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SPIEGEL

Marco Evers

Ölbohrungen im Arctic National Wildlife Refuge Irrsinniger Aufwand

Liebe Leserin, lieber Leser,

im Nordosten Alaskas erstreckt sich eine nahezu unberührte Wildnis. Sie ist Heimat von Eisbären und Karibus - und birgt leider aber auch allerhand Erdöl und -gas. Das ist eine prekäre Situation.

Die Küstenzone des "Arctic National Wildlife Refuge" könnte sich jetzt auf dramatische Weise verändern. US-Präsident Donald Trump hat Konzernen den Weg geebnet, in dieser einzigartigen und bedrohten Natur nach Öl und Gas zu bohren. Schon 2021 könnten die entsprechenden Pachtverträge versteigert werden. Vor allem für die Republikaner Alaskas war dies ein langgehegter Wunsch. Bisher stand dem der Umweltschutz entgegen - doch im Trump-Amerika spielt der keine große Rolle mehr.

Für Bohrprojekte gibt es kaum einen schlechter geeigneten Ort als die Tundra. Die Permafrostböden von Alaska tauen als Folge des Klimawandels stärker und früher im Jahr als ehedem; große Mengen der Klimagase Kohlendioxid und Methan werden dabei freigesetzt. Der Tauprozess ist schon jetzt ein Problem für die Infrastruktur, weil Wohnhäuser, Straßen oder auch Ölpipelines auf dem nicht mehr eisharten Boden einsinken. Mit weiter zunehmender Erwärmung eignet sich die Arktis aber noch weniger für schwere und gefährliche Förderanlagen.

Die Ölfirmen und die Genehmigungsbehörden wissen das auch. Statt daraus aber den Schluss zu ziehen, Öl und Gas im Untergrund zu belassen, erwecken sie jetzt den Eindruck, sie könnten die Permafrost-Schmelze dort, wo es nötig ist, einfach aufhalten - etwa so wie der Junge, der das Loch im Deich mit seinem Finger stopfte.

Packrafter auf dem Ivishak River, Arctic National Wildlife Refuge.

Packrafter auf dem Ivishak River, Arctic National Wildlife Refuge.

Foto: Michael Engelhard

ConocoPhillips zum Beispiel, einer der größten US-Ölmultis, hat angekündigt, er werde den Boden unter den von ihm angelegten Gebäuden und Förderanlagen mit technischer Finesse nachkühlen. "Thermosiphons" sollen zum Einsatz kommen: Röhren, die Winterkälte im Erdreich bis in den Sommer speichern sollen. Die Kühltechnik wird in Alaska zwar genutzt in kleineren Gebäudeprojekten, aber sie ist eindeutig ungeeignet, Ökokatastrophen in einer tauenden, industriell genutzten Wildnis zu verhindern oder auch nur abzumildern.

Sehenden Auges geben die USA hier einen Schatz preis, dessen Wert für die Gesellschaft viel höher zu bewerten ist als die 590 Millionen Barrel Öl, die ConocoPhillips in dieser Region bis etwa zum Jahr 2050 fördern will. Dies ist ein Skandal, der vielleicht noch zu stoppen ist. Umweltschützer bereiten Klagen vor – vor allem aber wird es darauf ankommen, wer die US-Präsidentschaftswahl im November gewinnt.

Mit den besten Grüßen

Marco Evers

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • In der Camarque gibt es dieses Jahr so viele Flamingos  wie noch nie.

  • Er sprach acht Sprachen, meldete an die 300 Patente an, wurde reich und doch wieder bettelarm. Das wechselhafte Leben des genialen Erfinders Nikola Tesla läuft jetzt im Kino in einer Verfilmung mit Ethan Hawke in der Titelrolle. Hier zwei  Filmkritiken  - und außerdem eine spannende Huldigung  für den Elektropionier aus der Feder eines sehr gut informierten Verehrers.

