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»Neue Hochzeit mit einem Propheten«

Wassermann-Jünger und »New Age«-Apostel haben ihn zu ihrem geistigen Schutzpatron erkoren: Carl Gustav Jung, Tiefenpsychologe und Schöpfer der Lehre von den Archetypen, wird von ihnen als Vorläufer auf dem Weg in eine heile Zukunftswelt gepriesen. Kritiker dagegen sehen in Jung einen »Vater der Antiaufklärung«. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Als er 1961, hochbetagt und schwer herzkrank, im Sterben lag, kreisten seine Gedanken um die fernöstlichen Lehren von der Wiedergeburt. Nun, so vertraute er Freunden an, werde er wohl in Kürze erfahren, was es damit auf sich habe.

Mit einer baldigen Wiederkehr des Carl Gustav Jung war damals nicht zu rechnen. Der abtrünnig gewordene Freud-Schüler Jung, so lehrte seinerzeit der Marxist Ernst Bloch, biete »Kunst als Religionsersatz, Religion als Lebensersatz und beides für eine müde Bourgeoisie«; bei Jung, einem »Erzreaktionär«, rangiere »noch der wüsteste Aberglaube über der Aufklärung« - keine Empfehlung für die Generationsgenossen Rudi Dutschkes.

Heute, ein Vierteljahrhundert später, feiert der Tiefenpsychologe aus Küsnacht am Zürichsee Wiederauferstehung: »Eine geistige Gründergestalt unseres Jahrhunderts wird lebendig«, meldet der Münchner Kösel-Verlag, der 1985 »Die große C. G. Jung Biographie« herausbrachte, einen 480-Seiten-Wälzer des Jung-Adepten Gerhard Wehr.

Im schweizerischen Walter-Verlag ("Weltweit wird C. G. Jung entdeckt") ist in den letzten Jahren das bislang verstreute »Grundwerk« Jungs neu erschienen, neun Bände, in denen die wichtigsten Arbeiten des Seelenforschers vorgestellt werden.

Bei Ullstein durfte »Report«-Moderator Franz Alt ein »hinführendes« Jung-Brevier mit ausgewählten Texten des Meisters herausgeben. Laut Alt, dem eine Seelenanalyse a la Jung durch die Midlife-Krise half, gibt »kaum ein anderer praktischer Denker in unserem Jahrhundert« so wertvolle »Hinweise auf ein möglichst sinnvolles Leben«. »Jung«, schreibt Alt, »trifft offenbar einen Nerv unserer Zeit.«

Damit dürfte der CDU-Mann und »Atompazifist« Alt nicht ganz schief liegen. Seit Anbruch der von Bestseller-Autor Fritjof Capra ausgerufenen »Wendezeit« spukt der Geist des toten Schweizers wie ein Wiedergänger durch die Alternativszene.

In nahezu allen Publikationen, die derzeit eine Metamorphose des Menschheitsbewußtseins von historischen Ausmaßen ankündigen, wird Jung als Kronzeuge angerufen - gleichsam als Pfadfinder, der in die neue, »sanfte« Zukunftswelt voranmarschiert sei: *___Jung, so rühmt »Wendezeit«-Autor Capra, habe die ____"mechanistischen Modelle der klassischen Psychologie« ____überwunden und einer künftigen, »ganzheitlichen« ____Seelenkunde den Weg gebahnt. *___Für die Amerikanerin Marilyn Fer guson. Verfasserin des ____Kultbuchs »Die sanfte Verschwörung«, hat Jung die ____"transzendente Dimension des Bewußtseins« neu entdeckt ____und damit die moderne, unheilvolle Tren nung zwischen ____Gefühl und Intellekt wieder aufgehoben. *___Der amerikanische Wissenschafts historiker Morris ____Berman, gleichfalls Vordenker eines »holistischen«, ____ganzheitlichen Weltbilds ("Wieder verzauberung der ____Welt"), preist die Lehre Jungs als epochale Pionier ____tat, durch die »das Bewußte und Un bewußte in uns« ____wieder in »harmo nischen Einklang gebracht« werde. *___Sir George Treve lyan aus Großbri tannien, 80 und Se ____nior der Ganzheits apostel, sieht in Jung den Wieder ____entdecker eines ur alten »Geheimwis sens«, das sich ____womöglich »als Schlüssel zur Erlö sung der Mensch heit ____erweisen« könne.

Eine »neue Hochzeit zwischen einem Propheten und seiner Gemeinde« sei anzuzeigen, notierte unlängst der Heidelberger Sozialpädagoge Professor Micha Brumlik: Für alle Reisenden auf dem Weg ins gelobte Wassermann-Zeitalter ("New Age") sei Jung »der theoretische Gewährsmann und das praktische Vorbild«.

Schon 1958 hatte Jung, in einer Schrift mit dem Titel »Ein moderner Mythus«, die kommende Weltenwende im Zeichen des Aquarius vorausgesagt: »Wir nähern uns jetzt«, verkündigte er, »der großen Veränderung, die mit dem Eintritt des Frühlingspunktes in Aquarius erwartet werden kann.« Zu rechnen, schrieb er, sei demnächst mit »säkularen Wandlungen der kollektiven Psyche«.

Prophetische Worte: Die Hoffnung auf ein erlösendes Wassermann-Zeitalter, so konstatiert der New-Age-Kenner Hans-Jürgen Ruppert, zähle inzwischen zu den »wichtigsten Heilserwartungen« einer wachsenden Glaubensgemeinschaft; ihr gehören laut Ruppert

längst nicht mehr nur exaltierte Außenseiter an, sondern »auch zum Teil namhafte Vertreter der Wissenschaft oder der modernen Psychologie«.

