WWF attackiert Algendüngung "Das Meer wird zum Bioreaktor"

Umweltschützer sind empört, weil ein deutsch-indisches Experiment zur Algendüngung im Südpolarmeer nun doch starten darf. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview beklagt WWF-Meeresexperte Stephan Lutter, dass die Nebenwirkungen weit über das jetzt geplante Experiment hinausgehen.
Forschungsschiff "Polarstern" in der Antarktis (im Dezember 2001): "Das ist ein fatales Signal"

Forschungsschiff "Polarstern" in der Antarktis (im Dezember 2001): "Das ist ein fatales Signal"

Foto: A3416 Carmen Jaspersen/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Lutter, was halten Sie davon, dass das Großexperiment zur Algendüngung im Südozean nun doch stattfinden darf?

Lutter: Das ist ein fatales Signal. Und wir beim WWF sehen gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium darin einen Verstoß gegen internationale politische Beschlüsse.

SPIEGEL ONLINE: Nach den vorgelegten Gutachten scheint die ganze Angelegenheit völkerrechtlich in Ordnung zu sein.

Lutter: Politisch aber nicht. Es gibt zwar noch kein Instrument, das Ozeandüngung nach dem Uno-Seerecht verbindlich regelt. Es gibt aber sehr wohl Absichtserklärungen der internationalen Staatengemeinschaft, zum Beispiel das Abkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt (CBD) und das London-Abkommen zur Verhütung von Meeresverschmutzung (LC/LP). Diese legen auch Deutschland nahe, solche Großversuche vorerst nicht auf der Hohen See zuzulassen.

SPIEGEL ONLINE: Das sind doch nur Absichtsichtserklärungen ohne rechtliche Bindungswirkung.

Lutter: Vergleichbare Absichtserklärungen zur Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen nimmt die Bundesregierung sehr ernst. Entsprechendes sollte auch für den Schutz der Meeresumwelt gelten. Deshalb hätte es zu einem frühen Zeitpunkt in Deutschland eine Prüfung des aktuellen Experiments geben müssen. Das London-Abkommen sieht Bestandsaufnahmen vor, wie sie jetzt vom Forschungsministerium nachgeschoben wurden.

SPIEGEL ONLINE: Die nachgeschobene Prüfung hat den Kritikern doch viel mehr Aufmerksamkeit beschert ...

Lutter: Das stimmt. Sie hat auch dafür gesorgt, dass Grundlagenforscher und Umweltschützer zu einem Dialog kommen müssen. Die Wissenschaftler müssen erkennen, dass sie internationalen Verpflichtungen zum Meeresschutz gegenüber nicht mehr lange rechtliche Immunität genießen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn eigentlich so problematisch an dem Experiment? Es bildet nur einen Prozess nach, der auch natürlich abläuft: Eisberge driften in warme Meeresbereiche, schmelzen dort ab - und setzen Eisen frei, das bei ihrer Entstehung im Eis eingeschlossen wurde.

Lutter: Das ist richtig. Es sitzen aber Forschergruppen und Unternehmen in den Startlöchern, um das ganze Verfahren großtechnisch anzuwenden. Es gab bereits Ansätze, Algen als CO2-Lager zu vermarkten. Diese Menschen werden jetzt ermutigt. Wir sehen dadurch eine große Gefahr für die Erhaltung der Artenvielfalt. Es wird eine Lawine solcher Aktivitäten losgetreten, die erhebliche Veränderungen im Ökosystem bewirken können - mit Nebenwirkungen weit größer als die des jetzt geplanten Experimentes. Der Klimaschutz ist nur ein willkommener Vorwand. Das Meer wird zum Bioreaktor.

SPIEGEL ONLINE: Die verantwortlichen Forscher vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) haben sich von großtechnischen Nutzungen distanziert und verweisen darauf, dass sie Grundlagenforschung betreiben würden.

Lutter: Diese Distanzierung ist ein wichtiges Ergebnis der öffentlich geführten Debatte. Besonders verwundert war ich angesichts vorheriger Verlautbarungen des AWI darüber, dass die Forscher zuletzt erklärten, der aktuelle Versuch werde die Unwirksamkeit des Verfahrens für den Klimaschutz belegen. Die nachträgliche Rechtfertigung, man operiere 300 Seemeilen von Land entfernt quasi in Küstengewässern und entspreche somit dem CBD-Beschluss ist allerdings völlig an den Haaren herbei gezogen.

SPIEGEL ONLINE: Die Erderwärmung lässt in den Weltmeeren riesige Todeszonen wachsen. Müssen Sie sich als Meeresschützer nicht auch für Verfahren interessieren, mit denen der Klimawandel gebremst werden könnte?

Lutter: Die Investitionen für solche Verfahren wären im vorbeugenden Klimaschutz viel besser angelegt. Wir müssen an der Quelle ansetzen und Treibhausgase dort vermeiden, wo sie entstehen.

Das Interview führte Christoph Seidler

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.