Prognose-Tipps Wann Sie Ihrer Wetter-App glauben können - und wann nicht

Wetterprognosen werden immer genauer, Forscher sprechen von einer Revolution. Doch warum sind so viele Apps so schlecht? Jörg Kachelmann und der DWD verraten, was Schmu ist - und welchen Vorhersagen man trauen darf.
Sonnenuntergang über Hannover: "Herbst ist doof"

Sonnenuntergang über Hannover: "Herbst ist doof"

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Wer wissen wolle, wie das Wetter wird, solle aus dem Fenster gucken, schreibt der Poet Max Goldt. Wer wissen wolle, wie morgen das Wetter wird, solle morgen aus dem Fenster gucken.

Kann man den Wetterbericht also getrost vergessen? Nicht ganz. Im Wissenschaftsmagazin "Nature"  dokumentieren Meteorologen gewaltige Fortschritte der Wettervorhersage; sie sprechen gar von einer "stillen Revolution".

Alle zehn Jahre, so berichten die Experten um Peter Bauer vom Europäischen Wetterzentrum in Reading (ECMWF), seien die Prognosen um einen Tag genauer geworden: Heutige Vorhersagen sechs Tage im Voraus etwa seien so präzise wie vor zehn Jahren Prognosen für fünf Tage im Voraus. Die Wetterprognose für die nächsten drei Tage treffe mittlerweile fast immer zu.

Warum aber haben so viele Menschen einen anderen Eindruck?

Foto: SPIEGEL ONLINE

Der in "Nature" dokumentierte Erfolg bezieht sich vor allem auf die Witterung, die meist vorzeitig erkannt wird: Wie stark steigt der Luftdruck, oder fällt er - diese wetterentscheidende Frage wird meist gut prognostiziert.

Der Fortschritt verdankt sich vor allem dem weltumspannenden Netz aus Satelliten, das permanent Wolkenfelder im Blick hat. Zudem berechnen Großcomputer die Dynamik der Luft, indem sie im Sekundentakt Abermillionen Differenzialgleichungen lösen.

Auch die Temperatur kann damit gut vorhergesagt werden: In Deutschland etwa weichen Höchst- und Mitteltemperatur am nächsten Tag meist kaum von der Vorhersage ab. Selbst nach sechs Tagen beträgt die Abweichung nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes im Durchschnitt nur zweieinhalb Grad.

Doch Niederschläge sind komplizierter. Und auch die Prognose, ob ein Sturmtief Orkan bringt oder lediglich stürmische Böen, ist heikel. Und dann gibt es das unter Meteorologen gefürchtete Nebel-Lotto. Welchen Prognosen also kann man trauen?

Deutscher Wetterdienst (DWD) und Jörg Kachelmann von Kachelmannwetter.com beantworten die wichtigsten Fragen:

Was sind die größten Schwierigkeiten der Wettervorhersage?

Kachelmann: Wir wissen nicht, wie der kommende Winter wird, denn die Witterung lässt sich nicht Monate im Voraus prognostizieren. Und wir wissen an einem Gewittertag mit örtlichen Unwettern nicht, wen es wann treffen wird.

DWD: Lokale und spontan auftretende Phänomene wie Starkregen und Hagel oder Tornados können wir nur ungenau vorhersagen. Die Vorhersage, wo es Gewitter gibt, ist vergleichbar mit der Frage, wo in einem Topf Luftblasen in kochendem Wasser aufsteigen.

Welche Wetterlagen sind für Meteorologen besonders einfach?

Kachelmann: Ein stabiles Hoch im Juli hat als größten Reizwert die Vorhersage der Höchsttemperatur.

Welche Wetterlagen sind für Meteorologen besonders knifflig?

DWD: Hochdruck im Winter ist besonders schwierig, weil Nebel aufsteigen kann. Bleibt es an solchen Tagen grau, oder wird es heiter? Diese Frage bezeichnen wir als Nebel-Lotto.

Kachelmann: Die meisten Bissmarken in den Tischkanten von Meteorologen kommen aus dem Winter und haben einen kleinen DNA-Marker, auf dem steht: "Nebelvorhersage verkackt".

In welchen Regionen fällt die Vorhersage besonders schwer?

DWD: Am schwierigsten sind Prognosen für Gebirgsregionen, in Deutschland also für Alpen und Mittelgebirge. Das Wetter in einzelnen Tälern vorherzusagen, ist selbst für beste Computermodelle ein Problem.

Wo fällt die Vorhersage leichter?

Kachelmann: Große flache Landschaften sind generell einfacher als Küsten oder Berge.

DWD: In weiten Niederungen stören keine Gebirgszüge die Wetterentwicklung, die sich deshalb dort besser prognostizieren lässt.

Zu welcher Jahreszeit sind Vorhersagen besonders unsicher?

Kachelmann: Frühling ist an der Küste doof, weil das Wasser noch kalt ist und sich manchmal Seenebel bildet. Außerdem haben Meteorologen dann ihr Gehirn meist noch nicht auf Gewitter umgestellt, die dann häufiger werden. Sommer ist doof, weil Menschen im Ernst glauben, dass um 16 Uhr Gewitter sei, weil es auf ihrer App so steht. Herbst ist doof, weil dann die Sache mit dem Nebel losgeht. Winter ist doof, weil dann die Sache mit dem Nebel so richtig losgegangen ist.

DWD: In den Übergangsjahreszeiten Frühling und Herbst kämpfen in Mitteleuropa Luftmassen aus kalten Polarregionen mit warmen aus dem Süden um die Vorherrschaft. Im Sommer sind lokale Prognosen besonders schwierig, wegen örtlicher Unwetter.

Ab welchem Tag kann man der Wettervorhersage nicht mehr trauen?

DWD: Es kommt darauf an, welche Ansprüche man an die Genauigkeit stellt. Möchte man die Höchsttemperatur mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf drei Grad genau haben, wird es normalerweise erst ab dem sechsten Tag problematisch. Möchte man sie mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf ein Grad genau wissen, wird es bereits am zweiten Vorhersagetag kritisch.

Kachelmann: Das ist jeden Tag anders, weshalb wir auf Kachelmannwetter.com die "Vorhersage XL" eingeführt haben : Man sieht die Vorhersage verschiedener Modelle gleichzeitig. Laufen die Linien auseinander, weiß man, dass man nichts weiß. Liegt alles spack beieinander, kann man manchmal sogar für den 9. Vorhersagetag zuversichtlich sein.

Was sollten Nutzer von Wetter-Apps beachten?

DWD: Sie sollten nicht auf unseriöse Versprechen wie Postleitzahlenwetter hereinfallen. Oft verwenden Apps lediglich frei zugängliche Daten mit grober Auflösung.

Kachelmann: Die Vorhersagepunkte liegen üblicherweise 28 Kilometer auseinander - rührend, wenn Menschen dann Postleitzahlen eingeben. Für diese Apps sind die Alpen ein Höcker und die Mittelgebirge eine Türschwelle ohne Berge und Täler. Furchtbar, wie die Leute mit so etwas vergackeiert werden.

Woran erkennt man eine Wettervorhersage, der man vertrauen kann?

Kachelmann: Sie stimmt.

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