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20. Juni 2009, 16:15 Uhr

Wirtschaftskrise in Kalifornien

Hasta la vista, State Parks

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Der Sparzwang hat Kalifornien fest im Griff. Jetzt setzt Gouverneur Arnold Schwarzenegger auch bei den State Parks an. Macht er seine Drohungen wahr und stoppt deren Finanzierung, bleiben ab Juli Wälder, Museen und Strände einfach sich selbst überlassen.

Stratosphere Giant ist der vierthöchste Baum der Welt. Bei der letzten Messung im Jahr 2004 brachte es der Riese (Sequoia sempervirens) auf 112,83 Meter - und immer noch wächst er weiter in den kalifornischen Himmel. Der genaue Standort von Stratosphere Giant im Humboldt Redwoods State Park ist geheim. Die Ranger des Parks hüten ihn und seine rund hundert Artgenossen im Club der über 106,7 Meter hohen Bäume vor Vandalen und übermütigen Touristen.

Doch schon ab dem 1. Juli könnte die Schonzeit für Stratosphere Giant vorbei sein. Denn wenn die Regierung Kaliforniens ihre jüngsten Pläne zur Sanierung des Staatshaushaltes durchsetzt, wird es keine Ranger mehr geben in Humboldt Redwoods.

Gouverneur Arnold Schwarzenegger hat Pläne vorgelegt, 220 der 279 kalifornischen State Parks für mindestens zwei Jahre nicht mehr zu finanzieren. Dazu gehören nicht nur Naturschutzgebiete wie der Humboldt Redwoods State Park, sondern auch historische Stätten wie Bodie State Historic Park, eine komplett erhaltene Geisterstadt aus den Zeiten des Goldrauschs, oder der bei Surfern und Paraglidern beliebte Monterey State Beach.

"Ganze Regionen des Staates Kalifornien werden dann keine Erholungsgebiete mehr haben", beschreibt Elizabeth Goldstein, Präsidentin der California State Parks Foundation, das Ausmaß der geplanten Schließungen. "Sämtliche Arten von Parks liegen auf der Schlachtbank."

Mit den eingesparten Geldern will Schwarzenegger das 24 Milliarden Dollar große Loch im kalifornischen Haushalt stopfen. Doch die Sparaktion könnte sich als Milchmädchenrechnung erweisen. 143 Millionen pro Jahr würde die Aufgabe der öffentlichen Parks bringen. Das entspricht gerade einmal rund 0,6 Prozent des Defizits. Doch bislang brachte jeder Dollar, der dort investiert wurde, dem Staat nach Angabe der State Parks Foundation satte 2,35 Dollar zurück - an Eintrittsgeldern oder Steuern, die über die umliegenden Gastronomie- und Hotelbetriebe wieder reinkamen.

"Man kann die Leute nicht von den Stränden fernhalten"

Vielleicht ist selbst diese Rechnung noch zu tief angesetzt. Denn 2008 zählten die kalifornischen State Parks zwar über 80 Millionen Besucher, 2009 könnten es aber noch deutlich mehr werden. Wegen der Wirtschaftskrise werden die Naturschutzgebiete mit ihren billigen Campingplätzen - auf denen eine Übernachtung schon ab 15 Dollar zu haben ist - oft zur einzigen Urlaubsalternative, die viele Familien sich noch leisten können. Schon jetzt gibt es für dieses Jahr 25.000 Reservierungen, deutlich mehr als in den Vorjahren.

Mit der Aufgabe der Parks würden etwa 2000 Menschen ihren Job verlieren. Nicht nur Ranger, auch Parkplatzwächter, Hausmeister, Biologen, Geologen, Archäologen und Rettungsschwimmer. Ohne Personal droht den Gebieten der Verfall. "Man kann ja die Leute nicht von den Stränden fernhalten", malt Steve Long, Berater für den San Onofre State Beach, das Szenario in der lokalen Presse aus. "Wir können absolut sicher sein, dass Menschen ertrinken werden, wenn dort während der Hochsaison keine Rettungsschwimmer vor Ort sind."

