Zeitumstellung Die Sommerzeit - ein übler Scherz

Am Sonntag werden die Uhren um eine Stunde vorgestellt auf die Sommerzeit. Der Nutzen ist fragwürdig, der Widerstand nimmt zu.
Uhr im thüringischen Kölleda

Uhr im thüringischen Kölleda

Foto: DPA

Die Zeitumstellung war anfangs kaum mehr als ein gemeiner Witz. Benjamin Franklin, der Gesandte der USA in Frankreich, schrieb im Mai 1784 einen nicht ganz ernst gemeinten Leserbrief an das "Journal de Paris" .

Die Pariser stehen viel zu spät auf, behauptete Franklin in dem Brief mit dem Titel "An Economical Project for Diminishing the Cost of Light" - ein Wirtschaftsprojekt zur Reduzierung der Ausgaben für Licht. Sein brachialer Lösungsvorschlag: "In jeder Straße sollten Kanonen abgefeuert werden, um die Faulpelze aufzuwecken."

Um acht ins Bett

Wer früher aufsteht, verbrauche nachts weniger Kerzen, rechnete er vor, dadurch ließen sich laut seiner Kalkulation 64 Millionen Pfund an teurem Wachs einsparen.

Klar, die Zwangsbeglückung werde zunächst unpopulär sein, so Franklin, aber früher oder später würden sich die Leute schon an die Zeitumstellung gewöhnen: "Wenn man Leute dazu zwingt, um vier Uhr früh aufzustehen, dann gehen sie auch bereitwillig schon um acht Uhr abends ins Bett."

Fotostrecke

Zeitumstellung: Niemand hat die Absicht, eine Sommerzeit einzuführen

Foto: FRITZ REISS/ ASSOCIATED PRESS

Doch Franklins Witz entwickelte ein Eigenleben. Der britische Baulöwe William Willet (1856-1915) kämpfte jahrelang für die Einführung der Sommerzeit. Um die Umstellung weniger schmerzhaft zu machen, schlug er vor, die Uhr nicht auf einmal vorzudrehen, sondern an vier aufeinanderfolgenden Sonntagen um nur jeweils zwanzig Minuten , um insgesamt eine Stunde und zwanzig Minuten also.

"Dann sollten wir gleich mitbeschließen", lästerte der britische Chef-Astronom, "dass von Oktober bis März das Thermometer zehn Grad hochgeschraubt werden möge." Willets komplizierter Plan scheiterte. Enttäuscht starb er 1915.

Kriegszeit und Gotteszeit

Nur ein Jahr nach Willets Tod wurde seine Idee dann doch umgesetzt: vom Erzfeind Deutschland. Denn dort erhoffte man sich mitten im Ersten Weltkrieg die von Benjamin Franklin vorhergesagten Einsparungen an Brennstoffen. Nach dem Krieg wurde die unpopuläre Sommerzeit gleich wieder abgeschafft, um sie im Zweiten Weltkrieg erneut zu verordnen, ebenso autoritär wie von Franklin vorgeschlagen. Auch andere Länder wie Großbritannien und die USA schlossen sich an, dort wurde die "Tageslichtsparzeit" ("Daylight Saving Time") daher auch "Kriegszeit" ("War Time") genannt, die Sonnenzeit dagegen "God's Time" - Gotteszeit.

Ein paar Jahre nach Kriegsende war in Deutschland wieder Schluss. Doch seit 1980 gilt sie wieder in Deutschland, seit 2002 ist sie auch verbindlich für alle Mitgliedsländer der Europäischen Union. Die Sommerzeit ist jedoch keinesfalls weltweit Standard, wie folgende Karte zeigt. Viele Länder machen erst gar nicht mit, andere stellen die Uhren an anderen Tagen um als die EU-Länder.

Franklins derber Scherz ist hierzulande seit nunmehr 36 Jahren Realität, doch die von ihm herbeifantasierten Einspareffekte bleiben Wunschdenken. Zu diesem Resultat kommt eine groß angelegte Vergleichsstudie des Büros für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags, die im aktuellen SPIEGEL vorgestellt wird. Belastbare Zahlen gebe es leider kaum, aber wahrscheinlich liege die Einsparung beim Energieverbrauch bei unter 0,03 Prozent und sei "vernachlässigbar". (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

So fragwürdig die Energiespareffekte sind, so konkret sind die Beschwerden, unter denen viele Menschen leiden. Den sogenannten späten Chronotypen - Personen, die von Natur aus morgens eher lange schlafen, dafür aber bis spät abends aktiv sind, scheine die Zeitumstellung im Frühjahr größere Anpassungsschwierigkeiten zu bereiten, heißt es in dem Bericht. Der Effekt: Tagesmüdigkeit, Schlafmangel, schlechte Laune, Chaos vor allem für Familien mit kleinen Kindern.

Initiativen gegen die Sommerzeit

Zwar werden 232 Jahre nach Franklins Schnappsidee keine Kanonen, sondern nur Wecker in Anschlag gebracht, um "die Faulpelze aufzuwecken", doch der Unmut gegen die Zwangsbeglückung wächst rasant: 74 Prozent halten die Zeitumstellung für überflüssig, das ergab eine aktuelle Umfrage - das sind fünf Prozent mehr als noch im Jahr 2013.

Anscheinend nutzen immer mehr Bürger ihre langen, lichten Sommerabende dafür, sich bei Petitionen und Aktionsbündnissen gegen die Kriegszeit und für die Gotteszeit zu engagieren. Ihre Namen sprechen Bände:

Bislang allerdings laufen all diese Initiativen ins Leere, wie ein Don Quijote, der vergeblich gegen Uhrzeiger kämpft. Denn ein deutscher Alleingang wäre heute nicht mehr möglich, es müsste sich schon die gesamte EU auf die Gotteszeit einigen.

Durcheinander in Arizona

Ausgerechnet sein eigenes Heimatland stürzte der Gründervater Benjamin Franklin mit seinem Chrono-Kokolores in besonderes Chaos. Denn ob ein Bundesstaat die Sommerzeit einhält oder nicht, bleibt ihm selbst überlassen. So kommt es, dass ein Autofahrer binnen weniger Stunden durch vier verschiedene Zeitzonen tuckern kann, die sich in konzentrisch umeinanderschmiegen wie eine Art doppelter Donut.

Zwar gilt fast überall in den USA die Sommerzeit, in weiten Teilen Arizonas dagegen nicht. In Arizona wiederum liegt das Indianerreservat der Navaho, welches der Sommerzeit folgt. Und innerhalb des Navaho-Gebiets liegt das Indianerreservat der Hopi, welche die Sommerzeit ablehnen. Franklin würde sich im Grab umdrehen, wenn er das wüsste - vor Lachen.