Wer verstehen wolle, »weshalb mit allen akademischen Wassern gewaschene Europäer indischen Gurus hinterherlaufen«, so urteilte die Ärzte-Zeitschrift »Selecta«, sei »jedenfalls bei Jung besser aufgehoben als bei Freud«; Jung, so das Blatt, sei »ein Vorläufer jener Rationalismus- und Zivilisationskritik, die heute angesichts der drohenden ökologischen Katastrophe wieder lauter« werde.

Mehr noch: Der »weise Alte vom Zürichsee«, wie ihn seine Jünger gern nannten, öffnete sein Lehrgebäude schon früh vielerlei okkulten Einflüssen, die jetzt im nachwissenschaftlichen Weltbild der New-Age-Protagonisten wieder auftauchen: Mythen und Märchen, Spiritismus, Sterndeuterei, Alchemie, Schamanentum, tibetanische Totenbücher, Zen und Yoga - all das verschmolz im Denken des Psycho-Magiers Jung zu einem kosmischen Ganzen, in dem selbst noch die »fliegenden Untertassen« der fünfziger Jahre Platz fanden.

»Anything goes«, alles geht: Mit dieser Freiheitsparole des aktuellen, »postmodernen« Zeitgeschmacks hätte sich der notorische Grenzgänger Jung wohl mühelos anfreunden können. Herzlich wenig scherte er sich zeitlebens um die Maßstäbe strenger Wissenschaftlichkeit. Von »aufgeklärten« Zeitgenossen, die penetrant nach Logik und Fakten fragten, sprach und schrieb er durchweg nur in süffisanten Gänsefüßchen.

Das hat ihm, etwa in der Zürcher »Weltwoche«, den Titel eines »Vaters der Antiaufklärung« eingebracht, eines Intellekt-Verächters, der seit je gefährlichen irrationalen Strömungen Vorschub geleistet habe. Es sei gewiß kein Zufall gewesen, so erinnern sich mittlerweile andere Kritiker, daß Jung in den dreißiger Jahren die Nazi-Bewegung respektvoll als eine Art imponierendes Naturereignis beschrieben habe.

Tatsächlich allerdings hat sich Jung mit der Außenwelt und ihrem Getriebe stets nur nebenbei beschäftigt. Sein kolossales OEuvre, an die 13000 Druckseiten, entfaltet vor allem das Psychodrama des Pastorensohns C. G. Jung, der sich sein langes Leben hindurch mit den Dämonen in der eigenen Brust herumschlug.

Begonnen hat die Karriere des hünenhaften Schweizers im Irrenhaus - im »Burghökli«, der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, die um die Jahrhundertwende von dem damals berühmten Nervenarzt Eugen Bleuler geleitet wurde. Im Dezember 1900 nahm der 25jährige Assistenzarzt Jung in der kasernenartigen Heilanstalt seine Tätigkeit auf. Sein Interesse konzentrierte sich bald auf die Behandlung schizophrener Patienten.

Mit viel Geduld und Einfühlung vertiefte sich der Novize in die blühenden Wahnideen seiner Schutzbefohlenen. Überraschend oft gelang es ihm dabei, zum Teil mit Hilfe selbstentwickelter Tests, im scheinbar konfusen Gestammel der Verstörten einen versteckten Sinn aufzuspüren.

Oft wies die wahnhaft entstellte gleichsam verschlüsselte Botschaft auf entlegene Krankheitsursachen hin - und damit auf Wege zur Heilung. Jungs Therapie-Erfolge, auch in zuvor hoffnungslosen Fällen, erregten in Fachkreisen rasch Aufsehen.

Früh war der agile Dr. Jung auch auf den Wiener Neurologen Sigmund Freud aufmerksam geworden. Der hatte 1900 ein voluminöses Werk über die psychologische Deutung von Träumen veröffentlicht, das Jung zu therapeutischen Experimenten anregte. Wer Freuds psychoanalytische Arbeiten kenne so Jung habe vom Baume des Paradieses gegessen« und sei »sehend geworden«.

Im Frühjahr 1906 knüpfte Jung, zunächst brieflich, erste persönliche Kontakte zu Freud, den er als kühnen Denker und Entdecker seelischen Neulands bewunderte - Auftakt zu einer kurzen, aber heftigen Affäre, die für Jung mit einem Debakel endete.

Anfangs hatte er sich dem 19 Jahre älteren Freud als Mitstreiter im Kampf um die Anerkennung der Psychoanalyse angedient. Mit den Widersachern der neuen Seelenlehre - Jung: »Dickhäuter«, »Stümper«, »Schwätzer«, »Psychopathen«, »völlig hirnverbrannt« - ging der cholerische Freud-Fan wild ins Gericht. Dem »hochverehrten Herrn Professor« Freud begegnete er in fast devoter Bescheidenheit.

In der Korona bleicher Stadtneurotiker, die bis dahin Freuds Anhang bildeten, wirkte der kernige Schweizer wie ein Sendbote aus einer anderen, gesünderen Welt. Ganz im Gegensatz zu dem zugeknöpften Stubengelehrten aus der Wiener Berggasse war Jung ein geselliger Allerweltskerl, der in den Wirtshäusern seiner Heimat mit den Bauern auf Schwyzerdütsch palaverte dabei dröhnend lachte und beim Tanz mit drallen Landestöchtern gellende Jodler ertönen ließ. Ein solcher Kraftmensch, blond und bürgerlich, glaubte Freud, müsse bestens geeignet sein, das Renommee der Psychoanalyse aufzupolieren.

Freud der als Jude und Sexualforscher gleich gegen zwei Ressentiments-Prüderie und Antisemitismus - anzukämpfen hatte, »adoptierte« Jung quasi als seinen »ältesten Sohn«; er ernannte ihn »zum Nachfolger und Kronprinzen«, eine Ehre, die den Lieblingsschüler allerdings eher in Verlegenheit stürzte.

