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Wildplage in Fukushima Haut ab, ihr Schweine!

Viel Futter, keine Feinde: Die evakuierten Städte und Dörfer um das havarierte AKW Fukushima waren über Jahre ein Schlaraffenland für Wildschweine. Doch nun kehren die zweibeinigen Bewohner zurück.

Die Bewohner der Präfektur Fukushima haben einiges hinter sich. Erst der Tsunami nach einem Erbeben im März 2011. Dann, kurz nach der Naturkatastrophe, der schwere Störfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, der ganze Landstriche vorübergehend unbewohnbar machte. Nun, sechs Jahre nach dem Unfall, könnten manche von ihnen eigentlich zurück in ihre Dörfer.

Doch dort haben sich neue, nicht ganz ungefährliche Bewohner breitgemacht: Wildschweine.

"Es ist unklar, wem dieser Ort gehört, uns oder den Schweinen", sagt Tamotsu Baba, Bürgermeister des verlassenen Küstenstädtchens Namie, nur vier Kilometer vom havarierten Kraftwerk entfernt. Ein Teil der Stadt soll Ende März wieder für Menschen freigegeben werden. Doch so mancher Heimkehrer fürchtet sich vor den Wildschweinen, die in Stresssituationen durchaus auch zu Angriffen auf Menschen in der Lage sind. "Wenn wir die Tiere nicht loswerden und das hier wieder zu einer von Zweibeinern bestimmten Stadt machen, wird alles noch schwerer zu ertragen", so Baba weiter.

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Foto: TORU HANAI/ REUTERS

Wildschweine gibt es in den umliegenden Bergen immer schon. Doch nach der Evakuierung 2011 haben Hunderte Tiere die Wälder verlassen und in den leeren Menschensiedlungen offenbar einen äußert attraktiven Lebensraum vorgefunden. "Jede Menge Futter und niemanden, der ihnen Böses wollte", wie es Bürgermeister Baba zusammenfasst.

In der Nachbarstadt Tomioka gibt es bereits Sofortmaßnahmen gegen die Schweineplage. Jäger Shoichiro Sakamoto führt ein 13-köpfiges Team. Zweimal die Woche legen sie rund 30 Fallen aus, gefangene Tiere werden getötet - mehr als 300 Schweine allein in den vergangenen elf Monaten. Doch noch immer lassen sich nahezu ständig Exemplare auf den Straßen und in den Gärten von Tomioka beobachten.

In Naime stehen sie noch ganz am Anfang. Rund die Hälfte der einst rund 21.000 Bewohner möchte zurückkehren. Größte Sorge sei natürlich die Strahlenbelastung, so Tamotsu Baba. Doch auf Bürgerversammlungen sei er immer wieder auch auf das Schweineproblem angesprochen worden.

Noch gibt es keinen konkreten Plan, um die Vierbeiner zurück in die umliegenden Hügel zu drängen. Für den Saatguthändler Hidezo Sato sind nun die Behörden in der Pflicht: "Ich glaube, dass unsere Sorgen inzwischen bei allen wichtigen Stellen angekommen sind. Es muss etwas passieren."

jok/Reuters
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