Vorwürfe gegen Wildhüter Uno-Bericht beklagt Folter bei WWF-Projekt

Hat der WWF in der Republik Kongo kriminelle Wildhüter unterstützt? Diese Vorwürfe wurden vor rund einem Jahr laut. Der Entwurf eines Berichtes für die Vereinten Nationen bestätigt jetzt erhebliche Menschenrechtsverletzungen.
Angehörige der Baka in Kamerun (2016): Mitglieder dieses Pygmäenvolks sind dem Berichtsentwurf zufolge misshandelt worden

Angehörige der Baka in Kamerun (2016): Mitglieder dieses Pygmäenvolks sind dem Berichtsentwurf zufolge misshandelt worden

Foto: Ngala Chimtom/ picture alliance / dpa

Es waren schwere Vorwürfe, die im vergangenen Frühjahr bekannt wurden: Die Natur- und Umweltschutzorganisation World Wildlife Fund For Nature (WWF), so hieß es, soll in mehreren Ländern Afrikas und Asiens kriminelle Wildhüter finanziell und logistisch unterstützt haben. Das berichtete zunächst das Portal "BuzzFeed", wo man nach eigenen Angaben bereits ein Jahr in der Angelegenheit recherchiert hatte. (Lesen Sie hier eine Zusammenfassung der umfangreichen Vorwürfe.)

Die vom WWF unterstützten Wildhüter-Einheiten sollen unter anderem in Nepal und Kamerun auf brutale Weise gegen angebliche Wilderer, aber auch gegen unbeteiligte Zivilpersonen vorgegangen sein. Dabei seien mehrere Menschen gestorben, weitere seien gefoltert oder sexuell missbraucht worden, heißt es in dem Bericht. Nach den Enthüllungen kündigte WWF an, die Vorfälle mithilfe einer Anwaltskanzlei aufzuklären. Auch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) entschloss sich, die Angelegenheit in einem Bericht aufzuarbeiten. Das UNDP war Partner bei einem der betroffenen Projekte.

Der UNDP-Bericht ist zwar noch nicht offiziell veröffentlicht, allerdings existiert ein Entwurf, der dem SPIEGEL vorliegt. Die britische Zeitung "Guardian" hatte zuerst darüber berichtet. Demnach hat ein Untersuchungsteam im Auftrag der Organisation tatsächlich "glaubhafte" Beweise aus mehreren Quellen für Menschenrechtsverletzungen durch vom WWF unterstützte Wildhüter in der Republik Kongo gefunden.

Es geht um Vergehen an Mitgliedern des Pygmäenvolks der Baka. Dessen Angehörige seien durch die Wildhüter geschlagen und zu Unrecht eingesperrt worden. Außerdem habe man ihnen den Zugang zu den Wäldern in ihrem Siedlungsgebiet verwehrt, ihr Eigentum verbrannt und zerstört. Frauen seien gezwungen worden, sich nackt auszuziehen. Der Bericht schreibt, Gewalt und Drohungen hätten bei den Baka zu "Trauma und Leiden" geführt.

Misshandlung im Gefängnis

Der Bericht listet eine ganze Reihe schockierender Fälle auf: So gebe es Berichte, wonach ein Baka-Mann mit vorgehaltener Waffe dazu gebracht worden sei, einen anderen zu schlagen. Anderen habe man ihre Macheten weggenommen und sie mit diesen misshandelt.

"Es gibt Berichte über Baka-Männer, die ins Gefängnis gebracht wurden, und über Folter und Vergewaltigung im Gefängnis. Die Witwe eines Baka-Mannes sprach davon, dass ihr Mann im Gefängnis so misshandelt wurde, dass er kurz nach seiner Entlassung starb. Er war in einem WWF-gekennzeichneten Fahrzeug zum Gefängnis transportiert worden", heißt es in dem Berichtsentwurf.

