Zukunftskommission Landwirtschaft Kostet ein Kilo Rindfleisch bald 80 Euro?

Die Landwirtschaft verursacht ökologische Kosten von 90 Milliarden Euro im Jahr und muss reformiert werden. Das fordern Bauernverband, Umweltgruppen und Wissenschaftler im Abschlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft.
Kundin mit Fleisch im Supermarkt

Kundin mit Fleisch im Supermarkt

Foto: Kilito Chan / Getty Images

Erstmals haben Umweltgruppen und Bauernvertreter gemeinsam im Auftrag der Regierung einen Bericht über die Zukunft der Landwirtschaft verfasst. Trotz der gegensätzlichen Interessen der Mitglieder ist das Ergebnis erstaunlich fortschrittlich: Die Autoren fordern weniger Fleischkonsum, mehr pflanzliche Nahrung, Klimaschutz und eine ökologischere Landwirtschaft. So steht es im Abschlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft, der dem SPIEGEL vorliegt. Er soll erst am kommenden Dienstag der Bundeskanzlerin übergeben werden.

Die deutsche Landwirtschaft sei von »zahlreichen Widersprüchen und Spannungslagen« geprägt und stehe deshalb am Beginn eines »durchgreifenden Transformationsprozesses«, heißt es in dem Bericht.

Seit September vergangenen Jahres beraten die 30 Vertreter von Organisationen aus Landwirtschaft, Umwelt- und Tierschutz, Wissenschaft und Wirtschaft über die künftige Ausrichtung der Landwirtschaft. Die Bundesregierung hatte die Kommission ins Leben gerufen. Bereits in der Nacht zu Mittwoch unterschrieben alle das rund 170 Seiten starke Dokument.

Erheblicher Verlust biologischer Vielfalt

Der Bericht erkennt an, dass die deutsche Landwirtschaft insgesamt 90 Milliarden Euro pro Jahr an ökologischen Folgekosten erzeugt, beispielsweise durch den Verlust von biologischer Vielfalt, belastetem Grundwasser oder Luftverschmutzung. Würden die Kosten der Umweltschäden mit einkalkuliert, müsste ein Kilogramm Rindfleisch etwa fünf- bis sechsmal so viel wie jetzt kosten, schreiben die Autoren des Berichtes. Für ein Kilogramm Gulasch wären das dann rund 80 Euro. Für tierische Produkte wie Milch und Käse müsste es eigentlich das Zwei- bis Vierfache des heutigen Preises sein.

Diese Berechnungen nennen sich »externe Kosten« und fließen bisher nicht in volkswirtschaftliche Kalkulationen ein. Dennoch akzeptieren auch konventionelle Bauern und Landwirte damit erstmals offiziell, dass in der aktuellen Tierhaltung geringe Standards gelten, die die Umwelt schwer belasten – und die Gesellschaft teuer zu stehen kommen.

An vielen Stellen spürt man, dass die Kommissionsmitglieder um Formulierungen gerungen haben. Der Bericht spricht vorsichtig davon, dass »aller Voraussicht nach« die »Gesamtnutztierbestände« reduziert werden müssten. So solle beispielsweise die Rinderhaltung an die Klimaziele »angepasst« werden.

Blick auf das Ganze

»Der Bericht ist eine Übereinkunft, dass bei allem Willen zur Veränderung hin zu mehr Nachhaltigkeit, der betriebswirtschaftliche Aspekt immer mit berücksichtigt wird«, kommentierte Werner Schwarz, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes gegenüber dem SPIEGEL. »Nur wenn auf den Höfen Geld verdient wird, können wir auch Umweltleistungen erbringen«.

Auch von Kai Niebert, Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), heißt es, die Diskussionen in der Zukunftskommission hätten »jahrzehntelange Konflikte aufgelöst«. »Die Kommission hat im Gegensatz zur langjährigen Politik des Landwirtschaftsministeriums nicht nur die Landwirtschaft, sondern das Ernährungssystem als Ganzes in den Blick genommen.«

Um die Umweltschäden abzufedern, sollten laut Bericht rund elf Milliarden Euro jährlich ausgegeben werden. Damit soll die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft, die Renaturierung von Mooren oder mehr Blühwiesen gefördert werden.

Halbierung des Fleischkonsums?

Die Autorinnen empfehlen zudem, weniger Fleisch und tierische Produkte zu essen, und schlagen eine Abgabe auf Zucker, Salz oder Fett vor. Für eine Umstellung der Konsumgewohnheiten solle man sich an den Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung orientieren. »Das bedeutet in der Konsequenz eine Halbierung des Fleischkonsums«, meint Berichtsautor Niebert.

Auch beim Klima klingt der Bericht progressiv: Erstmals bekennen sich auch die Bauernverbände verbindlich zum 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens, mit Verweis auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes im April dieses Jahres. Die Umweltverbände verbuchen auch das als Erfolg der Verhandlungen. Die Forderung nach einem Emissionshandel sei im letzten Moment noch verwässert worden, erzählten Beteiligte.

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Pia Pritzel / DER SPIEGEL

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Bisher sind Landwirtschaftsbetriebe weder über den Europäischen Emissionshandel noch über einen nationalen CO2-Preis zur Einsparung von Treibhausgasen verpflichtet. »Aufgrund der hohen Komplexität von Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft« seien solche Maßnahmen »nicht kurzfristig« umzusetzen, heißt es. Für vielversprechender hält der Bericht Sofortmaßnahmen wie beispielsweise das Wiedervernässen von Mooren.

Wird daraus nun Politik?

Schwammig bleibt es beim Thema Pestizide, wo Positionen von Bauernverbänden und Umweltorganisationen traditionell weit auseinandergehen. Deshalb gibt es keine klare Forderung, die Chemie auf dem Acker zu reduzieren. Stattdessen solle »mittelfristig« nach einem »adäquaten Ersatz« von synthetischen Düngemitteln und chemischem Pflanzenschutz gesucht werden.

Die Empfehlungen haben keine unmittelbaren Folgen für die Politik der Bundesregierung. Dennoch könnten sie in den Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl im Herbst eine Rolle spielen. »Wir erwarten, dass die Landwirtschaftsministerin und insbesondere die künftigen Koalitionäre diesen Konsens aufgreifen und daraus Politik machen. Alles andere wäre verantwortungslos«, so Naturschutzrings-Präsident Niebert.

Zumindest in künftigen Verhandlungen um Klimaziele und Umweltmaßnahmen dürfte der Bericht als Einigung zwischen Umweltverbänden und Landwirten Gewicht haben.

»Alle Teilnehmer der Kommission haben deutlich gemacht, dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, den Transformationsprozess der Landwirtschaft zu unterstützen«, so Bauernverbands-Vize Schwarz.

Der Bauernverband weiß aber auch, dass es zu großen Veränderungen in den nächsten Jahren nicht kommen dürfte. Denn die großen politischen Linien sind bis 2027 erst einmal gezogen: Am Montag billigten die EU-Agrarminister die umstrittene EU-Agrarreform GAP. Demnach sind nur 25 Prozent der jährlich 270 Milliarden Euro Direktsubventionen an ökologische Umweltprogramme geknüpft. Die Mehrheit der europäischen Bauern und Landwirte kann also weiterhin so wirtschaften wie bisher.

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