Sommer in Deutschland Ausnahme-Hitze oder neuer Dauerzustand?

Temperaturen über 30 Grad und kaum Regen: Deutschland erlebt derzeit eine hochsommerliche Hitzewelle. Ist das noch normal?
Schleswig-Holstein, Sankt Peter Ording

Schleswig-Holstein, Sankt Peter Ording

Foto: Axel Heimken/ dpa

Gluthitze liegt zurzeit über weiten Teilen Europas. In Deutschland sollen die Temperaturen auch am Wochenende vielerorts wieder auf bis zu 35 Grad steigen. In Brandenburg, aber auch in anderen Ländern wie Griechenland, Schweden, Finnland und Lettland hat die Feuerwehr mit schweren Bränden zu kämpfen.

Wegen der Rekordhitze befürchten die Landwirte in Deutschland einen enormen Rückgang der Erträge. Dabei stellt sich die Frage, ob diese Hitze noch normal ist und wie sie mit dem Klimawandel zusammenhängt.

Im Video: Fluch und Segen der Hitzewelle

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Brütende Hitze ist in griechischen Sommern normal, Nordeuropa ächzt derzeit aber unter für die Region ungewöhnlich hohen Temperaturen. Sogar am Polarkreis wurden diesen Sommer bereits 30 Grad gemessen. Auch die USA haben mit der Hitzewelle zu kämpfen. In Japan kletterte das Thermometer vergangene Woche auf über 35 Grad, 80 Menschen kamen seit Monatsbeginn dort durch die Hitze ums Leben.

Grundsätzlich gebe es immer wieder Hitzewellen in Teilen der Erde, sagt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Die gegenwärtige Hitze auf der gesamten nördlichen Erdhalbkugel sei allerdings äußerst ungewöhnlich. Thomas Endrulat vom Deutschen Wetterdienst in Potsdam erwartet, dass die gegenwärtige Hitzewelle in Deutschland noch bis mindestens Mitte August andauert: "Es ist noch kein Ende zu erkennen."

Dieses Satellitenbild vom Dienstag zeigt, wie trocken es derzeit in Deutschland ist: Kaum eine Wolke ist am Himmel zu sehen, weite Teile des Landes erscheinen nicht saftig grün, sondern bräunlich. Liegt das am Klimawandel?

Satellitenbild von Deutschland am 24. Juli 2018

Satellitenbild von Deutschland am 24. Juli 2018

Foto: Nasa Worldview/ dpa

Einzelereignisse lassen sich nicht dem Klimawandel zuordnen

Einzelne Wetterextreme direkt auf menschliche Aktivitäten, also auf den Treibhausgasausstoß und den damit verbundenem Klimawandel zurückzuführen, ist nicht möglich. Klimatische Veränderungen lassen sich erst ab einem Beobachtungszeitraum von 30 Jahren abschätzen.

Die jüngsten Wetterepisoden sind allerdings "kompatibel mit den langfristigen Tendenzen, die durch die Konzentration der Treibhausgase verursacht werden", so die Weltorganisation für Meteorologie (WMO).

Video: Blaualgen-Pest in der Ostsee

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Björn Samset vom norwegischen Klima-Forschungszentrum Cicero sagt: "Wir hätten in jedem Fall einen heißen und trockenen Sommer gehabt, aber angesichts dessen, dass der Planet heute ein Grad wärmer ist als vor hundert Jahren, ist es schlimmer, als es sonst gewesen wäre."

Levermann hebt hervor, dass die drei vergangenen Jahre die heißesten auf der Erde seit Beginn der Wetteraufzeichnungen waren. Damit laute die "wichtigste Frage", ob Wetterextreme zunähmen, wenn die Menschheit den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid nicht zurückfahre. "Und die Antwort lautet: Ja", sagt der Potsdamer Klimaforscher.

Wetterextreme werden zunehmen

Die Modellrechnungen des Weltklimarats IPCC ergeben, dass die Wetterextreme in den kommenden Jahren zunehmen. Selbst wenn die internationale Gemeinschaft das Pariser Klimaabkommen umsetze, das eine Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter vorsieht, würden Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und Wirbelstürme demnach öfter auftreten und sich auf neue Gebiete ausweiten.

Eine Studie, die vergangenes Jahr im Fachblatt "Nature Climate Change" erschien, prognostiziert gar, dass selbst bei Einhaltung des Pariser Abkommens bis zum Jahr 2100 die Hälfte der Weltbevölkerung lebensgefährlichen Hitzewellen ausgesetzt wäre - im Vergleich zu 30 Prozent der Menschheit heute.

Und wenn es heißer ist und trockener, brechen auch schneller Brände aus. Die europäische Studie Peseta II schätzt , dass der Anteil der entflammbaren Flächen in Südeuropa im Laufe des 21. Jahrhunderts von 50 auf 100 Prozent anwachsen könnte. Und auch die Deutschen müssen sich auf zunehmend extremes Wetter einstellen.

jme/AFP
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