Denn der vitale Kronprinz war keineswegs bereit, sich in die ihm zugedachte Rolle eines designierten Thronfolgers zu fügen. Nach außen fast grenzenlos loyal, hegte er gleichwohl von Beginn an heimliche Vorbehalte gegen gewisse Tendenzen im Denken des Ur-Analytikers.

Zweierlei irritierte den Abkömmling einer helvetischen Pastorenfamilie: _(Mit Tochter Anna 1938 auf dem Weg ins ) _(Londo ner Exil. )

Freuds streng rationale, naturwissenschaftlich geschulte Arbeitsweise und, zweitens, dessen Libido-Theorie, der zufolge allen neurotischen Störungen Sexualkonflikte zugrunde liegen. Der Geschlechtstrieb als zentraler Motor des Seelenlebens - dieses Konzept erregte in Jung einen tiefen Widerwillen.

Sachte zuerst, dann immer entschiedener rückte er ab von der anrüchigen Triebtheorie seines Lehrmeisters und entwickelte eine eigene Libido-Lehre, die von einem allgemeinen, nicht näher zu definierenden Ur-Trieb ausging. Alles menschliche Streben, von der Mutterliebe bis zur Sexgier oder zum Appetit auf Würstchen, geht laut Jung auf den ominösen General-Trieb zurück.

Freud gegenüber verteidigte Jung die kastrierte Libido-Version zunächst als Kriegslist: Nur mit »Rücksicht auf das deutsche gelehrte Publikum«, dem er die schwerverdauliche Freud-Kost möglichst »schmackhaft zugerichtet« servieren wolle, habe er die Triebtheorie entschärft. Die Taktik, wenn es denn eine war, blieb nicht ohne Erfolg: »Über Jung«, so schrieb der Psychologe Paul Helwig, »kann man sich mit jeder Dame unterhalten.«

Freud dagegen registrierte die Neigung seines Jüngers zur Häresie mit Unbehagen. In einem dramatischen Gespräch beschwor er ihn, »nie die Sexualtheorie aufzugeben«. »Wir müssen daraus ein Dogma machen«, verlangte er, »ein unerschütterliches Bollwerk.« »Ein Bollwerk wogegen?« wollte Jung wissen. Freud, ahnungsvoll: »Gegen die schwarze Schlammflut des Okkultismus.«

Doch vor dem Schattenreich des Ockulten hatte Jung seit je keine Scheu. Schon als Student war er ein begeisterter Leser okkulter und mystischer Schriften gewesen. Mit seiner Kusine Helene ("Helly") Preiswerk, einem somnambulen Medium, veranstaltete er spiritistische Sitzungen, auf denen Verstorbene beschworen wurden, darunter auch Jungs Großvater Pastor Samuel Preiswerk, der sich mit salbungsvoller Baßstimme aus dem Jenseits meldete. Die Seancen mit Helly machte Jung später zum Thema seiner Doktorarbeit ("Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene").

Auch in Gegenwart Freuds hatte Jung ein Spukerlebnis: Ausgerechnet während einer Diskussion über Parapsychologie erscholl, in Freuds Wiener Wohnung, ein fürchterliches Krachen aus dem Bücherschrank. Das, erklärte Jung dem verdutzten Freud, sei ein »katalytisches Exteriorisationsphänomen«, physikalischer Ausdruck seelischer Spannungen, die er heiß im Zwerchfell spüre. Dem ersten werde sogleich ein zweiter Knall folgen - was tatsächlich geschah.

Zum Geisterglauben ließ sich Freud ("leibhaftiger Unsinn") dadurch nicht bekehren; doch er stieß sich auch nicht an den okkulten Macken des geschätzten Kollegen. Nur langsam dämmerte den beiden Seelenforschern die Erkenntnis, daß sie nicht zueinander paßten.

Erstmals ans Licht kamen die Differenzen im Spätsommer 1909, als Freud, Jung und der ungarische Analytiker Sandor Ferenczy auf Einladung der amerikanischen Clark University gemeinsam in die USA reisten. Vor dem Einschiffen traf sich das Trio im Bremer Luxusrestaurant »Essighaus«, wo sich Jung, inspiriert von den Mumien in den Bleikellern des örtlichen Domes, weitschweifig über die in Norddeutschland aufgefundenen »Moorleichen« ausließ.

Freud hörte dem fabulierenden Jung eine Weile mit wachsender Unlust zu - und sank schließlich bewußtlos vom Stuhl. Ihm sei, so deutete er nachher den Blackout, plötzlich der Einfall gekommen, Jung wünsche ihm mit seinen Leichen-Tiraden unbewußt den Tod.

Anschließend, an Bord des Transatlantik-Liners »George Washington«, nahmen die Verstimmungen noch zu. Zum Zeitvertreib hatten die drei Analytiker begonnen, einander wechselseitig ihre nächtlichen Traumerlebnisse zu interpretieren.

Als Jung bei der Deutung eines Freud-Traums ins Schwimmen geriet und vorsichtig um ein paar Informationen aus dem Privatleben seines Mentors nachsuchte, winkte der pikiert ab: »Ich kann doch«, wehrte er sich, »meine Autorität nicht riskieren!« Jung, Jahrzehnte danach: »In diesem Augenblick hatte er sie verloren.«

Ende 1913 war der Bruch perfekt. Zuvor hatte sich Jung, drastisch wie üblich, dagegen verwahrt, von Freud wie ein neurotischer Patient behandelt zu werden: So, wetterte er, erziehe sich Freud nur »sklavische Söhne oder freche Schlingel«, bleibe dabei aber selber »immer schön oben als Vater«.

