SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

06. August 2019, 11:43 Uhr

Wetterdaten

Rekordsommer in Serie

Von

Die große Hitzewelle ist erst mal vorbei und hinterlässt eine Reihe an Wetterrekorden. Toppt 2019 also das Supersonnenjahr 2018? Zeit für eine erste Zwischenbilanz in Grafiken.

Der Sommer 2018 war ein Sommer der Extreme. Im Main-Tauber-Kreis gab der Deutsche Wetterdienst (DWD) an 18 aufeinanderfolgenden Tagen Hitzewarnungen aus. In Frankfurt, Freiburg und Konstanz wurden an über hundert Tagen Temperaturen von mehr als 25 Grad gemessen. Hinzu kam extreme Trockenheit mit all ihren tückischen Konsequenzen: Ernteausfälle, Waldbrände, ausgetrocknete Flussbetten. Die Meteorologen des DWD bilanzierten entsprechend: "Das Jahr 2018 stand ganz im Zeichen des Klimawandels", der Sommer 2018 sei "eine der längsten und gewaltigsten Hitzeperioden" sowie "eine der größten Trockenheiten der deutschen Klimageschichte".

Doch nur ein Jahr später wirkt es, als würden alle Rekorde aus 2018 mit Leichtigkeit pulverisiert. Am 25. Juli dieses Jahres werden in Lingen 42,6 Grad gemessen - mehr als zwei Grad über dem alten Spitzenwert. Innerhalb von drei Tagen messen die Wetterstationen des DWD 25-mal Höchsttemperaturen von 40 Grad oder mehr. Von 1881 bis 2018 war dies insgesamt nur zehnmal vorgekommen.

Wird der Sommer 2019 also am Ende ein Jahrhundertsommer? Wir ziehen eine Zwischenbilanz in sechs Grafiken, basierend auf offiziellen Wetterdaten:

1. Außergewöhnlich viele heiße Tage

Tage mit einer Höchsttemperatur von über 30 Grad kamen in Deutschland bislang eigentlich selten vor. Im langjährigen Durchschnitt (Klimawissenschaftler beziehen sich hier in der Regel auf eine 30-jährige Referenzperiode, international gebräuchlich ist der Zeitraum 1961 bis 1990) treten derart heiße Tage in nördlichen Städten wie Hamburg oder Bremen circa dreimal pro Jahr auf. In südlicher gelegenen Städten wie Frankfurt oder Freiburg neun- bis zehnmal.

Diese Werte wurden 2018, und auch in diesem Jahr, bei Weitem übertroffen. Für die in der Grafik dargestellten 18 Wetterstationen wurden im Jahr 2018 insgesamt 4,5-mal so viele heiße Tage beobachtet, wie in der oben genannten Referenzperiode. Auch 2019 wurden zum Stichtag Ende Juli bereits 2,6-mal so viele heiße Tage gemessen wie im langjährigen Durchschnitt. Und das, obwohl uns etliche potenziell sehr warme Wochen erst noch bevorstehen. Die Ursache für die Zunahme: lange und stabile Hochdruckgebiete, deren Auftreten laut Klimaforschern mit zunehmender Erderwärmung häufiger werden wird.

2. Nord, Süd, Ost, West - überall war es ungewöhnlich warm

Doch nicht nur die Zahl einzelner heißer Tage nimmt zu. Ganz allgemein lagen die monatlichen Durchschnittstemperaturen seit Januar 2018 fast durchgehend über den Werten der Referenzperiode.

Lediglich Februar und März 2018, sowie Mai 2019 waren kühler als der langjährige Trend (blau). Selbst die helleren Rottöne in den tendenziell kühleren Monaten von September 2018 bis Januar 2019 aber zeigen Temperaturen, die ungefähr 1,5 bis zwei Grad über dem Referenzwert für den jeweiligen Monat liegen. Im Januar und April 2018 sowie Juni 2019 lag die Abweichung dann überwiegend bei vier bis 5,5 Grad. Räumliche Unterschiede zeigen sich hier übrigens kaum, die Überschreitung der Vergleichswerte ist in allen Bundesländern ähnlich hoch. Und der Juni 2019 zählt überall zu den Monaten mit der extremsten Abweichung.

3. Die Monatsrekorde fallen reihenweise

Richtet man den Blick weiter in die Vergangenheit, also über den zum Vergleich benutzten Referenzzeitraum hinaus, dann wird deutlich, wie sehr die Temperaturen in den vergangenen Jahren herausstechen.