Lebensbedrohlich könnte die Situation nicht nur an den Stränden werden, sondern vor allem auch in den großen Waldgebieten. Ohne die Intervention der Ranger, ohne die sorgfältige Pflege von Feuerschneisen und ohne ein Warnsystem können sich Waldbrände - von jeher eines der größten Probleme des Staates Kalifornien - noch ungehinderter ausbreiten.

Der Rundumschlag Schwarzeneggers trifft nicht nur die Natur, auch die Kultur Kaliforniens ist in Gefahr. "Wir haben in den Parks so viele archäologische und ethnologische Sammlungen", erklärt der Archäologe Breck Parkman im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Sammlungen umfassen insgesamt rund eine Million Artefakte, drei Millionen archivierte historische Dokumente und zwei Millionen archäologische Funde. "Allein in meinem Büro lagern 4000 Negative von Fotos, die der Schriftsteller Jack London gemacht hat. Niemand hat in dieser ganzen Diskussion bislang ein Wort darüber verloren, was mit diesen Sammlungen geschehen soll." Gegen die Schließungspläne protestiert auch die California State Parks Foundation - unter anderem mit eigens produzierten Videospots (siehe oben).

Typische Bauten aus Feldsteinen und groben Balken

Ironischerweise verdanken viele der State Parks ihr heutiges Aussehen der letzten schweren Wirtschaftskrise in den USA. 1933 rief der damalige Präsident Franklin Delano Roosevelt das Civilian Conservation Corps (CCC) und zwei Jahre später die Works Progress Administration (WPA) ins Leben.

Junge Arbeitslose erhielten von WPA und CCC Verpflegung, Unterkunft und mindestens 30 Dollar im Monat. Bis zur Auflösung der WPA bauten acht Millionen Beschäftigte 1.047.000 Kilometer Highway, 124.000 Brücken (unter ihnen die Golden Gate Bridge in San Francisco), 125.000 Gebäude (darunter Camp David, den Landsitz des Präsidenten), 12.700 Spielplätze und 850 Flughäfen.

Außerdem forsteten WPA und CCC Wälder auf und bauten Feuerbeobachtungstürme. Und sie legten 8100 Parks an.

Jedem Besucher eines State Parks sind die typischen Bauten aus schweren Feldsteinen und groben Balken vertraut. "Wir nennen die Architektur aus dieser Zeit 'Park Rustic'", erklärt Parkman. "Dazu gehören steinerne Grillstände - die sogenannten Diablo Stoves -, Picknicktische und -bänke, aber auch Fußgängerbrücken, Freilichttheater, Aussichtstürme oder Besucherzentren."

59 Parks vorerst vor Schließung sicher

Es tröstet angesichts der Misere dabei wenig, dass Schwarzenegger auch den kalifornischen Gouverneurspalast in Sacramento aufgeben will, der ebenfalls als State Park deklariert ist. In dem 30-Zimmer-Schmuckstück aus dem Jahr 1877 stehen jede Menge wertvolle Museumsstücke, der Verlust wird Schwarzenegger jedoch leicht fallen. Er wohnt gar nicht in der Villa, sondern entweder in einem Hotel oder er pendelt in seinem Privatflugzeug aus Brentwood bei Los Angeles in die Hauptstadt. Schon seit Ronald und Nancy Reagan hat hier keine Gouverneursfamilie mehr residiert.

Nicht betroffen von den Schließungsplänen sind dagegen jene 59 Parks, die profitabel vermarktet werden können. Dazu gehören die Strände Südkaliforniens oder auch das luxuriöse Anwesen, das sich einst Medien-Tycoon William Randolph Hearst unweit von San Simeon bauen ließ.

Und noch sind wenigstens die sieben National Parks auf dem Staatsgebiet Kaliforniens vor einer Schließung sicher. Der Yosemite National Park oder das Tal des Todes unterstehen nicht dem Staat Kalifornien, sondern dem National Park Service, einer Behörde des US-Innenministeriums.

Bleibt zu hoffen, dass Barack Obama die Erhaltung von Naturschätzen mehr am Herzen liegt als dem eingewanderten Österreicher Schwarzenegger.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version der Fotostrecke zu diesem Text war auch ein Bild aus dem Everglades-Nationalpark zu sehen. Dieser liegt allerdings in Florida. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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