends und Prognosen den Lauf der Dinge positiv zu beeinflussen.

Auch das geschah. Ökologie war 1979 ein Thema für Exoten, Mülltrennung hätte womöglich zur Einweisung geführt. Die Studien aber waren nicht nur Ausdruck eines Erkenntnisprozesses in Politik und Wissenschaft, sie wirkten auf die gesamte Gesellschaft zurück. Das Bewusstsein für die wachsenden ökologischen und ökonomischen Gefahren veränderte menschliches Handeln.

Das ist die Natur der apokalyptischen Prognose: Sie wird gestellt, damit sie nicht eintrifft. Gut möglich, dass der Zustand der Welt heute näher an den Prognosen läge, wenn es diese nie gegeben hätte.

Was wurde eigentlich aus... Ihrem Wunschthema?
Foto: LAURENT REBOURS/ AP

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