Schwere Vorwürfe gegen Umweltschützer "Brutalität hat beim WWF Tradition"
Indische Patrouille im Kaziranga National Park im Juli 2017 (Symbolbild)
Foto: BIJU BORO/ AFPRecherchen des Onlinemediums BuzzFeed News in Großbritannien bringen die Umweltorganisation WWF mit schwersten Menschenrechtsverletzungen, darunter Folter, Mord und sexuelle Belästigung in Verbindung. Die international tätige NGO soll demnach in mehreren Ländern in Asien und Afrika mit paramilitärischen Gruppen kollaboriert, diese logistisch und finanziell unterstützt haben, sowie in einen Deal zum Kauf von Sturmgewehren verwickelt sein. Inzwischen gab WWF International bekannt, die Vorwürfe aufarbeiten zu wollen, auch das Landesbüro in Deutschland will nach eigener Aussage aufklären.
Worum es bei den Vorwürfen konkret geht, lesen Sie hier.
Wilfried Huismann (Archivaufnahme)
Foto: Henning Kaiser/ picture alliance / dpaDer Autor und Filmemacher Wilfried Huismann, 68, sorgte in den vergangenen Jahren immer wieder mit kritischen Recherchen zur Arbeit des WWF für Aufsehen. Etwa mit dem Film "Der Pakt mit dem Panda" und im Jahr 2011 mit seinem "Schwarzbuch WWF".
SPIEGEL: Folterverhöre von indigenen Ureinwohnern, eine Armee aus brutalen Wildhütern - wie sehr haben Sie die jüngsten Vorwürfe von BuzzFeed gegen den WWF überrascht?
Huismann: Nicht so sehr, weil der WWF in den indigenen Völkern des Südens schon immer eine potenzielle Gefahrenquelle für die reine, unberührte Natur gesehen hat. Es ist ein rassistisches Modell des Naturschutzes, das in den Genen des WWF liegt.
SPIEGEL: Wieso?
Huismann: Der WWF wurde Anfang der Sechzigerjahre von adligen Großwildjägern mitgegründet, die in Afrika ihre riesigen Jagdreviere hatten. Auch nach der Befreiung dieser Länder hatten diese Gebiete, die dann Nationalparks genannt wurden, den Charakter von postkolonialen Besitzungen.
SPIEGEL: Und mit dem WWF ließ sich das als Naturschutz verkaufen?
Huismann: Genau. Der WWF hat viele dieser riesigen Parks eingerichtet und mitverwaltet. Wobei man schon früh Wilddiebe jagte, etwa im Krüger-Nationalpark. So hat der WWF eine britische Söldnerfirma mit dem Namen KAS finanziert, die Jagd auf Wilddiebe machte und sie auch tötete.In Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Militärgeheimdienst hat diese Truppe auch Jagd auf Anhänger des ANC gemacht, der südafrikanischen Anti-Apartheids-Bewegung.
Für Prinz Philip aus Großbritannien und Prinz Bernhard der Niederlande, die lange zu den führenden Köpfen des WWF zählten, gab es kaum eine schrecklichere Vorstellung als die, dass Afrika einmal ganz den Afrikanern gehören könnte. Damals hat man schon aus Helikoptern, die der WWF mitfinanzierte, auf Menschen geschossen, ohne Rücksicht auf Verluste. Die Brutalität hat also Tradition.
SPIEGEL: Weiße, adlige Männer, die als Naturschützer gefeiert werden gegen indigene Ignoranten, die nur wildern wollen: Könnte dieser Mythos durch die BuzzFeed-Recherchen nun ins Wanken geraten?
Huismann: Das muss ins Wanken geraten. Denn diese Philosophie, nach der Natur nur dann gedeiht, wenn sie von Menschen befreit wird, funktioniert nicht. In Uganda etwa hat der WWF geholfen, die Pygmäen aus ihren angestammten Wäldern zu vertreiben, weil sie angeblich den Gorillas schaden. In Wirklichkeit schaden sie nur dem Geschäft mit dem Öko-Massentourismus.
