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07. November 2006, 15:40 Uhr

Wildrinder-Vorhersage

Offensive gegen ausbüxende Bisons

Von Franziska Badenschier

Sie sind eine Plage, die pünktlich zu jedem Winter das Land überzieht. Bisons aus dem Yellowstone-Nationalpark stapfen hinab in die Nachbarorte, verletzen auf der Suche nach Futter Mensch und Vieh - jetzt planen Forscher eine Bison-Prognose.

Im Yellowstone-Nationalpark halten sich Bisons nicht an die Parkgrenzen. Im Winter trotten die Schwergewichte auf der Suche nach Futter auch mal in das angrenzende Gebiet des US-Bundesstaats Montana. Sehr zum Ärger der Anwohner und Rinderfarm-Besitzer. Denn die Bisons verletzen Mensch und Vieh, sie zerstören Zäune und Privateigentum, und womöglich übertragen sie die Erreger der gefürchteten Infektionskrankheit Brucellose - beim Menschen beginnt sie häufig schleichend, mit Fieber und Krankheitsgefühl, dann schwellen Lymphknoten, Milz und Leber an.

Wie also das Ungemach verhindern? Das Abschießen der ausgebüxten Bisons ist verboten, nur das Einfangen ist erlaubt – denn die Wildrinder im Yellowstone-Nationalpark gehören zur ältesten Herde in den USA. Nirgendwo sonst in den Staaten gibt es seit prähistorischen Zeiten Bisons. Von alleine werden die Tiere auch nicht im Park bleiben. Man müsste vorhersagen können, wann die Bisons aus dem Park verschwinden, dachten sich Parkmitarbeiter - dann könnte man sie stoppen oder sich auf die Ausflüge der hungrigen Tiere einstellen.

Schnee scheint für eine Prognose der wichtigste Faktor zu sein: Im Winter begräbt der Tiefschnee Gräser, Moose und andere Pflanzen. Dann treibt der Hunger die bis zu 800 Kilogramm schweren Bisons talwärts - und unter Umständen auch in die angrenzenden Regionen. Auch aus den Gebieten, in denen die Schneedecke schmilzt und leckeres Gras noch fehlt, wandern die Tiere ab. Wenn man also wüsste, wann und wo Schnee den Boden bedeckt oder schmilzt, ließe sich vorhersagen, ob die Bisons im Park bleiben, so die Idee der Bisonschützer.

Bisons kehren nicht mehr ins Krisengebiet zurück

Der National Park Service, der in den USA die Nationalparks verwaltet und sich in Yellowstone für den Erhalt der Bisons einsetzt, hat sich deswegen mit Wissenschaftlern der California State University in Monterey Bay und der Montana State University in Bozeman zusammengetan. Im Herbst 2003 begann das Projekt "Ecosystem Science and Visualization".

"Unser Ziel ist es, die Parkmitarbeiter mit den aktuellsten Informationen zur Schneeverbreitung versorgen zu können", sagte Projektleiter Fred Watson von der California State University. Ökologen aus seinem Team versuchten zu verstehen, wie Tierpopulationen auf sich verändernde Umweltbedingungen reagierten. Schnee etwa sei ein wichtiger Faktor für die Existenz wild lebender Tiere.

Die entsprechenden Daten kommen aus dem All, vom Nasa-Satelliten "Landsat". Der National Park Service nutze normalerweise keine Informationen der US-Raumfahrtbehörde, sagte Watson. Sie könnten für das Management der wild lebenden Tiere diesmal aber durchaus hilfreich sein. Die "Landsat"-Satelliten kartieren seit Jahren die Erdoberfläche – und somit auch die schneebedeckten Flächen im Yellowstone-Nationalpark. Diese Bilder und Daten sowie Informationen des US-Landwirtschaftsministeriums fließen in ein von Watsons Team erstelltes Modell. Heraus kommen täglich aktualisierte Landkarten, die zeigen, wo im Park der Schnee wie tief und dicht ist – und wo die Bisons dann entlanglaufen würden.

Kamen die Tiere der Grenze zu nah - immerhin führt ein Teil der Hauptwanderroute entlang der Parkgrenze -, wurden die Bisons eingesperrt. Im Frühling, wenn im Park wieder weniger Schnee lag und die Fluchtgefahr geringer war, wurden die Tiere gruppenweise wieder freigelassen. Sie seien "nicht in das Krisengebiet an der Grenze zurückgegangen", sagte Bison-Experte Rick Wallen vom Yellowstone-Nationalpark zu SPIEGEL ONLINE. "Wir waren allzu zurückhaltend und haben länger gewartet als nötig, bis wir diese Tiere wieder freiließen."

Wallen und seine Kollegen wollen nun ausprobieren, ob man die Wildrinder schon eher freilassen könnte. Vielleicht reiche schon eine kleine schneefreie Fläche entlang der Wanderroute und Parkgrenze, um die Bisons im Nationalpark zu halten, hofft Wallen.

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