Der wärmste April und der wärmste Mai seit Beginn der Wetteraufzeichnung in Deutschland: entfallen auf das Jahr 2018. Der wärmste Juni: 2019. Der wärmste März: 2017. Der wärmste September: 2016. Der wärmste November und Dezember: 2015.

4. Warming Stripes - die Erderwärmung in einer simplen Grafik

Die extreme Hitze einzelner Tage in den letzten Monaten war für alle, die sich im Freien aufgehalten haben, körperlich spürbar. Ob sich aber das Klima insgesamt verändert hat, lässt sich für Menschen kaum wahrnehmen - schließlich handelt es sich um Trends und Vergleiche über Jahrzehnte hinweg. Vor diesem Hintergrund hat Ed Hawkins, Klimawissenschaftler an der University of Reading, eine Visualisierungsform entwickelt, die die Erderwärmung auf einfache und intuitive Weise sichtbar macht: sogenannte Warming Stripes.

Jedes Jahr wird hier durch einen vertikalen Streifen dargestellt und entsprechend der Abweichung von der langjährigen Durchschnittstemperatur eingefärbt. Blaue Streifen stehen für kühle Jahre, rote Streifen für warme Jahre. Klar erkennbar in einem entsprechenden Diagramm für Deutschland: die deutliche Häufung warmer Jahre seit den Neunzigerjahren und das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung: 2018.

5. Überall trockener als üblich

Nach der Rekordhitze kam im Sommer und Herbst 2018 die Trockenheit. Landwirte beklagten teilweise erhebliche Ernteausfälle, außerdem kam es zu überdurchschnittlich vielen und heftigen Waldbränden. Die Pegelstände von Flüssen und Seen sanken auf historische Tiefststände, worunter nicht nur die Natur zu leiden hatte: Weil der Rhein im Herbst des vergangenen Jahres nur eingeschränkt befahren werden konnte, führte das zu Lieferengpässen bei Benzin und zu höheren Spritpreisen in Süddeutschland.

Ob auf die große Hitze auch in diesem Jahr eine so extreme Dürre folgt, wird sich erst in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Zum Stand Ende Juli ist die Trockenheit der Böden jedenfalls mindestens so hoch wie im vergangenen Jahr.

Die sogenannte Bodenfeuchte ist in der Tiefe von null bis sechzig Zentimeter in diesem Juli in ganz Deutschland geringer als im langjährigen Durchschnitt. Es handelt sich hierbei allerdings auch um Spätfolgen der letztjährigen Dürre: Die Böden hatten sich zu Beginn des Jahres vielerorts noch nicht wieder erholt.

6. Wenig Niederschlag seit Anfang 2018

Und die aktuellen Zahlen lassen bislang wenig Hoffnung zu, dass sich das dieses Jahr ändert: Während die Temperaturen innerhalb eines Monats normalerweise nur gering schwanken, kann monatliche Niederschlagsmenge erfahrungsgemäß stark variieren. Dennoch zeigt ein Blick zurück, dass 14 von 19 Monaten seit Januar 2018 trockener waren, als der langjährige Durchschnitt.

Wie bereits im vergangenen Jahr gingen insbesondere im Juni und Juli 2019 große Hitze mit starker Trockenheit einher. Bundesweit fiel in den vergangenen Monaten rund ein Drittel weniger Regen. Im vielen Orten, verteilt in ganz Deutschland, waren die Werte noch dramatischer: Dort regnete es teilweise 75 bis 80 Prozent weniger als im Durchschnitt.

Wird 2019 ein Jahrhundertsommer?

Der Sommer 2019 ist noch längst nicht zu Ende - und hat dennoch schon zahlreiche Rekorde gebrochen. Stabile und lange anhaltende Hochdruckgebiete sorgen wie schon 2018 für extreme Temperaturen und Trockenheit. Werden August und September ähnlich trocken und heiß wie im vergangenen Jahr, könnten auch die letzten Rekordwerte des bislang wärmsten Sommers (2003) überschritten werden. Inklusive potenziell katastrophaler Auswirkungen für Mensch und Natur, auch, weil einzelne, größere Niederschläge die Trockenheit nicht ausgleichen können. Für den Sommer 2019 gilt deswegen schon jetzt: Es ist ein Sommer der Extreme.

Anmerkung der Redaktion: In der Aufzählung der wärmsten Monate seit Beginn der Wetteraufzeichnung in Deutschland wurde der Juni versehentlich doppelt genannt (2018 und 2019). Wir haben diesen Fehler korrigiert.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung