Uralter Schildkrötenknochen "Ich dachte, das Ding sei ein Stein"

Was ein Zufall! In einem Bach findet ein Hobbysammler einen halben Oberarmknochen einer Riesenschildkröte. Die andere Hälfte wartet schon im Museum - seit 160 Jahren.

Drexel UC

Als Gregory Harpel sich an einem Wochenende im Jahr 2012 zu einem Bach im Monmouth Country im US-Bundestaat New Jersey aufmacht, will er eigentlich nur ein paar fossile Haizähne ausfindig machen. Doch im Bett des Bachs findet er etwas Großes - und Seltsames: einen dunklen, länglichen Klumpen, der so gar nicht zum Rest der Steine im Bach zu passen scheint. "Ich habe das Ding aufgehoben und dachte erst, es sei ein Stein", sagt der Hobbypaläontologe. "Es war ganz schön schwer."

Harpel liefert den sonderbaren Klotz im New Jersey State Museum ab. Was damals noch niemand ahnt: Das seltsame Ding ist der untere Teil eines Oberarmknochens von einer Riesenschildkröte, dessen Gegenstück seit über 160 Jahren in einer Sammlung der Drexel University in Philadelphia lagert. Der Knochen gehört zu einer längst ausgestorbenen Riesenschildkrötenart, die gleichzeitig mit den Dinosauriern lebte.

Theoretisch möglich, praktisch unwahrscheinlich

David Parris, Kurator am New Jersey State Museum, der sich um den aktuellen Fund kümmert, kommt der Knochen direkt bekannt vor. Er erinnert ihn an einen anderen Knochen, den er bei einem Besuch der naturwissenschaftlichen Sammlung der Drexel University im über 100 Kilometer entfernten Philadelphia gesehen hatte. Auch der stammte von einer Schildkröte und gehörte ebenfalls zum Oberarm.

Doch während bei dem aktuellen Fund der obere Teil des Oberarmknochens fehlte, war bei dem Stück aus Philadelphia der untere Teil des Knochens abgebrochen. Es bestand also eine theoretische Chance, dass die Teile zusammenpassen würden.

Tatsächlich für möglich hielt das aber niemand - bis die Wissenschaftler vor dem vollständigen Schildkrötenknochen standen. "Sobald die beiden Stücke nebeneinanderlagen, wie Puzzlestücke, war klar, dass sie zusammengehören", sagt Ted Daeschler, Doktorand an der Drexel University. Die Form der beiden Knochenstücke ließe kaum Zweifel an ihrer Zusammengehörigkeit, berichten die Forscher in den "Proceedings of the Academy of Natural Sciences of Philadelphia".

Drei Meter groß und bis heute einzigartig

Der nun vollstände Armknochen gehört zu einer Schildkrötenart, die erstmals 1849 beschrieben wurde: Atlantochelys mortoni. Über den Oberarmknochen errechneten die Forscher die Gesamtgröße der urzeitlichen Meeresschildkröte. Gut drei Meter war sie demnach groß. Damit gehört sie zu den größten bekannten Meeresschildkrötenarten, die jemals auf der Erde lebten. Die Tiere könnten der heutigen unechten Karettschildkröte geähnelt haben - waren aber deutlich größer als alle heute lebenden Meeresschildkröten.

Atlantochelys mortoni war der erste Vertreter seiner Gattung und Art und ist bis heute der einzige. Die beiden Oberarmfossilien sind nach heutigem Stand das einzige, was von den Tieren übrig geblieben ist. Eigentlich waren die Forscher davon ausgegangen, dass auch der 2012 entdeckte untere Teil des Oberarmknochens längst zerstört sein müsste. In der Regel zerbröseln Gesteinsschichten, die Wetter, Wasser und Wind direkt ausgesetzt sind, in vergleichsweise kurzer Zeit - spätestens nach einigen Dekaden.

Die Forscher gehen davon aus, dass der vollständige Knochen in der Kreidezeit vor 70 bis 75 Millionen Jahren - zu Zeiten der Dinos - nach dem Tod der Schildkröte erstmals in Sediment eingeschlossen wurde. Anschließend sei das Sediment erodiert, also abgetragen und durch Wasser und Wind verändert worden, und der Knochen im Pleistozän oder Holozän zerbrochen. Erst einige tausend Jahre vor der Entdeckung seien die Einzelteile erneut in Sediment eingeschlossen worden und somit vor weiterer Zerstörung geschützt gewesen.

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