Wilderer Tiger im Kühlschrank, Affen im Garten
Eingeschlossen in ihrem Käfig und ihre Wunden leckend weckt das Leopardenweibchen eher Mitleid als Angst. Dabei hat es noch ein vergleichsweise glimpfliches Schicksal erlitten: Es ist den Fallen der Wilderer wenigstens entkommen. Etliche seiner Artgenossen schaffen das nicht.
Das Leopardenweibchen mit einem Gewicht von 18 Kilogramm wurde im vergangenen Monat nahe der chinesischen Grenze von vietnamesischen Wachposten gerettet und erholt sich nun in einem speziellen Pflegezentrum in Hanoi. Dort lebt das Tier zusammen mit Braunbären, Gibbons, Meerkatzen und anderen Tieren, die aus vietnamesischen Restaurants, Apotheken und Souvenirläden gerettet wurden. Den Wilderern hätte die Leopardin 70 Millionen Dong eingebracht, rund 3500 Euro.
Nach Angaben von Umweltschützern ist Vietnam eine Drehscheibe für den Handel mit Wildtieren. "Die geretteten Tiere sind nur die Spitze des Eisberges", sagte Eric Coull, Vertreter des World Wide Fund for Nature (WWF) in der Region. Rund 3000 Tonnen Wildtiere - lebend, aber auch zerstückelt - werden jährlich in das kommunistische Land geschmuggelt oder herausgebracht, sagte der Direktor der Landwirtschaftsuniversität in Hanoi, Nguyen Van Song. Problematisch dabei: Die Zollbeamten verdienen so wenig, dass sie für Bestechung empfänglich sind.
Die Hälfte der illegal gefangenen Tiere ist für den lokalen Verbrauch bestimmt, denn die Vietnamesen sind stolz auf ihre traditionellen Essgewohnheiten. "Man kann alles essen, was auf vier Beinen steht - bis auf einen Tisch. Man kann alles essen, was im Ozean lebt - bis auf U-Boote. Man kann alles essen, was am Himmel fliegt - bis auf Flugzeuge", sagt ein populäres Sprichwort. Nicht nur das Fleisch, sondern auch Haut, Ohren, Fell und Zähne der Tiere werden verarbeitet. Ein langes Leben, Männlichkeit und die Heilung verschiedener Leiden versprechen sich die Konsumenten von den Produkten aus exotischen Lebewesen.
Millionen für einen Tiger
Millionen von Dollar sei es einigen Leuten Wert, einen Tiger zu ergattern, berichtet Sulma Warne von der Organisation Traffic: "Tigerfleisch zu besitzen, zeigt, dass man vermögend ist. Der Handel damit ist illegal und es ist schwierig, es zu bekommen." Ähnlich sieht es Edwin Wiek von der Stiftung zum Schutz der Orang-Utans in Indonesien: "Es gibt Leute, denen reicht der Ferrari vor der Tür nicht. Sie wollen außerdem noch einen Schimpansen oder Orang-Utan im Garten, dann sind sie wirklich wer." Wiek ist es erst kürzlich gelungen, zwei Primaten in ihre vietnamesischen Heimatwälder zurückzubringen.
In der Mitte des vergangenen Jahrzehnts entdeckten die Biologen die Wälder Vietnams für sich: 1992 stießen Forscher auf das Waldrind Saola, das größte Säugetier, das in den letzten 50 Jahren entdeckt wurde. Seitdem ist noch eine Rhinozeros-Art aufgetaucht, die für ausgestorben gehalten wurde, sowie drei Hirschrassen, 63 weitere Landwirbeltiere und 45 Fischarten.
Aufgabe der Wissenschaftler ist es nun, die Neuentdeckungen zu katalogisieren, bevor sie verschwinden. 300 Tierarten sind schon von der Landkarte Vietnams verschwunden, etwa 100 weiteren droht dasselbe Schicksal. Das heutige Vietnam hat bloß noch ein paar hundert Tiger, Wildelefanten und weniger als zehn Nashörner.
Hanoi hat die Tierjagd seit 1975 verboten und diverse internationale Schutzabkommen unterzeichnet. An der Durchsetzung aber hapert es. Die Beträge, die mit dem Schwarzhandel eingenommen werden, liegen 30 Mal höher als die Ausgaben zur Bekämpfung des Wilderns. Solange es einen Markt dafür gibt, wird die reiche Natur des Landes wohl weiter ausgebeutet werden. "Vietnam wurde in den vergangenen 15 Jahren berühmt für die Entdeckung neuer Tierarten. In Zukunft könnte es für deren Ausrottung berühmt werden", bedauert Eric Coull vom WWF.
Frank Zeller, AFP