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17. Oktober 2006, 12:10 Uhr

Wildlachs

Elternkadaver düngen Kinderbiotop

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Für manche Eltern ist das Leben einfach härter. Pazifische Lachse sterben nach der Eiablage und dienen als Dünger für das Ökosystem, in dem ihre Jungen aufwachsen. Forscher haben jedoch herausgefunden, dass die Lachse immer öfter auch Gift aus dem Meer in die Laichgewässer tragen.

Kraftstrotzende Fischleiber springen meterhoch und überwinden so tosende Wasserfälle: Zu Zigtausenden wandern pazifische Lachse der Gattung Oncorhynchus die Flüsse der nordamerikanischen Westküste hoch, um dort zu laichen. Mancherorts drängen sich die rot, lila oder grünlich gefärbten Schuppenträger so dicht, dass der Gewässerboden kaum mehr zu sehen ist. Es ist ein atemberaubendes Naturphänomen. Bis zu 4000 km legen die Fische auf dem Weg zu den Laichplätzen zurück, vorbei an Netzen, hungrigen Bären und zahlreichen anderen Gefahren, um am Ort ihrer eigenen Geburt laut planschend zur Paarung und Eiablage zu kommen. Dann sterben sie.

Schon kurz nach der Massenhochzeit sind die Flussufer in Alaska und Kanada übersät mit Fischkadavern, es gibt keine Überlebenden. Doch was auf den ersten Blick wie eine grausige Verschwendung der Natur anmutet, ist in Wirklichkeit Kern eines komplexen Verteilungssystems. Es dient der Versorgung nährstoffarmer Ökosysteme mit lebenswichtigen Substanzen. "Die Lachse düngen so ihre Kinderstuben", sagte Xanthippe Augerot, die am Wild Salmon Center in Portland im US-Bundesstaat Oregon dieses Transfer-System erforscht, zu SPIEGEL ONLINE.

Forscher, die den Zusammenhang zwischen Laichen, Leichen und Lebensraum-Pflege untersuchen, machen eine paradoxe Erkenntnis: Ohne die Kadaver ihrer Eltern hat der Lachsnachwuchs keine Zukunft - sie tragen aber auch das Unheil des Pazifik in sich.

Laichwanderungen gelten als Folge von Nahrungsmangel im ursprünglichen Lebensraum von Fischarten. Die Tiere leben dort, wo es reichlich Futter gibt, und kehren nur zur Eiablage in ihr angestammtes, aber nahrungsarmes Revier zurück. Aale etwa stammen aus der kargen Tiefsee und schwimmen ins Schlaraffenland der Binnengewässer. Zum Laichen begeben sich die Tiere allerdings in die Finsternis des Sargasso-Meers.

Bei atlantischen Lachsen und der nah verwandten Meerforelle hingegen handelt es sich um Süßwasser-Arten, zu deren Lebenslauf eine Fressphase gehört: Um groß und stark genug für die Eierproduktion werden zu können, verbringen die Fische ein oder mehrere Jahre in futterreichen Meeresgebieten. Die wenigen Nährstoffe in Bächen und Flussoberläufen würden dazu nicht ausreichen - als Brutstätte dienen sie den Fischen jedoch weiterhin.

Kreislauf von Laichen, Leichen und Junglachsen

Dieses Prinzip der optimalen Ressourcennutzung haben die pazifischen Lachse perfektioniert - auf die harte Tour. Anders als bei ihren atlantischen Vettern ist der schnelle Tod nach einmaligem Laichen de facto vorprogrammiert. Zum Wohle des Nachwuchses. Die Körper der erwachsenen Fische sind nämlich vollgepackt mit sogenannten MDN (Marine Derived Nutrients, Nährstoffe marinen Ursprungs). Vor allem transportieren die prallen Fischleiber in Proteinen enthaltene Stickstoffverbindungen - Mangelware in den Ökosystemen Alaskas und West-Kanadas. Das im Meer besonders häufige Stickstoff-Isotop 15N aus Fischfleisch lässt sich überall in der Nähe der Flüsse nachweisen.

Aufgrund ihrer Vorliebe für leckeren Lachs spielen Bären bei der Verteilung oft eine wichtige Rolle. Die zotteligen Gourmets können pro Kopf und Jahr knappe 40 Kilogramm bioverfügbaren Stickstoff über Urin und Exkremente ausscheiden, eine kräftige Düngung. Wissenschaftler der Seattle University untersuchten Sitka-Fichten, die in der Nähe von Lachs-Laichplätzen wachsen. 24 Prozent des Stickstoffs in den Nadeln stammte aus dem Meer.

