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Nebenrolle im All

Auf ihren Flug zur Raumstation können die deutschen Astronauten lange warten.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Im Trainingszentrum für Europas Astronauten geht es so hektisch zu wie in einer Schulbehörde am Freitagnachmittag. Still ruht das Tauchbecken, in dem die Raumfahrer das schwerelose Arbeiten erlernen sollen. Auch die begehbaren Raumstations-Modelle, die in der riesigen Lagerhalle in Köln stehen, hat seit Tagen keiner mehr von innen gesehen.

Doch die Himmelsstürmer aus der Alten Welt können sich auch ruhig Zeit lassen. Frühestens in vier Jahren, wenn ihr kleines Labor-Modul »Columbus« an die Internationale Raumstation andockt, haben sie ein eigenes Haus in der Sternenstadt. Selbst dann steht den Europäern nur rund fünf Prozent der Nutzungszeit auf der ISS zu.

Auf einen Flug zur Raumstation kann ein Esa-Astronaut deshalb lange warten. Im Durchschnitt kommt jeder von ihnen nur alle 13 Jahre einmal dran.

Astronaut Reinhold Ewald, 43, übt sich denn auch in Geduld. »Mein Lebensglück hängt doch nicht von der Zahl meiner Flüge ab«, sagt er bescheiden. »Wir sitzen hier schließlich nicht in einem Fliegerhorst und warten auf unseren nächsten Einsatz.«

Aber man weiß ja nie. Für alle Fälle hält sich Ewald, der 1997 an Bord der »Mir« ein Feuer überlebte, mit Joggen und Schwimmen fit. Ein spezielles Fitnesstraining für Astronauten praktiziert er allerdings nicht: »Körperlich könnte fast jeder in meinem Alter in den Weltraum fliegen.«

Und wie sieht der Alltag eines Astronauten sonst aus? Der gelernte Physiker hält Vorträge vor Maschinenbaustudenten, gibt Interviews (zwei pro Woche) oder schaut in die »Columbus«-Röhre: »Auf Grund meiner Weltraumerfahrung kann ich den Ingenieuren genau sagen, wo sie die Haltegriffe anbringen sollen.«

Sein Kollege Thomas Reiter, 42, gibt sich weniger stoisch. »Lieber früher als später« will der Astronaut wieder ins All fliegen. »Leider ist die Warteschlange sehr lang.« Reiters Vorteil: Als erster Nicht-Russe hat er vor drei Jahren die Pilotenlizenz für das »Sojus«-Raumschiff erhalten.

»Insgeheim hofft natürlich jeder, dass er als Nächster starten darf«, gibt Ernst Messerschmid zu, der Leiter der Esa-Astronautenschule. Leider seien die Aussichten derzeit aber eher trübe. Dabei brauche die Raumfahrt, meint Messerschmid, unbedingt Idole: »Das ist wie im Sport. Ohne Schumacher würde sich auch kaum jemand für die Formel 1 interessieren.«

Zumindest ein deutscher Astronaut glaubt inzwischen nicht mehr daran, dass er die Erde noch einmal zu Lebzeiten verlassen wird. Aus Frust über mangelnde Perspektiven hat der Physiker und ehemalige Shuttle-Passagier Ulrich Walter, 46, seinen Dienst quittiert. Jetzt arbeitet er im Entwicklungszentrum von IBM.

»Die Deutschen glauben, sie würden im Weltall eine Hauptrolle spielen«, schimpft Walter. »Dabei sind wir bestenfalls Nebendarsteller. Da wäre es fast schon ehrlicher, es ganz bleiben zu lassen.«

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