Wirbelstürme Korallen verraten Hurrikan-Historie

Lässt der Klimawandel die Zahl zerstörerischer Hurrikane steigen? Bewiesen ist das bislang nicht. Jetzt haben Forscher aber herausgefunden, dass Korallen die Geschichte der Wirbelstürme erzählen.

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Spätestens seit dem Hurrikan "Katrina", der im August 2005 New Orleans verwüstet und rund 1800 Menschen getötet hat, wird der vom Menschen verursachte Klimawandel immer wieder für die steigende Zahl und Intensität tropischer Wirbelstürme verantwortlich gemacht. Das Hauptargument: Steigt die Temperatur des Wassers an der Meeresoberfläche, werden die Hurrikane mit mehr Energie versorgt und legen an Zerstörungskraft zu.

Unter Wissenschaftlern aber gilt es als umstritten, ob die globale Erwärmung tatsächlich für die seit einigen Jahrzehnten zu beobachtende Steigerung der Wirbelsturm-Häufigkeit und -Stärke verantwortlich ist. Denn neben der unbestreitbar vorhandenen globalen Erwärmung unterliegen die Wirbelstürme auch starken natürlichen Schwankungen, die sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken können. Das Hauptproblem: Wirklich verlässliche Daten über die Hurrikan-Historie gibt es erst seit Beginn der Flugzeug-Messungen in den vierziger Jahren.

Ein deutsch-niederländisches Forscherteam hat jetzt eine Möglichkeit gefunden, deutlich weiter als bisher in die Vergangenheit der Wirbelstürme zu blicken: Korallen sind ein vorzügliches Archiv für die Hurrikan-Aktivität, schreiben die Wissenschaftler um Steffen Hertzinger vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) im Fachblatt "Geology".

Monatsgenaues Hurrikan-Archiv für 100 Jahre

Korallen werden bereits seit längerem zur Rekonstruktion von Klimaereignissen benutzt. Die Forscher aus Kiel und Amsterdam haben nun einen genaueren Blick auf karibische Sternkorallen der Art Diploria strigosa geworfen. Dabei stellte sich heraus, dass die Meeresbewohner nicht nur sehr empfindlich auf Veränderungen von Wassertemperatur und Niederschlagsmenge reagieren, sondern dass diese beiden Faktoren auch deutliche Spuren im Skelett der Korallen hinterlassen.

Die Zusammensetzung unterschiedlicher Sauerstoff-Isotope im Meerwasser steht im direkten Zusammenhang mit der Niederschlagsmenge, erklären die Wissenschaftler. Auch das Aragonit in den Korallenskeletten verfügt über eine solche Isotopenmischung, die sich aus der des Meeres und den Wassertemperaturen ergibt. Diese Faktoren lassen eine Rekonstruktion der Hurrikan-Aktivität zu - rund 100 Jahre in die Vergangenheit und auf den Monat genau, schreibt das sechsköpfige Forscherteam in "Geology".

Einfluss des Menschen weiterhin nicht quantifizierbar

"Dadurch wird der allmähliche Aufwärtstrend bei der Zahl und Stärke der Hurrikane gut sichtbar", sagte der Kieler Meeresforscher Mojib Latif, einer der Autoren der Studie. Er gehe davon aus, dass die neuen Daten zumindest jene Skeptiker widerlegen, die behaupten, der menschliche Einfluss habe rein gar nichts mit der Steigerung der Hurrikan-Aktivität zu tun.

Wie stark der Mensch Zahl und Stärke der Hurrikane in die Höhe treibt, lasse sich freilich noch immer nicht genau beziffern. "Der natürliche Zyklus ist derzeit noch der größere Faktor", meint Latif. "Die globale Erwärmung kommt nun noch dazu." Für genauere Antworten aber reichten auch die Sternkorallen noch nicht weit genug zurück. Allerdings gibt es Korallenarten, die bei weitem länger leben als 100 Jahre.

"Man muss sich jetzt andere Arten anschauen", meint Latif. "Wir haben gezeigt, dass Korallen prinzipiell zur Rekonstruktion der Hurrikan-Aktivität funktionieren." Lokale Einflüsse, die das Archiv verfälschen könnten, sieht Latif nicht. "Wir waren selbst überrascht, wie eindeutig unsere Ergebnisse waren."



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