Am Ende allerdings war es Freud, der die Beziehungen unwiderruflich abbrach mit einem Stoßseufzer der Erleichterung: »Ich kann ein Hurra nicht unterdrücken! So sind wir sie denn endlich los, den brutalen heiligen Jung und seine Nachbeter!«

Für Jung dagegen begann nach der Trennung von Freud eine seelische »Nachtmeerfahrt«, die ihn bis an den Rand der Psychose führte. Sein scheinbar so stabiles Ich brach aus den Fugen, die Trümmer trieben orientierungslos dahin. In seiner Not begann er, inzwischen fast 40, noch einmal ganz von vorn: Er spielte stundenlang wie ein Kind mit Bauklötzen, halluzinierte

Phantasiegeschichten, sprach laut mit unsichtbaren Traumgestalten und malte Bilder, auf denen er seine Visionen festhielt. Seine inneren Erfahrungen schrieb er in das »Rote Buch«, einen in Leder gebundenen Folioband, dessen Seiten er mit kalligraphischen Schriftzeichen und farbigen Illustrationen füllte.

Viele Elemente seiner fünf Jahre währenden Selbsttherapie übernahm er später in seine psychoanalytische Praxis. Seinen Posten als Oberarzt im Zürcher »Burghökli« hatte er 1909 quittiert. Als er 1918 von der Talfahrt in die Tiefen seines Unbewußten zurückkehrte, brachte er als Beute den Rohstoff für sein jetzt erst entstehendes Lebenswerk mit - mythische Bilder, noch ungeformte Urgestalten und die vage Vorstellung von einer allumfassenden, kosmischen Wahrheit, der mit dem Verstand allein nicht beizukommen sei.

»Zirkumambulierend«, die Wahrheit behutsam umkreisend, so näherte sich Jung fortan den Seelenproblemen seiner Patienten. Anders als Freud, der bei der Analyse starr am Kopfende seiner orientalisch gemusterten Couch hockte, spazierte Jung mit seinen Klienten im Garten seiner Küsnachter Villa umher.

Und während Freud, ein kühler Psycho-Techniker, im höchst individuellen Unbewußten seiner Neurotiker nach verborgenen Triebknoten stocherte, versuchte Jung, in der leidenden Psyche jene Trennwand einzureißen, die den Intellekt von den Tiefenschichten der Seele fernhält - von einem brodelnden Urgrund, auf dem das isolierte Ich des einzelnen wie ein Korken schwimmt.

»Wo Es ist, soll Ich werden«, hatte der nüchterne Aufklärer Freud gefordert. Doch für Jung ist das bewußte Ich nur die brüchige Schale des Individuums, eine gesellschaftliche Maske, hinter der sich der wirkliche Mensch vor den anderen und vor sich selber verbirgt. Jungs Therapieziel ist das »Selbst«. eine psychische Einheit in der Bewußtsein und Unbewußtes miteinander verschmolzen sind.

Hinter diesem Konzept steht eine überaus verwickelte, oft dunkel und versponnen wirkende Seelentheorie, die Jung in jahrzehntelanger Arbeit, immer wieder neu ansetzend, ausgeformt hat. Den Mittelpunkt bildet die Lehre vom kollektiven Unbewußten, das sich laut Jung wie die Natur nach eigenen Gesetzen entwickelt und das als Hort universeller Urbilder gilt.

Als Psychiater im »Burghölzli« hatte Jung bemerkt, daß Schizophrene häufig Wahnvorstellungen produzieren, die auch in der Bilderwelt uralter Sagen und Mythen vorkommen. So etwa hatte ein Patient berichtet, die Sonne lasse einen Phallus herabbaumeln, der mit seinen Bewegungen Wind mache. Jahre später entdeckte Jung einen Passus in der Liturgie des spätrömischen Mithraskultes, in dem von einem Rohr die Rede ist, das aus der Sonne ragt und Wind erzeugt.

Jung erblickte darin eines jener Urbilder, die er »archetypisch« nannte. Das Unbewußte, erklärte er, sei voll davon, und es drücke sich darin das historische Lebenswissen der gesamten Menschheit aus. Zum Vorschein kommen die magischen Sinnbilder im Wahn, in der Dichtung und im Mythos, aber auch in den Träumen. Wer sie richtig zu deuten verstehe, lehrte Jung, verfüge über zeitloses Wissen, über »Weisheit«.

In nahezu allen Kulturkreisen und Zeitaltern hat Jung nach den archetypischen Symbolbildern Ausschau gehalten. Zu finden glaubte er sie in den Visionen verzückter Mystiker im Mittelalter, in biblischen Gleichnissen, aber ebenso in der Astrologie wie in den metaphysischen Lehrgebäuden der Philosophie. Wo immer er sie aufspürte, fühlte er sich dem Absoluten nahe - dem Numinosen: Gott oder dem kosmischen Ganzen.

Auch die zahllosen Psychotechniken wie etwa Yoga oder Zen, die den Zugang ins Unbewußte öffnen helfen, fanden sein Interesse. Und ernsthaft erprobte er das chinesische I Ging, eine Orakelmethode, die mit 49 Schafgarbenstengeln operiert.

Fast sein halbes Gelehrtenleben widmete Jung der Alchemie, die er keineswegs als frühe Kümmerform der Naturwissenschaften betrachtete. Jung, schreibt bewundernd New-Age-Theoretiker Morris Berman, habe enthüllt, daß alles, was sich »im Labor des Alchemisten zutrug, der psychische Prozeß der Selbsterkenntnis war, der dann auf die Inhalte der Schmelztiegel und Destillierkolben übertragen wurde«. Das klinge auch deshalb einleuchtend, weil sich die Alchemisten vor der Arbeit, etwa durch Fasten oder bestimmte Atemtechniken in exaltierte Seelenzustände eine Art Trance, hineingesteigert hätten.