Die Vorwürfe betreffen ein Projekt, das ein knapp 1500 Quadratkilometer großes Waldgebiet namens Messok Dja im Nordwesten der Republik Kongo schützen soll. Es ist Teil eines grenzübergreifenden Schutzgebiets namens Tridom, das in Teilen auch in Kamerun und Gabun liegt. Zu den Unterstützern zählen neben dem WWF auch das UNDP, die EU-Kommission, die Regierungen der USA und der Republik Kongo sowie Privatunternehmen aus dem Palmöl- und Holzsektor.

In Messok Dja leben unter anderem Elefanten, Gorillas und Schimpansen. Außerdem ist das Waldgebiet Heimat der Baka, die dort unter anderem Honig sammeln und kleine Tiere jagen.

Der WWF erklärte in einem Statement, das dem SPIEGEL vorliegt, die Organisation sei "entsetzt über die Beobachtungen und Vorwürfe" in dem Berichtsentwurf. Obwohl die Landschaft von Messok Dja geschützt werden müsse, dürfe dies "nicht um jeden Preis für die indigene Bevölkerung, ihre Gemeinschaften, Traditionen oder Lebensgrundlagen geschehen". Man wisse, dass auch andere wichtige Landschaften der Erde "am besten durch die Zusammenarbeit mit den dort lebenden Gemeinschaften geschützt werden können", so der WWF.

"Eher als Bedrohung denn als Partner behandelt"

Die Organisation erklärte weiterhin, der Berichtsentwurf gebe nicht die aktuelle Lage vor Ort wieder. Man habe in den vergangenen Monaten "unermüdlich mit allen Beteiligten daran gearbeitet", die Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinschaften neu zu regeln. Man wolle sicherstellen, dass die indigenen Gruppen an der Suche nach Lösungen für den Naturschutz beteiligt würden und deren Lebensweise nicht bedroht werde, so der WWF.

Die Wildhüter, die Angehörige der Baka misshandelt haben sollen, sind nicht direkt vom WWF angestellt, sondern von der kongolesischen Regierung. Die Organisation erklärte gegenüber dem "Guardian" jedoch, man habe sich an der Ausbildung beteiligt und zahle zusammen mit anderen Geldgebern in einen Fonds ein, aus dem Gehälter und Ausrüstung gezahlt würden.

Der UNDP-Bericht stellt auch dem Uno-Programm ein schlechtes Zeugnis beim Management des Projekts in Messok Dja aus. So hätten die Baka viel zu wenige Informationen erhalten und seien bei der Betrachtung der Auswirkungen nicht genügend berücksichtigt worden. Das Ziel, Messok Dja als Schutzgebiet zu etablieren, sei verfolgt worden, indem man den etablierten Mustern von Schutzprojekten im Kongobecken gefolgt sei, "welche indigene Völker weitgehend ausschließen und eher als Bedrohung denn als Partner behandeln", heißt es in dem Bericht.

"Dies ist eine vernichtende Anklage"

Stephen Corry, Survival International

Survival International , eine internationale Nichtregierungsorganisation, die indigene Völker weltweit unterstützt, kritisierte das Verhalten von WWF und UNDP. "Dies ist eine vernichtende Anklage. Sie sollte das Ende des WWF-Modells von 'Festungs-Naturschutz' bedeuten, das in ganz Afrika so viel Schaden für Mensch und Umwelt verursacht hat", so Stephen Corry, der Chef der Organisation.

Alle relevanten Uno-Standards und Rechtsvorschriften bezüglich der Achtung indigener Völker und der Menschenrechte seien "von Anfang an ignoriert" worden, so Corry weiter, "da man der Meinung war, dass ein Naturschutzprojekt irgendwie darüber steht". Es sei einfacher gewesen, unschuldige Baka-Männer, Frauen und Kinder ins Visier zu nehmen, als "kriminelle Netzwerke anzugehen, zu denen auch lokale Beamte und Regierungspersonal gehören".

chs
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