WHO-Report Nur gering höheres Krebsrisiko nach Fukushima

Wie gefährlich für die Gesundheit war das Fukushima-Desaster? Zwei Jahre nach der Katastrophe legt die WHO den ersten Bericht vor: Nur in der Umgebung des Reaktors ist das Krebsrisiko leicht gestiegen. Die Experten fordern dennoch, die Gesundheit der Menschen langfristig zu beobachten.
Fukushima-Reaktoren 1 und 4 (23. Februar 2013): "Wird Jahrzehnte ein Thema bleiben"

Fukushima-Reaktoren 1 und 4 (23. Februar 2013): "Wird Jahrzehnte ein Thema bleiben"

Foto: AP/ Kyodo News

Tokio/Genf- Zwei Jahre lang haben Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO die Auswirkungen der Atomkatastrophe in Fukushima auf die Gesundheit von Menschen untersucht. Am Donnerstag haben sie die Ergebnisse der ersten Analyse  in Genf vorgestellt. Die prognostizierten Risiken für die Menschen in Japan und auch außerhalb des Landes seien gering, berichten die Forscher. Es werde kein dramatischer Anstieg an Krebserkrankungen erwartet.

Die Analyse ergab allerdings, dass das geschätzte Risiko für einige Krebsarten und in bestimmten Gruppen der Bevölkerung in der Präfektur Fukushima zugenommen hat - für die Betroffenen seien langfristige und kontinuierliche Untersuchungen nötig. An dem WHO-Report haben unabhängige wissenschaftliche Experten aus den Bereichen Strahlenschutz, Risikomodellierung, Epidemiologie, Dosimetrie, Strahlenschäden und öffentliche Gesundheit mitgearbeitet.

Für ihre Analyse haben sie die Risiken der Menschen im Raum Fukushima, dem Rest von Japan und der Welt abgeschätzt, hinzugezogen wurden auch die geschätzten Risikowerte der Kraftwerks- und Rettungskräfte, die während der Not-Phase-Reaktion im Kernkraftwerk eingesetzt wurden.

"Uns interessierte, ob es einen Anstieg an Krebserkrankungen gibt, der im Zusammenhang mit bestimmten Orten und demografischen Faktoren steht", sagte Mareia Neira, WHO-Direktorin für öffentliche Gesundheit und Umwelt.

Eine Aufschlüsselung, die auf Daten nach Alter, Geschlecht und der Nähe zum Kernkraftwerk basiert, zeigte ein höheres Krebsrisiko für jene Menschen, die in den am stärksten kontaminierten Gebieten leben. "Außerhalb dieser Bereiche, auch in Orten innerhalb der Präfektur Fukushima, haben wir keinen beobachtbaren Anstieg von Krebserkrankungen festgestellt".

Die Ergebnisse aus dem fast 200 Seiten starken Dokument fasst die WHO wie folgt zusammen:

Für Menschen, die in den am stärksten verseuchten Gebieten zwischen 20 und 50 Kilometer nordwestlich des havarierten Kernkraftwerks lebten, schätzen die Experten ein höheres Krebserkrankungsrisiko für bestimmte Tumoren und Bevölkerungsgruppen:

  • Einen Anstieg um 4 Prozent bei Tumoren bei Frauen, sofern sie als Kinder von der Strahlung betroffen waren.
  • Einen Anstieg um 7 Prozent bei Leukämie bei Männern, die als Kinder betroffen waren.
  • Einen Anstieg des Risikos um 70 Prozent bei Frauen, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, die als Kind von der Strahlung betroffen waren. Was als relative Zahl ausgedrückt sehr hoch erscheint, muss aber in absoluten Zahlen gesehen, keinen drastischen Anstieg bedeuten: Denn normalerweise liegt das erwartete Risiko für Frauen, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, über die gesamte Lebensdauer bei 0,75 Prozent. Das zusätzliche Lebenszeitrisiko für Frauen, die als Kinder der Strahlung in Fukushima ausgesetzt waren, beträgt 0,50 Prozent.

  • Für Menschen in den nicht mehr ganz so stark betroffenen Standorten der Präfektur Fukushima liegt das geschätzte höhere Risiko, an Krebs zu erkranken, etwa um eine Hälfte unter den Werten des am stärksten betroffenen Gebiets.
  • Für die Rettungskräfte, die im Inneren des Reaktors gearbeitet haben, schätzen die WHO-Experten, dass zwei Drittel ein ähnliches Risiko haben, an Krebs zu erkranken wie der Rest der Bevölkerung. Nur ein Drittel habe ein erhöhtes Risiko.
  • Die Strahlendosen aus dem beschädigten Atomkraftwerk werden bei Menschen, die nach dem Unfall geboren wurden, nicht zu einen Anstieg in der Häufigkeit von Fehlgeburten, Totgeburten und anderen physischen und psychischen Bedingungen führen.
  • Die psychosozialen Auswirkungen der Katastrophe können ebenfalls eine Konsequenz auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen haben. Dies müsse ebenfalls kontinuierlich untersucht werden, sagen die Experten.

"Der WHO-Bericht unterstreicht die Notwendigkeit, Menschen, die ein erhöhtes Risiko haben, regelmäßig zu untersuchen und alle notwendigen medizinischen Maßnahmen bereit zu stellen", sagt Maria Neira. "Dies wird ein wichtiges Element in der öffentlichen Gesundheitsvorsorge in Japan bleiben."

Neben zusätzlichen medizinischen Untersuchungen sei auch die Überwachung der Umwelt, insbesondere der Lebensmittel- und Wasserversorgung erforderlich, um potentielle Strahlenexposition in Zukunft zu verringern", sagte Angelika Tritscher, Direktorin der WHO-Abteilung für Lebensmittelsicherheit Zoonosen.

Nach einem heftigen Erdbeben und einem Tsunami am 11. März 2011 hatten sich in den Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi mehrere Kernschmelzen ereignet. Es war das folgenschwerste Atomunglück seit dem Unfall von Tschernobyl 1986. Die Umgebung wurde weiträumig radioaktiv verstrahlt. Bei dem Erdbeben und Tsunami kamen etwa 19.000 Menschen ums Leben.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes hieß es, die Experten hätten ein höheres Krebserkrankungsrisiko für die Menschen in einem Umkreis von etwa 20 Kilometern um das havarierte Kernkraftwerk festgestellt. Da die Sperrzone jedoch recht schnell evakuiert wurde, haben die Wissenschaftler sie nicht in ihre Berechnungen einbezogen. Die Werte für die am stärksten verseuchten Gebiete beziehen sich auf Orte wie Iitate und Namie außerhalb der Sperrzone, die zwischen 20 und 50 Kilometer nordwestlich des Kraftwerks liegen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

nik
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