Tierkrankheiten beim Menschen »Auch die nächste Pandemie wird uns kalt erwischen«

Immer wieder springen Viren von Tieren auf den Menschen über und breiten sich dann aus. Hier erklärt der Wildtierforscher Alex Greenwood, woran das liegt und warum sich solche Ausbrüche kaum verhindern lassen.
Ein Interview von Jörg Römer
Fledermäuse hängen in einem Baum in Indien

Fledermäuse hängen in einem Baum in Indien

Foto: Hindustan Times/ imago images/Hindustan Times

SPIEGEL: Herr Greenwood, mit dem neuen Coronavirus ist nach HIV, Ebola, Sars und vielen weiteren erneut ein Erreger von einem Tier auf den Menschen übergegangen. Was läuft da schief?

Alex Greenwood: Das größte Problem ist Umweltzerstörung. Der Mensch dringt immer tiefer in den Lebensraum von Wildtieren vor. Großstädte in Afrika, Südamerika und Asien reichen bis an Urwälder heran. Im Regenwald wird Landwirtschaft betrieben. Da ist es programmiert, dass Mensch und Tier in Kontakt kommen und dann auch Krankheitserreger überspringen. Wir nennen diese Keime Zoonosen.

»Problematisch ist eher der Kontakt mit Tieren bei der Jagd oder beim Schlachten.«

SPIEGEL: Das neue Coronavirus ist wahrscheinlich auf einem Tiermarkt im chinesischen Wuhan auf den Menschen übergegangen. Welche Rolle spielen solche Orte für Übertragungen zwischen Tier und Mensch?

Greenwood: Ein Wildtiermarkt in einer Großstadt mit vielen Menschen - das schafft perfekte Bedingungen für die Übertragung von Viren. Es wäre besser, solche Märkte zu verbieten, aber dann ginge der Handel sicher illegal weiter. Die Menschen sind in manchen Regionen auf das Fleisch angewiesen. Sie hantieren damit, ohne das geringste Risikobewusstsein. Da bedarf es noch viel Aufklärung.

Zur Person
Foto: Alex Greenwood

Alex Greenwood ist Professor an der Freien Universität Berlin und Leiter der Abteilung Wildtierkrankheiten des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Der US-Amerikaner beschäftigt sich mit der Evolution von Viren und untersuchte einst die Todesursache von Knut, Deutschlands bekanntestem Eisbär.

SPIEGEL: Was macht das Essen von Wildtierfleisch so gefährlich?

Greenwood: Wenn es gar ist, haben die hohen Temperaturen die Erreger meist getötet. Problematisch ist eher der Kontakt mit Tieren bei der Jagd oder beim Schlachten. Gelangen Erreger an die Hände, reicht eine unachtsame Berührung des Mundes oder der Schleimhäute, um sich zu infizieren.

SPIEGEL: Auch in Deutschland werden wilde Tiere gejagt und gehalten. Ist das ein Problem?

Greenwood: Es bestehen durchaus Risiken. Vor einigen Jahren kam es etwa zu Todesfällen unter Eichhörnchenzüchtern in Sachsen-Anhalt. Sie hatten sich bei aus Südamerika importierten Tieren mit dem Bornavirus angesteckt, das zu einer tödlichen Hirnentzündung führte. Die Hörnchen selbst waren gesund. Gleichzeitig sollte man das Risiko auch nicht überbewerten. Die meisten Viren aus Tieren sind harmlos für den Menschen. Aus der Erfahrung heraus ist es sehr unwahrscheinlich, sich hierzulande bei einem Tier mit einem gefährlichen Erreger anzustecken.

»Wir haben weltweit sicher mehrmals pro Jahr solche Krankheitsausbrüche und auch Todesfälle.«

SPIEGEL: Wie häufig sind Übertragungen von Tieren auf Menschen insgesamt?