  • Schweizer Wissenschaftler haben ein hyperempfindliches Gerät entwickelt, das im All nach den winzigsten Spuren  von Leben fahnden soll, zum Beispiel tief unter dicken Eisdecken auf fernen Monden. Die US-Weltraumagentur Nasa bekundet Interesse.

  • Wie sieht Grundlagenforschung aus? Der Fotograf Hendrik Spohler war zwei Jahre lang in weiten Teilen der Welt in Labors und Forschungsstätten unterwegs und hat eindrucksvolle Einblicke in die Orte gewonnen, an denen Forscher fundamental wichtiges Zukunftswissen erringen.

  • Eigentlich wollten Archäologen im kanadisch-arktischen Archipel jetzt wieder zu "Erebus" und "Terror" tauchen, den beiden 2014 und 2016 entdeckten Schiffswracks der Franklin-Expedition, die 1846/47 so spektakulär gescheitert war. Aus der diesjährigen Mission  wird aber nichts. Die lokalen Inuit, deren tradierte Erzählungen zur Entdeckung der Schiffe führten, müssen vor dem Coronavirus geschützt werden.

  • Was passiert, wenn 102 Passagiere fast fünf Stunden lang von Tel Aviv nach Frankfurt fliegen, niemand eine Maske trägt und sieben der Fluggäste mit dem Coronavirus infiziert sind? Deutsche Mediziner sind einem Fall aus dem März nachgegangen. Ergebnis: Mindestens zwei Menschen  könnten sich an Bord infiziert haben. Sie saßen in der Nähe der Virusträger - aber nicht auszuschließen ist, dass die Infektionen am Gate, am Gepäckband oder sonst wo stattfanden. Immerhin: Der Großteil der Passagiere blieb verschont.

Quiz*

1. Wer schickte wann den ersten Satelliten ins All?

2. Wonach suchte die Franklin-Expedition?

3. Warum sind Flamingos rosa bis pink?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Kinderstube der Sterne, 1400 Lichtjahre von der Erde entfernt: Der "Serpens-Süd-Sternhaufen" besteht aus einer Gruppe von rund 600 Jungsternen, von denen manche noch in der Entstehung sind. Diese Aufnahme wurde mithilfe eines Infrarot-Teleskops an Bord der fliegenden Sternwarte Sofia erstellt, einer umgebauten Boeing 747. Die Schlieren auf dem Bild zeigen sichtbar gemachte Magnetfeldlinien.

Fußnote  

3236 Satelliten will der Onlinehändler Amazon ins All schießen, um an fast jedem Punkt der Erde einen schnellen Internetzugang zu ermöglichen. Die erforderlichen Genehmigungen hat der Konzern jetzt eingeholt. Im erdnahen Raum wird es damit bald ziemlich eng. Fast 6000 Satelliten sind derzeit oben. Neben Amazon baut aber auch SpaceX eine sogenannte Konstellation auf mit rund 12.000 künstlichen Erdtrabanten. 655 hat die Firma schon ins All gebracht, allein 58 in dieser Woche.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten  
1. Die Sowjetunion brachte am 4. Oktober 1957 "Sputnik" in den Weltraum - einen Satelliten, dessen Batterien nach drei Wochen aufgebraucht waren und nach zwei weiteren Monaten wieder zur Erde stürzte. Der Westen erlebte damals den sogenannten Sputnikschock und baute seine Forschung in der Raumfahrt stark aus, um nicht ins Hintertreffen zu geraten.
2. Mit 128 Mann war der Entdecker John Franklin 1846 aufgebrochen, um einen Seeweg in der kanadischen Arktis zwischen dem Atlantik und dem Pazifik zu finden - die berühmte Nordwestpassage. Keiner überlebte.
3. Wenn sie aus dem Ei schlüpfen, sind Flamingos grauweiß. Erst nach Jahren ändern sie ihre Farbe - je nachdem, wie viele karotinoidhaltige Algen und Krebse sie gefressen haben.

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