Obgleich Kritiker dem Tiefendeuter Jung verschwommenes Denken, unscharfe Begriffe, schwer lesbaren Stil und vielerlei Widersprüche ankreideten, wuchs sein Ruhm in den zwanziger und dreißiger Jahren unaufhaltsam. Wohl gerade weil er, geheimnisvoll raunend, die flackernden Schatten aus der Tiefe beschwor, fesselte er die Phantasie des Publikums.

Hinzu kam die öffentliche Wirkung seiner strotzenden Persönlichkeit. Jung, ein Mann von immenser Gelehrsamkeit, war zugleich ein naturbegeisterter Hochgebirgswanderer, dazu Segler, Angler und Gärtner. Und immer wieder brach er zu Fernreisen auf, etwa nach Amerika, wo er mit den Medizinmännern der Pueblo-Indianer über ihren Götterzauber palaverte, oder nach Afrika, wo er am Mount Elgon in Kenia monatelang im Kral von Eingeborenen hauste.

Bei alledem blieb er ein braver Schweizer, ein »Spießbürger«, wie er selber meinte. Selbst wenn er krank war, erschien er pünktlich zu den Volksabstimmungen. Als Hauptmann des eidgenössischen Bundesheeres beteiligte er sich pflichtschuldigst an den Übungen und Manövern; so begeistert war er vom Kriegshandwerk, daß er mit seinen Kindern im Sandkasten Festungen baute, die unter seinem Oberbefehl belagert und demoliert wurden.

Im Jahre 1923 hatte er in Bollingen am Zürichsee ein Grundstück erworben, auf dem er, größtenteils eigenhändig, einen klobigen Turm errichtete. Im Laufe der Zeit erweiterte er das Bauwerk zu einem

bizarren Refugium, in dem es weder Elektrizität noch fließendes Wasser gab. Hier übte sich Jung, bastelnd, bildhauernd oder Ofenholz hackend, in der Kunst des einfachen Lebens - sein Hauptwohnsitz, eine elegante Villa im Herrenhausstil, lag am anderen Ende des Zürichsees.

Über Geldmangel hatte er längst nicht mehr zu klagen. Der polyglotte Tiefenpsychologe, er sprach fließend Englisch und Französisch, behandelte eine durchweg begüterte internationale Klientel. Speziell aus Amerika, das Jung schon bei seinem ersten Besuch als »Wunderland« gelobt hatte (während Freud es für einen »gigantischen Irrtum« hielt), kamen viele Patienten herbeigereist, die bei dem Wunderdoktor aus Küsnacht ihren Seelenfrieden suchten.

Der dollarschweren Kundschaft gegenüber gab sich Jung, aus bescheidenen Verhältnissen stammend, oft barsch. Einer Millionärin aus Detroit befahl er, zur Analysestunde nicht mehr im Rolls-Royce vorzufahren. Einer anderen goldenen Gans aus Übersee bot er stets einen Sitzplatz auf dem Fußboden an.

Gerade Jungs Verhältnis zu Frauen zeigt, daß sein Gefühlsleben, auch nach der fünfjährigen Selbsterkundung während seiner »Nachtmeerfahrt«, nie ausgeglichen war. Er neigte zu leidenschaftlichen Ausbrüchen, fürchtete aber zugleich den Sturm entfesselter Gefühle. Immer wieder sprach er von der »Dämonie des Weibes«, vor der Mann auf der Hut sein müsse eine Urangst, die ins Dunkel seiner frühen Kindheit zurückreichte.

An die Realität der Freudschen Ödipussituation - der Sohn rivalisiert mit dem Vater um die Liebe der Mutter - konnte Jung nie glauben. Freud war der Lieblingssohn einer bildschönen Mutter und eines lebenstüchtigen Vaters. Jung dagegen hatte es mit einem depressiven Vater zu tun, der als Pastor unter quälenden Glaubenszweifeln litt, und mit einer häßlichen, unterdrückenden Mutter, die der Knabe Carl Gustav in Wachträumen als »dämonisches Naturweib halb Hexe, halb Sibylle« erlebte.

Seit 1903 war Jung mit Emma Rauschenbach verheiratet, der Tochter eines reichen Industriellen aus Schaffhausen. Sie fand sich bald in die geschlechtsneutrale Rolle einer tüchtigen Hausfrau gedrängt, die dem genialen Ehemann den Rücken freihält für seine geistigen Aufschwünge. Zwei Jahre später verliebte sich Jung in seine Patientin Sabina Spielrein, eine jüdische Medizinstudentin aus Rußland, die den athletischen Therapeuten für einen germanischen »Götterabkömmling« hielt und sich ein Kind von ihm wünschte, das Siegfried heißen sollte.

Jung, offenbar in panischer Flucht vor der heftigen Zuneigung der Russin, beendete die Affäre brutal: Er schrieb einen Brief an die Mutter der Geliebten und offenbarte ihr das ihm lästige Ansinnen »als Befriediger der Sexualität Ihrer Tochter«, hieß es in dem Schreiben, komme er nicht in Frage. Zugleich ersuchte er um ein Honorar für die bisherige Gratisbehandlung. In einem soeben erschienenen Buch hat der italienische Psychologe Aldo Carotenuto die peinliche Korrespondenz publiziert«. _(Aldo Carotenuto. »Tagebuch einer ) _(heimlichen Symmetrie«. Kore Verlag ) _(Traute Hentsch, Freiburg; 372 Seiten; ) _(39,80 Mark. )

Noch zu einer anderen Patientin Toni Wolff, unterhielt Jung eine Liebesbeziehung, diesmal eine längerdauernde. Zwar hatte die ätherische Kaufmannstochter aus Zürich die Ehe Jungs zunächst in eine Krise gestürzt, dann jedoch war es dem Patriarchen gelungen die Geliebte in den Haushalt zu integrieren; sonntags saß »Tante Toni« bei den Mahlzeiten mit am Familientisch. Erst als sie, nach vielen Jahren auf Heirat drängte, wurde sie von Jung verstoßen.

