BGH entscheidet Dürfen Deutschlands wilde Wisente weiter in Freiheit leben?

Waldbauern wollen die mächtigen Tiere vertreiben, weil sie Bäume anknabbern. Artenschützer sind begeistert von der einzigen wildlebenden Wisent-Herde Deutschlands. Jetzt entscheidet der Bundesgerichtshof.

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Von Christian Parth


Mit einem Fernrohr hält Bernd Fuhrmann Ausschau. "Da drüben, da sind sie", sagt er und zeigt auf eine Lichtung am Rande des Kiefernwaldes inmitten des goldgelb gefärbten Rothaargebirges. Geruhsam kauen dort ein paar Wisente an einem Ballen Gras. "Es sind faszinierende Tiere", schwärmt der Vorsitzende des Vereins Wisent-Welt-Wittgenstein. "Majestätisch, sozial und gelassen."

Der Wisent, erklärt Fuhrmann, ist das größte Landsäugetier Europas: Bis zu 1,90 Meter groß, bis zu einer Tonne schwer. Wenn das Fluchttier in Fahrt kommt, kann es 60 Stundenkilometer schnell laufen und zwei Meter hohe Hindernisse überwinden.

Nun allerdings steht das in Westeuropa einmalige Artenschutzprojekt auf der Kippe. Denn die Tiere haben in der Region nicht nur Bewunderer, einigen sind sie vor allem ein Ärgernis. In dem seit Jahren schwelenden Rechtsstreit soll der Bundesgerichtshof in Karlsruhe am Freitag in einem Revisionsverfahren klären, wie es mit den wuchtigen Tieren nun weitergehen soll.

Die Lage ist verzwickt: Im Jahr 2010 hatte der eigens gegründete Wisent-Verein auf Initiative des Fürsten Richard zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, einem leidenschaftlichen Naturfreund, acht Wisente aus Tierparks ins Rothaargebirge geholt, um sienach einer Übergangsphase 2013 auszuwildern.

Noch vor ein paar Hundert Jahren zogen Wisent-Herden fast überall in Europa durch die Wälder. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts war der Europäische Bison quasi ausgestorben. Die mit rund 1500 Tieren größte Population lebt heute in Polen - vor allem im Nationalpark Bialowieza. Auch dahinter steht ein Auswilderungsprojekt.

"Wir möchten die Tiere nicht"

Die Herde im Rothaargebirge soll inzwischen etwa 20 Tiere umfassen, die meisten davon wurden in Freiheit geboren. Ihr Revier ist der Wald des Fürsten, ein 96 Quadratkilometer großes Gebiet, der größte "unzerschnittene Lebensraum in NRW", sagt Fuhrmann. "Wir wissen oft selbst nicht, wo sie sind. Aber das ist Sinn und Zweck einer Auswilderung."

Doch wie andere Wildtiere auch hat sich der Wisent an die für ihn bestimmte Ausdehnung nicht gehalten. Immer wieder macht er von der Wittgensteiner Seite des Mittelgebirges über den Kamm rüber in die Wälder der Sauerlands und knabbert dort an den Rinden der Buchen. Zwei Waldbesitzer wollen den Wisent deshalb bei sich nicht mehr dulden. "Wir möchten die Tiere nicht auf unserem Grundstück haben", sagt Georg Feldmann-Schütte, einer der beiden Kläger.

Wisente in Bad Berleburg (2016)
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Wisente in Bad Berleburg (2016)

Die Schäden an den Bäumen würden zwar durch einen Fonds beglichen, doch juristisch stellt sich längst eine viel grundsätzlichere Frage: Sind die Wisente nach all den Jahren tatsächlich herrenlose und aufgrund der seltenen Art besonders schützenswerte Wildtiere, die sich überall aufhalten dürfen und die man, ähnlich dem Wolf, weder jagen noch einfangen darf?

Der zähe juristische Zank zwischen Wisent-Verein und den Waldbauern hatte unrühmliche Momente. Ein Mediationsversuch scheiterte. Beim anschließenden Verfahren am Landgericht Arnsberg 2015 sei ihm vom Gericht ein Personenschützer an die Seite gestellt worden, berichtet Feldmann-Schütte. Zuvor habe der 2017 verstorbene Fürst gesagt, dass die Höfe der Waldbauern in Flammen aufgehen könnten.

Der Wisent als herrenloses Tier

Im Mai 2017 landete der Wisent-Fall vor dem Oberlandesgericht (OLG) Hamm. Das wiederum stellte in seinem Urteil eine paradoxe Situation her, mit der sich Karlsruhe nun auseinandersetzen muss. Demnach seien die Tiere zwar als herrenlos anzusehen, weshalb die Waldbauern den Wisent dulden müssten. Gleichzeitig aber müsse der Wisent-Verein "geeignete Maßnahmen" ergreifen, um zu verhindern, dass die Tiere die Grundstücke der Kläger betreten und Schälschäden an den Buchen verursachen.

Um dieser Auflage gerecht zu werden, müsste der Verein nach Auffassung des OLG die Wisente wieder einfangen. Dafür bedarf es jedoch einer Ausnahmegenehmigung der Behörden. Das Gebiet müsste er zudem vermutlich einzäunen, was wiederum dem Status des Wisents als herrenloses Tier widerspricht. Auch von einer Umsiedlung nach Polen war schon die Rede.

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"Die Tiere einzufangen, ist äußerst schwierig", sagt Bernd Fuhrmann vom Wisent-Verein. "Aufgrund der Gebirgsstruktur und großer, unübersichtlicher Waldflächen ist die Narkotisierung einer ganzen Herde sehr riskant." Sollte Karlsruhe den Wisenten den Status als Wildtier wieder entziehen, "wäre dies das Ende des Artenschutzprojekts".

Für die Region gibt es viele Gründe, für den Verbleib des Rinds zu kämpfen. Die Wisent-Welt habe sich als Standort für Forschertagungen etabliert. Dänemark, Belgien und die Schweiz blickten nach Bad Berleburg, weil sie ähnliche Projekte planten. Längst ist der Wisent ein Wirtschaftsfaktor: Wisent-Hütte, Wisent-Merchandising, Wisent-Pfad. Kürzlich sei der 200.000. Gast begrüßt worden, sagt Fuhrmann stolz.

Dass die Gegner, zu denen man sonst gute Beziehungen pflege, jetzt so unnachgiebig seien, habe möglicherweise auch historische Gründe, vermutet Fuhrmann, der auch Bürgermeister von Bad Berleburg ist. Noch bis Anfang des letzten Jahrhunderts trennte der Kamm des Rothaargebirges die verfeindeten Sauerländer Katholiken von den Wittgensteiner Protestanten. Der alte Konflikt halle im Wisent-Streit nach, meint Fuhrmann.

Waldbauer Feldmann-Schütte betont, dass er gar nicht wolle, dass die Tiere verschwinden. Allerdings müsse der Wisent hinter Zäune, weil er auch für die Allgemeinheit eine Gefahr darstelle. Außerdem ist Feldmann-Schütte sicher, dass der Verein die Population nicht im Griff habe. Sollte sich der Wisent unkontrolliert ausbreiten, müsse er unters Jagdrecht. "Denn dann muss er auch geschossen werden dürfen."



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