"Zerbrechliche Erde" Weltkarte der Veränderungen

Stürme, Erdbeben - und Bulldozer: Ein Bildband zeigt in Vorher-Nachher-Fotos, wie Urkräfte, Naturkatastrophen und die wuchernde Zivilisation den Planeten prägen - und dass alles Menschenwerk schnell vergänglich ist. SPIEGEL ONLINE präsentiert eine Auswahl der schönsten Motive.


Zerbrechlich ist nicht gerade das naheliegendste Adjektiv, dass einem beim ersten Blättern in den Sinn kommt. Eher robust, grob, ruppig. Denn ein erster Blick in den Bildband "Zerbrechliche Erde" zeigt eine ruhige, kräftige Welt - trotz aller Veränderungen. Allzu oft zerstört ist hingegen die Oberfläche aus Strukturen, mit denen der Mensch die Erde überzieht: Eine vom Tsunami verwüstete Stadt in Indonesien, eine Tornadoschneise durch ein Wohngebiet im US-Bundesstaat Oklahoma, die versunkene Hauptstadt der Karibikinsel Montserrat nach dem Ausbruch des Vulkans Soufrière Hills: Von Menschen Erbautes wirkt angesichts dieser Zerstörung in der Tat fragil.

Der Bildband "Zerbrechliche Erde" zeigt das Ringen zwischen menschlichem Gestalten und Naturkräften im weitesten Sinne rund um den Globus: Niederländer und Singapurer trotzen dem Meer neues Land ab, US-Amerikaner und Saudis lassen die Wüste blühen. Doch mit vielen Eingriffen - Entwaldung im Amazonasbecken, Schwund des Aralsees, Trockenlegung der mesopotamischen Sümpfe im Irak - wird vordergründig das ungestörte Bild, tatsächlich ein komplexes ökologisches Geflecht zerstört.

Mit den Mitteln der Vorher-Nachher-Bilder zeigt das Buch der National Geographic Society, wie drastische Veränderungen ganze Landschaften prägen - nicht bloß vom Menschen gemachte. Wie auf einer Weltkarte der Veränderungen sind alle Motive am Anfang des Buchs verzeichnet - nur ein Bruchteil davon behandelt die "Welt von Menschenhand" und "zerstörte Umwelt". Auch die Urkräfte der Natur sind hier Akteure.

Sie treten in teilweise spektakulären Szenen zutage: Vor der australischen Küste bricht eine riesige Steinformation in sich zusammen, das Buch zeigt sie zuerst intakt und dann Sekunden nach dem Einsturz als Trümmerhaufen. In Neuseeland verliert der Mount Cook durch eine Lawine die Hälfte seines Gipfels. Übrig bleibt nurmehr eine spitze Zinne. In North Carolina knabbert der Atlantik beharrlich eine Strandhaussiedlung in den Dünen an.

Sachbuch im Bilderbuch-Gewand

Diese Schnappschüsse von einem sich verändernden Planeten sind die Bilderbuch-Seite von "Zerbrechliche Erde". Häufig werden Luft- und Satellitenbilder benutzt, oft haben die Autoren Fotos mit gleicher oder ähnlicher Perspektive von unterschiedlichen Zeitpunkten gefunden. Die Sachbuch-Seite des Bandes ist auf die acht Kapitelanfänge verteilt. Von "unruhiger Erde" und "extremen Stürmen" bis zum "großen Tauen", der "vertrockneten Erde" und der "Kraft des Wassers" spannt sich diese Einführung in die Geowissenschaften.

Am Ende des Buchs geben Gastautoren einen Ausblick in die Zukunft einer als zerbrechlich wahrgenommenen Welt, aus recht unterschiedlicher Perspektive: "Wettermacher"-Erfolgsautor Tim Flannery ist ebenso vertreten wie der umstrittene dänische Ökoskeptiker Bjorn Lomborg. Er argumentiert, dass der gesamte Müll, den die USA im 21. Jahrhundert produzieren werden, auf einer nicht einmal 30 Quadratkilometer großen Fläche untergebracht werden könne, "eigentlich nur ein logistisches Problem". Vielleicht behindert die Überbetonung der Zerbrechlichkeit, so könnte man sein Essay lesen, tatsächlich die Fähigkeit des Menschen, seine drängendsten Probleme anzugehen.

Die Erde, soviel zeigt das Buch in opulenten Bildern, wird es überstehen - so oder so. Das Empfinden von Zerbrechlichkeit wird da schlicht zur menschlichen Interpretation des eigenen Bedrohtseins.

"Zu den größten Herausforderungen, mit denen ich als Forscher konfrontiert werde, gehören die Macht und die Unberechenbarkeit der Natur", schreibt der Weltenbummler und Abenteurer Ranulph Fiennes im Vorwort zu dem Buch. "Zwar beherrschen wir Menschen inzwischen das Leben auf der Erde, doch noch immer ist die Natur eine der größten Bedrohungen für die Zivilisation." Wie tiefgreifend der Mensch die Gestalt der Erdoberfläche mittlerweile gestalten kann, das zeigen die Bilder des Buchs eindrucksvoll - und auch, wie schnell die Urkräfte die Ergebnisse menschlichen Schaffens wieder zunichte machen können.

stx

Weiter zu: Kalikilia, Westjordanland


"Zerbrechliche Erde - Wie Natur und Mensch die Welt verändern", National Geographic, 272 Seiten, 39,95 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.