»Von klein auf«, meint Sozialpädagoge Brumlik, scheine Jung »unter massiven (religiös bestimmten) Sexualängsten gelitten zu haben«. Ein Kindheitstraum, den Jung überliefert hat, bestätigt den Verdacht.

In der grotesk anmutenden Traumvision erblickte der Knabe in einem unterirdischen Thronsaal einen baumhohen bis an die Decke reichenden Pfahl, der aus »Haut und lebendigem Fleisch« bestand - offensichtlich einen erigierten Riesenphallus. Das monströse Ding, vier bis fünf Meter hoch, versetzte den Träumer in lähmende Angst; es werde, fürchtete er, herabkommen und wie ein Lindwurm auf ihn zukriechen. Da meldete sich aus dem Off die strenge Stimme der Mutter und sprach: »Ja, schau ihn dir nur an. Das ist der Menschenfresser!«

Die Angst vor dem unheimlichen Menschenfresser, Erbschaft einer rigorosen protestantischen Sexualmoral, hat nach Ansicht von Brumlik nicht nur Jungs Charakterbild, sondern auch sein Lebenswerk geprägt. Jung, schätzt Brumlik, habe die eigene Triebhaftigkeit als so stark und bedrohlich empfunden, »daß er sich ein konfliktfreies Ausleben nur im Rahmen einer Religion vorstellen konnte«.

Mit seiner Lehre vom kosmischen. quasi-göttlichen Urgrund des Unbewußten, in dem alle Triebe wurzeln, habe

Jung den Versuch unternommen, die Sexualität »zu resakralisieren«, sie gleichsam in ein religiös gefärbtes Seelenbild einzuordnen. Freud, der die psychische Vorherrschaft des Geschlechtstriebs beharrlich verteidigte, nahm damit in Jungs Augen zunehmend »diabolische« Züge an - für ihn, zürnte Jung, sei die Seele nichts weiter als »ein Kehrichtkübel unerfüllbarer Kinderwünsche«.

Daß Jungs Konflikt mit seinem Wiener Lehrmeister auch Jahrzehnte nach dem Bruch nicht erledigt war, zeigte sich Anfang der dreißiger Jahre, als in Deutschland die Nazis zur Macht kamen. Jung distanzierte sich keineswegs von den arischen Fanatikern, die, kaum an der Regierung, Freuds Bücher im Berliner Lustgarten »den Flammen übergaben« und anschließend die deutsche Psychoanalytiker-Vereinigung von Juden säuberten.

Mehrfach traf sich Jung mit dem rauschebärtigen Professor Matthias Heinrich Göring, einem Vetter des dicken Reichsmarschalls: Göring, der es übernommen hatte, die deutsche Analytikerschaft neu organisiert ins Dritte Reich zu führen, sah in dem Schweizer Jung einen international nützlichen Verbündeten.

Ein Göring-Adlatus namens Walter Cimbal empfahl Jung als NS-Sympathisanten: »Herr Dr. Jung«, so formulierte er, »hat die Gedankengänge und wahrscheinlich auch die Literatur des Nationalsozialismus sehr genau durchgearbeitet und durchaus bejaht.«

»Wir Germanen«, hatte Jung schon 1918 geschrieben, »haben noch einen echten Barbaren in uns, der nicht mit sich spaßen läßt.« Nun, 1934, begrüßte er wortreich »Wotan« und sein »Erwachen im Dritten Reich« - so der Titel und Untertitel eines Aufsatzes, in dem der Tiefenpsychologe die Nazi-Bewegung emphatisch als schicksalhafte Aufwallung der germanischen Kollektivseele feierte.

Wotan, ein alter »Sturm- und Rauschgott« und dazu ein Archetyp der Germanen-Psyche, phantasierte Jung, habe von den Deutschen Besitz ergriffen und stehe im Begriff, »dieser vernünftigen, international organisierten Welt« einen Blick in ungeahnte Seelentiefen zu bieten. In Adolf Hitler sah Jung gewissermaßen die Personifikation des archaischen »Unruhestifters«, einen »Ergriffenen«, aber auch einen »Ergreifer der Männer«, der sein Gefolge in heilige Raserei versetzte.

Im reichsdeutschen Rundfunk bekannte sich Jung mit Entschiedenheit zum Führerprinzip: »Zeiten der Massenbewegungen«, sagte er in einem Interview, »sind immer Zeiten des Führertums. Jede Bewegung gipfelt organisch im Führer... Er ist eine Inkarnation der Volksseele und ihr Sprachrohr.«

Sodann befaßte er sich, im gleichgeschalteten deutschen »Zentralblatt für Psychotherapie«, mit den »schon längst bekannten Verschiedenheiten der germanischen und der jüdischen Psychologie«, womit er offensichtlich die Unterschiede zwischen seiner eigenen und der Freudschen Psychoanalyse meinte.

Anfang 1934 machte er die Differenz für jedermann deutlich: Durch die jüdische Version der modernen Seelenkunde, so behauptete er, werde »das kostbare Geheimnis des germanischen Menschen, sein schöpferisch ahnungsvoller Seelengrund, als kindlich banaler Sumpf erklärt«. Dabei besitze das »arische Unbewußte« ein beträchtlich »höheres Potential als das jüdische«, denn es enthalte »Spannkräfte und schöpferische Keime von noch zu erfüllender Zukunft«.