In bestimmten Gegenden sollen dort bis zu 70 Prozent der aus den Wäldern vertriebenen weiblichen Bevölkerung von Männern der herrschenden Ethnie vergewaltigt worden sein, wodurch sich diese Volksgruppe zwangsweise dezimieren wird. Es ist eine Art biologischer Völkermord, der hier im Namen des Naturschutzes geschehen ist.
SPIEGEL: Anders als jetzt zur Aufklärung der Vorwürfe hat der WWF sonst gern Anwälte beauftragt, um andere mundtot zu machen. Auch Ihr "Schwarzbuch WWF" landete vor Gericht.
Huismann: Das Buch war eine Störung des Geschäftsmodells des WWF. Das besteht unter anderem ja darin, dass man zusammen mit der Industrie sogenannte grüne Siegel etwa für nachhaltiges Palmöl entwickelt, die den Anschein erwecken, als sei die Ernte dieser Früchte nachhaltig. Solche Siegel sind eine Art Grünwaschanlage für die Konzerne, der Natur bringen sie meist nichts.
SPIEGEL: Wie lange hat Ihre Auseinandersetzung mit dem WWF wegen des Buchs gedauert, nach der einige Passagen geändert werden mussten?
Huismann: Über drei Jahre. Die können sich jede Menge guter Anwälte leisten. Und es ist zermürbend, weil das Ressourcen bindet. Das hat mich mehr Arbeit gekostet, als die Arbeit am Buch und am Film zusammen. Aber ihre Taktik ist nicht aufgegangen. Ich habe ja voriges Jahr wieder den WWF verärgert mit einer Dokumentation über das MSC-Siegel für nachhaltigen Fisch, was aus meiner Sicht genauso ein Fake ist wie die meisten von der Nahrungsmittelindustrie ausgedachten Ökosiegel.
SPIEGEL: Warum fließen dem WWF zusätzlich zum üppigen Spendenaufkommen Millionen Euro an Steuergeldern zu - etwa durch das Entwicklungshilfeministerium?
Huismann: Weil die Regierungen froh sind, dass ihnen eine transnationale, mächtige Organisation quasi hoheitliche Aufgaben abnimmt, wie die Entwicklung von Ökosiegeln, die den Handel mit Waren wie Holz, Palmöl oder Fisch den grünen Schein geben, damit das kritische Bewusstsein der Konsumenten eingeschläfert werden kann.
Der WWF organisiert internationale Konferenzen, nimmt den Regierungen Verantwortung ab und redet auch bei der Ausweisung von wirtschaftlichen Nutzflächen in den letzten verbliebenen Naturräumen der Erde oft ein entscheidendes Wort mit. Sie haben einen engen Kontakt zur Weltbank, ihr Einfluss in der internationalen Politik ist beängstigend groß, und er ist nicht demokratisch legitimiert.
SPIEGEL: Gibt es im WWF kritische Stimmen?
Huismann: Intern ja, das weiß ich. Einige WWF-Manager sprachen mich nach dem "Schwarzbuch WWF" an, für die war das ein Schock, und es wurde intern mehr über Glaubwürdigkeitsdefizite debattiert. Manche Kooperationen des WWF werden heute innerhalb des WWF kritischer diskutiert. Aber einen Kurswechsel kann ich nicht erkennen.
NGOs wie Survival International machen schon seit Jahren darauf aufmerksam, dass vom WWF geförderte Wildhütereinheiten Gewalt gegen Indigene verüben. Meist streitet der WWF seine Beteiligung oder Mitverantwortung ab. Wenn der WWF nun ernsthaft aufklären will, dann darf er das nicht nach eigenem Gusto tun; es müsste eine wirklich unabhängige Kommission ran, um diese Menschenrechtsverbrechen aufzuklären.