Greenwood: Zuverlässige Zahlen gibt es nicht. Wir haben weltweit sicher mehrmals pro Jahr solche Krankheitsausbrüche und auch Todesfälle – teils auch durch unbekannte Erreger. In vielen abgelegenen Regionen der Erde fehlen diagnostische Möglichkeiten. Weil die Infektionen nur lokal begrenzt auftreten, nimmt davon kaum jemand Notiz. Wäre das neue Coronavirus irgendwo im dünn besiedelten Westen von China ausgebrochen, hätte es vielleicht auch niemand gemerkt. Die Infektionskette wäre geendet, bevor es eine größere Stadt erreicht hätte.

SPIEGEL: Durch den aktuellen Ausbruch ist der Eindruck entstanden, dass China ein Hotspot für Übertragungen zwischen Menschen und Tieren ist. Auch das eng mit dem neuen Erreger verwandte Sars-Virus, das 2002 eine Pandemie auslöste, stammt von dort. Warum haben Coronaviren ihren Ursprung so häufig in China?

Greenwood: Wir gehen davon aus, dass zwei der letzten drei Ausbrüche ihren Ursprung in chinesischen Fledermauspopulationen haben. Manche Arten kommen nur dort vor und tragen diese Viren haufenweise in sich. Das erhöht das Risiko, dass die Erreger den Weg zum Menschen finden. Der letzte größere Ausbruch eines Coronavirus, MERS, hatte seinen Ursprung allerdings auf der Arabischen Halbinsel. Betrachtet man nicht nur Coronaviren, finden die meisten Übertragungen zwischen Mensch und Tier übrigens in den Tropen statt. Krankheiten wie Gelbfieber oder Zika kommen von dort. Die Viren befallen eigentlich Affen, werden aber von Mücken auf den Menschen übertragen.

»Auch ich hatte wohl mal Schweinegrippe.«

SPIEGEL: Fledermäuse leben auch in Deutschland, teils sogar in Städten. Könnte hier der nächste Ausbruch stattfinden?

Greenwood: Ich erwarte nicht, dass die Tiere hierzulande eine Pandemie auslösen. Die meisten Viren, die sie beherbergen, sind für uns erst einmal nicht gefährlich. Letztlich ist aber niemand davor gefeit, sich mit einer Zoonose zu infizieren. Auch ich hatte wohl mal Schweinegrippe.

SPIEGEL: Wie kam es dazu?

Greenwood: 2010 habe ich mich vermutlich bei meiner Tochter angesteckt. Zu der Zeit gab es hierzulande auch Todesfälle durch den Erreger H1N1. Das war eine harte Zeit damals. Ich war über Wochen krank und habe mir zusätzlich eine bakterielle Lungeninfektion zugezogen. Am Ende hatte ich einige Kilos verloren, aber das Virus überstanden.

»Was sich in der Natur tatsächlich abspielt, erahnen wir manchmal nur.«

SPIEGEL: Wie lässt sich verhindern, dass immer neue Krankheitserreger auf den Menschen übergehen?

Greenwood: Wir wissen sehr wenig über Wildtierkrankheiten. Was sich in der Natur tatsächlich abspielt, erahnen wir manchmal nur. In Spanien wurde beispielsweise ein neuartiges Ebolavirus in einer Fledermaus entdeckt. Das war ein reiner Zufallsfund. Derzeit veröffentliche ich eine Studie über asiatische Blutegel, in denen wir ein neuartiges Coronavirus gefunden haben. Solange wir in diesem Bereich nicht systematischer forschen, kommen wir keinen Schritt weiter. Auch die nächste Pandemie wird uns kalt erwischen.

SPIEGEL: Wie könnten konkrete Maßnahmen aussehen?

Greenwood: Ein Kollege von mir hat kürzlich vorgeschlagen, in einer globalen Datenbank zu erfassen, welche Tierarten für den Menschen besonders riskante Erreger beherbergen. So könnten wir zumindest besser abschätzen, wo Gefahren drohen. Dafür bräuchte man aber Proben von allen relevanten Arten. Das kostet viele Millionen Euro. Aber das ist wenig im Vergleich zu den Kosten, die eine Pandemie verursacht.

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