In Freuds Neurosenlehre entdeckte Jung jetzt nur noch »die schmutzige Adoleszenzphantasie des Erklärers«. Wo das Unbewußte zur Schlangengrube niedriger Instinkte erklärt werde, müsse sich der Mensch wohl zwangsläufig in einen »heillosen Intellektualismus« flüchten. Eine solche Kopflastigkeit konstatierte er in einem Privatbrief, sei allerdings typisch für die »wurzellose« jüdische Rasse.

Dagegen Hitler: Ihn hielt Jung noch 1938, in einem Interview mit dem US-Journalisten H. R. Knickerbocker, für einen »echten mystischen Medizinmann«. Dem sei schwerlich zu raten, »er solle seiner inneren Stimme nicht gehorchen«. »Laßt die Deutschen nach Rußland ziehen«, empfahl Jung, an die 100 Jahre wären sie dann damit beschäftigt, »diese Mahlzeit zu beenden«.

Als sich der Rausch- und Brausegott Wotan verzogen hatte, wurde auch Jung wieder nüchtern. »Nach der Katastrophe« hieß der Titel eines Essays, in dem Jung das Verschwinden der Furie kommentierte.

Medizinmann Hitler wurde darin zum gemeingefährlichen Irren herabgestuft - die fachgerechte Diagnose: »Pseudologia phantastica«, eine Form der Hysterie. Dieses Leiden beruht laut Jung auf der extrem gesteigerten Fähigkeit des Patienten, an »die eigenen Lügen zu glauben«. »Solche Leute«, dozierte Psychiater Jung, »haben in der Regel eine Zeitlang durchschlagenden Erfolg und sind darum sozial gefährlich.«

Daß ein ganzes Volk auf die »psychische Vogelscheuche« Hitler hereinfiel, kann sich Jung im nachhinein nur schwer erklären. Vermutlich, taxiert er, sei der hysterische »Popanz« ein »Spiegelbild der allgemeinen deutschen Hysterie gewesen«. In einer anderen Abhandlung ("Der Kampf mit dem Schatten") formuliert er die These, Hitler habe »den Schatten, den inferioren Teil von jedermanns Persönlichkeit« dargestellt, »und dies war ein weiterer Grund, weshalb man ihm verfiel«.

Und Jung selber? War nicht auch er, wenigstens vorübergehend, dem »Popanz« aufgesessen? Darüber machte sich der Tiefenpsychologe nur ungern Gedanken. Seine Wotan-Episode brachte er später auf die wertfreie Formel, er sei damals »arg mit der Zeitgeschichte zusammengestoßen«. Im übrigen verteidigte er sich wie irgendein mausgrauer Mitläufer: Ein »Nazi«, ein »Antisemit« sei er nie gewesen. »Im Grunde bin ich ein ganz unpolitischer Mensch.« _(Beim Erntedankfest 1934 auf dem ) _(Bückeberg. )

Das haben, in den dreißiger Jahren, hochkarätige Kritiker durchaus anders gesehen, unter ihnen der Philosoph Ernst Bloch, der Kunsthistoriker Joachim Schumacher oder der Schriftsteller Thomas Mann; allesamt wiesen sie darauf hin, daß es keineswegs nur ein Schwächeanfall war, der Jung vor dem wilden Wotan in die Knie gehen ließ.

Vielmehr, seiner ganzen geistigen Konstitution nach sei Jung für die Nazi-Infektion disponiert gewesen, meinen die Beobachter. Sein Widerwille gegen den »kindischen Aufklärungswahn«, seine Verklarung der numinosen Kollektivseele, seine religiöse Verehrung archaischer Mythen - das alles nannte etwa der Marxist Bloch reaktionär: »Krypto-Faschismus«.

»Wer sich heute noch in ''Seele'' sielt«, schrieb Thomas Mann in sein Tagebuch, »ist rückständig, geistig und moralisch.« Der »Medizinmann« Jung, witzelte Kritiker Schumacher, walte nicht seines Amtes: Er treibe keine Dämonen aus, »nein, er bringt noch sieben ärgere Teufel mit«.

Jung hat solche Angriffe als »Blödsinn« abgetan, doch für eine Weile war sein Selbstvertrauen erschüttert. Ein Jahr vor Kriegsende, 1944, erlitt er einen schweren Herzinfarkt, der ihn für den Rest seines Lebens zum Invaliden machte.

Erst in den fünfziger Jahren war das Trauma verheilt, das ihm Gott Wotan zugefügt hatte. Nun wurde er, seit je ein Kommunistenfresser, zum Kalten Krieger, der in der Konfrontation der Supermächte den welthistorischen Kampf des Lichts gegen die Mächte der Finsternis erblickte.

»Ohne Zweifel«, schrieb er, rüste Rußland - »von einem elementaren Trieb beherrscht (wie seinerzeit Hitler!)« - zum letzten Gefecht. Europa müsse daher »von den USA organisiert werden, a tort et a travers«.

