Haarige Reptilien Warum es besser ist, nachts nicht nackt zu sein

Säugetiere sind haarig, Reptilien nicht. Doch Haare, behauptet eine aktuelle Studie, wuchsen auch schon den reptilischen Vorfahren der Säuger. Wozu waren sie gut?

Galesaurus, ein enger Verwandter von Thrinaxodon: Noch Reptil, schon fast Säuger
Iziko Museum of Natural History

Galesaurus, ein enger Verwandter von Thrinaxodon: Noch Reptil, schon fast Säuger

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Es gibt wissenschaftliche Illustrationen, auf denen Thrinaxodon aussieht wie eine Art kurzschwänzige Eidechse mit breitem Schädel. Auf anderen wird das Tier dargestellt wie eine Art flachgebautes Wiesel: Da sieht es aus wie ein etwas eigentümlich proportioniertes Säugetier. Die Wahrheit, behauptet eine aktuelle Studie, lag womöglich in jeder Hinsicht irgendwo in der Mitte.

Die Evolution der größeren, landlebenden Wirbeltiere verlief anfänglich in einer zeitlichen Abfolge: Es waren Fische, die als erste tragfähige Gliedmaßen und Lungen entwickelten und sich vom Lebensraum Wasser lösten. Aus ihnen entwickelten sich Amphibien und aus denen Reptilien. Fast zeitgleich folgten dann Dinosaurier, aus denen die Vögel hervorgehen sollten, und Säugetiere. Und alle diese Entwicklungslinien kann man anhand von markanten Merkmalen ziemlich eindeutig beschreiben und voneinander abgrenzen.

Zu den Merkmalen der Säugetiere gehören die Warmblütigkeit, mimische Flexibilität, die dem Schnauzenapparat von Futtersuche bis Kommunikation neue Möglichkeiten erschloss, die Entwicklung von Embryonen zu lebend geborenem Nachwuchs im Inneren des Körpers und dessen anfängliche Ernährung mit Drüsensekreten. Ein Wesen, das über all diese Merkmale verfügt, ist ein Säugetier - so weit, so gut.

Warane mit riesigen Rückensegeln

Was aber waren dann die Cynodontier und Therapsiden, die vor rund 245 Millionen Jahren das Land bevölkerten? Wir wissen seit Langem, dass sie zu den Vorfahren der Säugetiere zählen: Ihre Körper zeigen sowohl Merkmale, die für Reptilien typisch sind, als auch solche, die wir von Säugern kennen.

Die frühesten Vertreter dieser Gruppen, die vor rund 310 Millionen Jahren erstmals auftraten, sahen noch eindeutig aus wie Reptilien. Tiere wie Dimetrodon erinnerten an Warane mit riesigen Rückensegeln - schwer vorstellbar, dass aus solchen Tieren einst Säuger werden sollten. Spätere Arten wie Thrinaxodon machen es uns da einfacher - zumal sie offenbar schon Haare besaßen und wahrscheinlich warmblütig waren. Eine neue Studie sagt nun: Sie hatten wohl auch schon flexible, zu Bewegungen fähige Schnauzen, Lippen und Nasen - Eigenschaften, die für Reptilien komplett untypisch sind.

Thrinaxodon: Die Vertiefungen an der Schnauze sind Ansätze von Haarfollikeln. Im Inneren des Fossils lässt sich nachweisen, dass die wohl mit dem Gesichtsnerv verbunden waren.
Wits University

Thrinaxodon: Die Vertiefungen an der Schnauze sind Ansätze von Haarfollikeln. Im Inneren des Fossils lässt sich nachweisen, dass die wohl mit dem Gesichtsnerv verbunden waren.

Spekuliert wurde über viele dieser Dinge schon seit Langem: Manche Therapsiden-Fossilien zeigen an ihren Schädelknochen deutliche Ansätze, wo einst Haarfollikel verankert gewesen sein dürften. Bei Thrinaxodon fand man solche Haaransätze beispielsweise an der Schnauze, seitlich der Nase. Das kennen wir von Katz, Hund und Maus: Da liegt die Vermutung nahe, dass es sich um Tasthaare handelt.

Genau das ist die These, die Julien Benoit und seine Kollegen von der Uni Witwatersrand vertreten: Säugetierähnliche Reptilien hätten Haare zur Orientierung im Dunkeln genutzt. Sie seien somit eine Erweiterung der sensorischen Möglichkeiten gewesen, eine Anpassung an eine nächtliche Lebensweise.

Schon Tiere wie Thrinaxodon hätten aber auch über einen gegenüber Reptilien verkürzten Gesichtsnerv verfügt. Das hätte es möglich gemacht, dass Schnauzen, Lippen und Nasen beweglicher wurden - wer jetzt an witternde, tastende Kleinnager denkt, liegt richtig: Auch das ist ein Merkmal, das Säugetiere von Reptilien unterscheidet.

Nun funktioniert Evolution aber nicht so, dass eine Art eine Eigenschaft quasi auf Wunsch ausprägen könnte, weil ein Bedarf nach ihr besteht. Der evolutionäre Effekt entsteht vielmehr dadurch, dass eine ausgeprägte Eigenschaft sich für das Überleben als nützlich erweist und so vererbt wird.

Dieser Nervenapparat (hier grün gekennzeichnet), der zur Wahrnehmung von Tastinformationen und Temperaturen dient, verkürzte sich in der Entwicklung von Reptilien hin zu Säugern immer weiter - und machte damit eine größere Beweglichkeit von Schnauze, Lippen und Nase möglich.
Wits University

Dieser Nervenapparat (hier grün gekennzeichnet), der zur Wahrnehmung von Tastinformationen und Temperaturen dient, verkürzte sich in der Entwicklung von Reptilien hin zu Säugern immer weiter - und machte damit eine größere Beweglichkeit von Schnauze, Lippen und Nase möglich.

Wie aber kommt man dann von der Reptilien-typischen Schuppe zum Haar (oder später: zur Feder)?

Das eine ist vom anderen offenbar nicht so weit entfernt: Eine andere, ebenfalls aktuell veröffentlichte Studie Schweizer Forscher wies nun erstmals nach, dass Schuppe, Haar und Feder denselben evolutionären Ursprung teilen - sie entwickelten sich aus derselben "Vorläuferstruktur".

Diese sogenannte Homologie ist noch heute, im Laufe der embryonalen Entwicklung der verschiedenen Tiere, zu beweisen. So zeigten in einem frühen Entwicklungsstadium Vögel, Säugetiere und Reptilien auf molekularer und mikroanatomischer Ebene identische Hautmerkmale: Schuppe, Haar und Feder entwickeln sich demnach alle aus denselben, sogenannten Plakoden.

Das macht es vielleicht leichter, sich vorzustellen, dass es einst behaarte Reptilien wie Thrinaxodon gab: Evolution ist ein fließender Prozess. Therapsiden waren auf dem Weg vom Reptil zum Säuger, Zwischenwesen, wenn man so will. Ihr Beispiel zeigt, dass letztlich jedes Lebewesen, dessen Gene sich im Pool durchsetzen, eine Art Missing Link ist. Möglich, dass sich Säugetiere deshalb entwickelten, weil Tiere wie Thrinaxodon eine neue, nächtliche Lebensweise entdeckten, die ihnen eine frische ökologische Nische erschloss.

Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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