Wirbelsturm-Simulation Klimawandel als Hurrikan-Bremse

Steigende Temperaturen könnten die Zahl der Hurrikane vermindern - statt sie zu erhöhen. Das zeigt eine Simulation von US-Forschern. Ihre These widerspricht bisherigen Vorhersagen über künftige gefährliche Wirbelstürme.

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Klimawandel und immer mehr gefährliche Hurrikane - dies hat nach Meinung vieler Wissenschaftler miteinander zu tun. Im vergangenen Sommer hatten Forscher zwei verschiedene Studien veröffentlicht, welche die These stützten, dass die verheerende Wirbelsturmsaison 2005 maßgeblich vom Klimawandel befeuert wurde. Steigende Wassertemperaturen sorgten für immer heftigere Stürme, erklärten die Wissenschaftler. Und auch im jüngst veröffentlichten IPCC-Bericht zum Klimawandel wird ausdrücklich vor immer gefährlicheren Hurrikanen gewarnt.

Zwei amerikanische Hurrikanforscher glauben nun jedoch, dass der Klimawandel sowohl Entwicklung als auch Intensivierung der gefürchteten Wirbelstürme verhindern könnte. Gabriel Vecchi von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) und Brian Soden von der University of Miami führen dies auf die Wirkung sogenannter vertikaler Scherwinde zurück. Diese würden infolge steigender Temperaturen zunehmen, berichten sie im Fachblatt "Geophysical Research Letters". Forscher bezeichnen einen tropischen Wirbelsturm als Hurrikan, sobald die Windgeschwindigkeit eine Stärke von zwölf auf der Beaufort-Skala erreicht.

Vertikale Scherwinde entstehen durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten oder Richtungen von Winden in verschiedenen Höhen. Fluggäste spüren sie auf zum Teil heftige Weise, wenn ihr Flugzeug durch Turbulenzen kräftig durchgeschüttelt wird. Nach den neuen Computersimulationen wird ein Hurrikan an seiner Entstehung gehindert oder, falls er sich bereits gebildet hat, geschwächt, wenn er auf solche Scherwinde trifft. Das Modell sage eine Zunahme dieser Winde im Westatlantik voraus, sagte Vecchi. "Scherwinde sind einer der wichtigen Parameter, die die Hurrikan-Aktivität beeinflussen."

Eine ähnliche These zur Wirkung von Scherwinden hatte Mojib Latif vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften IFM-Geomar kürzlich ebenfalls in den "Geophysical Research Letters" veröffentlicht. Latif war der Frage nachgegangen, warum die Hurrikan-Saison 2006 im Vergleich zu 2005 so glimpflich verlaufen war. Seine Erklärung: 2006 waren die vertikalen Scherwinde deutlich stärker als 2005, wodurch die Zahl der Wirbelstürme im Vorjahr gesenkt wurde. 2005 tobten im Atlantik 15 Hurrikane, 2006 waren es lediglich fünf.

Wirkung der Erderwärmung wird nicht bestritten

"Scherwinde beeinflussen die Zahl der Hurrikane", sagte Latif im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "jedoch eher nicht deren Intensität." Damit vertritt er eine etwas andere Theorie als seine US-Kollegen, die auch von einer Wirkung der vertikalen Winde auf die Intensität ausgehen. Wenn sich ein Hurrikan erst einmal gebildet habe, erklärte Latif, dann hänge seine Energie in erster Linie von der Temperatur ab. Je wärmer es sei, umso mehr Wasser könne verdunsten und umso stärker sei der Wirbelsturm.

Vecchi und Soden haben die Auswirkungen von Scherwinden nun in 18 komplexen Klimamodellen durchgerechnet. Sie umfassen die Jahre 2001 bis 2020 und 2018 bis 2100. Der Hurrikane abschwächende Effekt der Scherwinde sei gegenläufig zur Wirkung der Erwärmung der Ozeane, die Hurrikane begünstige, erklärten sie. "Wir wissen noch nicht, ob die Änderung bei den Scherwinden die Wirkung steigender Wassertemperaturen aufhebt", sagte Vecchi, "aber zunehmende Scherwinde könnten im Atlantik und im Ost-Pazifik das Hurrikanrisiko senken."

"Diese Studie will auf keinen Fall den wissenschaftlichen Konsens über die Realität des Klimawandels in Frage stellen", betonte Soden, "schließlich werden die Änderungen der Scherwinde ja auch durch die globale Erwärmung ausgelöst."

Nach Aussage des Kieler Forschers Latif hängt die Stärke der Scherwinde im Atlantik entscheidend von der Erwärmung des Pazifik ab. Wenn sich der tropische Pazifik stärker erwärme als der tropische Atlantik, dann würden stärkere Scherwinde die Entstehung von Hurrikanen behindern. "Wenn sich beide Ozeane gleich erwärmen, oder gar der Atlantik stärker als der Pazifik, dann entstehen weniger Scherwinde und somit tendenziell mehr Hurrikane", sagte Latif. Eine Prognose für die Zukunft, wie sie Vecchi und Soden durchaus geben, will er jedoch nicht wagen: "Man kann nicht genau sagen, was die Oberhand behalten wird".

Kerry Emanuel, Hurrikan-Experte am Massachusetts Institute of Technology, äußerte sich aus anderen Gründen skeptisch zur neuen Hurrikan-Studie. Er glaubt, dass die Wirkung von Scherwinden auf Stürme überschätzt wird.

Oszillation an "Katrina" schuld?

Christopher Landsea vom National Hurricane Center der NOAA nannte die Studie dagegen "einen sehr wichtigen Beitrag, um zu verstehen, wie die Erderwärmung die Aktivität von Hurrikanen beeinflusst". Landsea, der an der Studie nicht mitgewirkt hat, sieht darin Hinweise darauf, dass die seit 1995 beobachtete Zunahme von Wirbelstürmen eher auf natürlichen Zyklen beruhe als vom Menschen verursacht sei.

Im Vorjahr waren Kevin Trenberth und Dennis Shea vom National Center for Atmospheric Research (NCAR) in Boulder zu ganz anderen Ergebnissen gekommen. Sie hatten die heiße Hurrikansaison 2005 seziert. Ihr Fazit: Die natürliche Oszillation spielte keine große Rolle bei der ungewöhnlichen Meereserwärmung.

Die Oszillation entsteht durch langfristige Veränderungen der Tiefenströmungen. Folge: Der Ozean wird auch ohne Zutun des Menschen erwärmt und dann wieder abkühlt, und zwar auf Zeitskalen von mehreren Jahrzehnten. Deshalb gibt es im tropischen Nordatlantik Phasen mit erhöhter und mit niedriger Hurrikan-Aktivität.

Trenberth und Shoa schrieben dieser Oszillation aber einen Anteil von lediglich zehn Prozent (0,1 Grad Celsius) zu. Den Beitrag des Klimawandels veranschlagten die Forscher in ihrer Studie, die ebenfalls in den "Geophysical Research Letters" erschienen ist, dagegen auf 0,45 Grad.

mit Material von AP



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