Nahe der Laichplätze wachsen die Bäume bis zu dreimal schneller als ihre Artgenossen in lachsfreien Regionen. Beschleunigter Waldwuchs am Flussufer verbessert die Lebensbedingungen der Junglachse. Der Schatten der Bäume hält das Wasser kühl und somit sauerstoffreich; abgestorbenes Holz schafft Unterschlüpfe; Blätter und Nadeln dienen als Nahrung für Insekten und deren Larven, die wiederum den Fischen als Beute zur Verfügung stehen.

In der Fachzeitschrift "Freshwater Biology" (Vol. 51, S. 1211-1218) berichtet jetzt der Biologe Jason Walter: Junglachse profitieren nicht nur über den Umweg durch die Pflanzenwelt vom Tod ihrer Eltern, sondern auch direkt. Zusammen mit seinen Kollegen Robert Bilby und Brian Fransen spannte Walter einen engmaschigen Zaun in einem Wasserlauf und hinderte so laichbereite Lachse daran, flussaufwärts zu schwimmen. Während und nach der Laichzeit untersuchten die Forscher das Vorkommen von Köcherfliegen-Larven auf beiden Seiten des Zauns.

Kadaver düngen Laichgründe - und nähren Junge

Im für Lachse erreichbaren Abschnitt verursachte das stürmische Laichgeschäft zwar kurzfristig einen drastischen Rückgang der Larven, aber danach stieg deren Population deutlich über die Larvendichte im Bereich jenseits der Sperre. Die von Lachsfleisch lebenden Larven wuchsen deutlich schneller als ihre Verwandte jenseits des Zauns, auf den Fischkadaver wimmelte es regelrecht. Vor allem wiesen diese Larven auch einen weitaus höheren 15N-Gehalt auf - das erklärt auch, warum sich ausgerechnet die Holzfirma Weyerhaeuser für die Bedeutung von Lachskadavern für wirbellose Wasserbewohner interessiert. In deren Auftrag sperrten Walter und seine Kollegen nämlich den Fluss ab.

Die Untersuchung bestätigt auch die Vermutung aus früheren Studien, wonach die Verfügbarkeit von Lachskadavern für die Entwicklung der Larven von Stein- und Köcherfliegen, Zuckmücken und anderen von zentraler Bedeutung ist. Die Vermehrung dieser Insekten verbessert das Futterangebot für Junglachse erheblich. Noch eindeutiger sind Mageninhaltsuntersuchungen, die Robert Bilby bei einjährigen Coho-Lachsen (Oncorhynchus kisutch) durchführte. Er fand bis zu 78 Prozent Lachsfleisch und -eier und zeigte damit, wie sehr der Lachsnachwuchs zum Kannibalismus neigt - solange diese Ressource zur Verfügung steht.

Sie wird allerdings immer knapper. Obwohl zusätzliche Fische in die Bestände ausgesetzt werden und die Fischerei reguliert wird, gehen die Lachspopulationen in einigen Gegenden stark zurück. Von dieser Drosselung der Nährstoffzufuhr können sich die empfindlichen Lebensräume kaum erholen. "Wir beobachten solche Prozesse in Gebieten südlich von Vancouver Island", sagte Xanthippe Augerot.

Paradox: Teufelskreis im Ökosystem

Die Überlebensrate der Junglachse sinke und führe zu einem verhängnisvollen Rückkopplungseffekt. Dass Wasserzufuhr, Temperatur und Sauerstoffgehalt sich durch den Klimawandel veränderten, beschleunige diesen Teufelskreis zusätzlich, befürchtet die Biologin.

Doch selbst wenn die Fischschützer den Kreislauf von Laichen, Leichen und Junglachs wieder ins Gleichgewicht bekommen würden - die Welt an der kanadischen und US-amerikanischen Westküste wäre noch lange nicht wieder heil. In West-Alaska untersuchte der Ökotoxikologe Jules Blais von der University of Ottawa die Sedimente einiger Seen. Dort, wo Rotlachse (Oncorhynchus nerka) laichen, fanden die Forscher bis zu siebenfach erhöhte Konzentrationen von PCB (polychlorierten Biphenyle).

Diese fettlöslichen industriellen Giftstoffe nehmen die Fische im Pazifik mit der Nahrung auf - und geben sie im Süßwasser weiter. "Bei in diesen Seen lebenden Regenbogenforellen haben wir bereits eine Anreicherung mariner Umweltgifte festgestellt", sagte Blais. "Vielleicht wird gerade das Jahrtausende alte Transfer-System der Lachse ihnen zukünftig zum Verhängnis."

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