WWF-Report Menschheit bräuchte in 20 Jahren zweiten Planeten

Überfischung, Umweltzerstörung, schwindende Artenvielfalt: Der Raubbau an der Natur hat laut einer WWF-Studie dramatische Ausmaße angenommen. Die Menschheit verbraucht so viel Ressourcen, dass ab 2030 zwei Erden nötig wären, um den Bedarf zu decken.
Skyline von Dubai: Eine Oase in der Wüste - und Sinnbild von Ressourcen-Verschwendung

Skyline von Dubai: Eine Oase in der Wüste - und Sinnbild von Ressourcen-Verschwendung

Foto: REUTERS

Berlin - Der "Living Planet Report"  des WWF zeichnet seit 1998 regelmäßig Bilder des Schreckens. In den vergangenen zwölf Jahren war die zentrale Botschaft stets dieselbe: Die Menschheit lebt über ihre Verhältnisse. Und zwar bei weitem.

Die diesjährige Ausgabe des Berichts, die am Mittwoch in Berlin und weltweit vorgestellt wurde, zeichnet den düsteren Trend weiter:

  • Im globalen Durchschnitt verbraucht jeder Mensch 1,5-mal so viel, wie die Natur zu geben im Stande ist, in den Industrieländern liegt der Wert um ein Mehrfaches höher.
  • Sollte die aktuelle Entwicklung anhalten, verbraucht die Menschheit im Schnitt doppelt so viel, wie die Erde bereitstellen kann - theoretisch wäre dann ein zweiter Planet vonnöten.
  • Eine Milliarde Menschen haben keinen ausreichenden Zugang zu Trinkwasser.
  • Seit den siebziger Jahren ist der Bestand von 2500 ausgewählten Tierarten weltweit um 30 Prozent zurückgegangen, in den Tropen sogar um fast 60 Prozent.
  • 70 Prozent aller Fischbestände von Überfischung bedroht.

WWF-Vorstand Eberhard Brandes stellte den Bericht in einem Berliner Kaufhaus vor, "um auf den für die Zerstörung der Natur maßgeblich verantwortlichen Konsum aufmerksam" zu machen. Würde die Erde naturverträglich und gerecht aufgeteilt, bekäme jeder Mensch eine Nutzfläche von etwa 1,8 globalen Hektar (gha). Seit den siebziger Jahren aber überschreitet die Menschheit die jährliche Biokapazität der Erde deutlich und braucht durchschnittlich 2,7 gha pro Kopf. Der ökologische Fußabdruck ist damit 1,5-mal so groß, wie er bei einem naturgemäßen Verbrauch sein dürfte.

Besonders der Energieverbrauch sei in den vergangenen 50 Jahren drastisch gewachsen, heißt es in der Untersuchung weiter. Auch in Ländern wie China, Indien, Brasilien und Russland steige dieser immer weiter. Mittlerweile entfalle fast die Hälfte des weltweiten ökologischen Fußabdrucks auf die Bereitstellung von Energie. In Deutschland habe sich dieser Anteil in den vergangenen 50 Jahren verzehnfacht.

Wohlstand mit Raubbau erkauft

"Um die Nachfrage nach Nahrung, Energieträgern und anderen natürlichen Rohstoffen zu decken, bräuchte man jetzt schon einen zweiten Planeten", sagte Brandes. Der Wohlstand in den Ländern mit hohem Einkommen werde mit dem biologischen Reichtum unter anderem der Tropen erkauft.

Auf besonders großem Fuß leben die Vereinigten Arabischen Emirate mit über 10 gha pro Kopf, gefolgt von Dänemark, Belgien und den USA. Deutschland liegt mit etwa 5 gha im Mittelfeld. Osttimor, Bangladesch und Afghanistan bilden mit rund 0,5 gha die Schlusslichter. Umgelegt auf den Planeten, konsumiert der Mensch bereits die Biokapazität von 1,5 Planeten jährlich. Setzt sich der Trend fort, bräuchte der Mensch im Jahr 2030 laut WWF zwei Planeten. Dabei leben die Industriestaaten auf Kosten der Entwicklungs- und Schwellenländer.

Das macht sich auch in der Entwicklung der Artenvielfalt bemerkbar, die der WWF im "Living Planet Index" wiedergibt. Während die Umweltschützer in den tropischen Zonen seit 1970 einen dramatischen Rückgang der Artbestände von 60 Prozent beobachten, hat der Index für die gemäßigten Breiten um 29 Prozent zugenommen. Insgesamt berechnen die Umweltschützer einen Verlust von 30 Prozent.

Stellenweise positive Entwicklung

Die positive Entwicklung in den Industrieländern sei darauf zurückzuführen, dass die Ausgangszahlen der Arten niedrig waren, aber auch auf die Erfolge durch Schadstoffkontrolle, Waldschutz und Ausweisung von Naturschutzgebieten. So seien in den gemäßigten Breiten Seeadler und Fischotter wieder im Aufschwung. Andere Arten wie Kampfläufer und Regenpfeifer seien jedoch nach wie vor stark gefährdet.

In den tropischen Gebieten sieht es ganz anders aus: Im Indopazifik sank die Artenvielfalt seit 1970 um 66 Prozent, in Südamerika um 55 Prozent. Wie zum Beweis hält Brandes ein aktuelles Bild einer Fotofalle aus dem tropischen Sumatra in der Hand. Es zeigt die Stelle, wo Forscher in einem Regenwaldschutzgebiet mit einer Standkamera einen Tiger aufnehmen wollten. Anstelle des Tigers knipste sie einen Bulldozer, der Bäume niederwalzte.

"Wir befinden uns auf einem Weg, der nicht zukunftsweisend ist", sagt Brandes. Er fordert ein Umdenken, weg vom unbegrenzten Wachstum und hin zur nachhaltigen Nutzung. 15 Prozent der Erdoberfläche müssten zu Schutzgebieten erklärt werden.

Im Hinblick auf den viel zu großen ökologischen Fußabdruck der Industrieländer sei eine "neue Definition von Wohlstand längst überfällig", so Brandes. Die fundamentalen Herausforderungen seien, die ständig wachsende Erdbevölkerung mit Nahrung und Energie zu versorgen und die vorhandenen Rohstoffe gerecht aufzuteilen. Die Uno-Konferenz zur Artenvielfalt, die am kommenden Montag in Japan beginnt, könnte hierfür erste und ernsthafte Zeichen setzen.

mbe/dpa/dapd
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