Doch da war der Küsnachter Mystiker schon auf dem Weg ins Nirwana - aus dem er jetzt ins New Age der Wassermann-Jünger zurückgekehrt ist. Was ihm neuerdings die Aura des Propheten, des Künders einer weltweiten Bewußtseinsrevolution verleiht, ist nicht schwer zu erraten: *___Jungs Kritik am entfesselten, alles »zersetzenden« ____Rationalismus trifft sich mit den wachsenden Zweifeln ____an den modernen Naturwissenschaften, die mit ____aggressiven Mitteln die Welt ausbeuten und verwüsten; *___Jungs Denken in kosmischen Zusam menhängen das auf ____umfassende Syn thesen aus ist, paßt ins Konzept der ____New-Age-Theoretiker, die ökologi schen Naturkreisläufen ____nachsinnen und in der Welt ein unendlich dicht ____"vernetztes«, ganzheitliches System erblicken; *___Jungs psychotherapeutische Metho de, die nach ____Bewußtseinserweiterung ("Amplifikation") strebt, ähnelt ____den Psycho-Techniken der Wassermann Adepten, die etwa ____durch Meditation oder »Biofeedback« die Energien des ____Unbewußten mobilisieren und nut zen wollen; *___Jungs mystische Religiosität, die auf dem ____unvermittelten inneren Erlebnis des Numinosen beruht, ____wirkt sympa thisch auf die Anhänger einer neuen ____Frömmigkeit, die ihr Seelenheil au ßerhalb der in ____Dogmen erstarrten Weltreligionen suchen.

Eine tiefe Abneigung gegen die institutionalisierte Religion hatte sich bei Jung schon in seinen Knabenzeiten zu einer fixen Idee verdichtet, die sich in einem zwanghaft wiederkehrenden Wachtraum ausdrückte. Dabei habe er, berichtete Jung, Gott in der Höhe auf seinem Thron erblickt - bei einer höchst animalischen Verrichtung: Der Herr ließ ein gewaltiges Exkrement vom Himmel niederfallen, das in das bunt geziegelte Dach des Münsters zu Basel wie eine Bombe einschlug.

Gott hat sich von der Kirche abgewandt, von ihren seelenlosen Ritualen und ihrem weltlichen Pomp - so deutete der Protestant Jung seine drastische Traumvision. Heutzutage, glaubte der Tiefenpsychologe späterhin, wohne der Herrgott nur noch in der menschlichen Seele, in jenem von archetypischen Bildern überfluteten Unbewußten, in das der Mensch nur mutig eintauchen müsse, um das Übersinnliche zu erleben.

Wo das individuelle Bewußtsein die kosmischen Urbilder ans Licht hole lehrte der alte Jung, komme das Göttliche gleichsam zu sich selbst - der Mensch wird zum Gottmenschen. Ähnlich pantheistische Vorstellungen geistern auch durch die Wassermann-Bewegung.

Ihrer besonderen Natur nach, meint New-Age-Experte Ruppert, bringe die _(links: im Bollinger Turm. ) _(Oben: Illustration und kalligraphischer ) _(Text aus dem »Roten Buch« (Ausriß); )

subversiv wirkende Erweckungsbewegung keine straff oder gar zentral gelenkten Organisationen hervor. Sie bestehe, konstatiert er, derzeit aus einem lockeren »Netzwerk« selbständiger Initiativen wie beispielsweise dem »Frankfurter Ring« ("Gesellschaft zur Pflege der Philousia e.V.") oder dem Esalen-Institut in Kalifornien, mit dem »Wendezeit«-Autor Capra eng zusammenarbeitet.

In Büchern, Broschüren und Zeitschriften verbreiten die Mitglieder solcher Gruppen ihre esoterische Botschaft, in der die »apokalyptischen Endzeitängste« vieler Zeitgenossen »durch die Verheißung des Anbruchs einer durchweg positiven Ära« besänftigt werden (so die »Neue Zürcher Zeitung").

Nicht wenige Wissenschaftler, etwa Informatiker, die in ihren Computersystemen Vorbilder für ein ganzheitliches Weltbild sehen, aber auch Physiker wie Fritjof Capra gehören zu den eifrigsten Aposteln der Wassermann-Lehre, kein Wunder: »Der Okkultismus wird immer wissenschaftlicher, die Physik wird immer okkulter«, hatte schon Arthur Koestler geschrieben.

Richtig ist, daß etwa die Atomphysiker ihre altvertrauten mechanistischen Denkgewohnheiten längst ablegen mußten. Im wimmelnden Flohzirkus der Elementarteilchen, die bei der immer weiter fortgesetzten Atomspaltung entstehen, lassen sich einzelne Partikel nur noch im Rahmen eines umfassenden - vernetzten ! - Beziehungssystems definieren.

Doch derlei, erklärt New-Age-Kritiker Claudio Hofmann, studierter Mathematiker und Physiker, beweise noch lange nicht die Existenz einer neuen »holistischen Spiritualität«; eine »ganzheitlich-ökologische Systemschau, in der sich der menschliche Geist endlich mit Gott und der Materie versöhnt« habe, gebe es bislang nirgendwo. Wer den Sirenenklängen der Ganzheits-Apostel folge, laufe einer »Fata Morgana vernetzter Oasen« nach und werde früher oder später als Betrogener aufwachen.

Einer gefährlichen Fata Morgana, so urteilt Jung-Kritiker Christoph Türcke, gleiche auch das Werk des Seelenforschers vom Zürichsee; es bestehe vor allem aus einer enormen Ernte gelehrter Lesefrüchte, aus denen Jung, das Rohmaterial gewaltsam auspressend, seine Archetypen-Lehre destilliert habe.

Doch die angeblichen Urbilder am Grunde der Kollektivseele sind laut Türcke alles andere als eine beglückende Erbschaft aus goldenen, vorwissenschaftlichen Zeitaltern. Es handle sich, taxiert er, wohl eher um »moderne Wunschbilder«, die der allzu nüchterne Zivilisationsmensch brauche, »um es in der pluralistischen, auf keinen vernünftigen Endzweck ausgerichteten Gesellschaft auszuhalten«.

In Jungs tiefenpsychologischer Lehre mit ihrer Innerlichkeit, die sich vertrauensselig den heilenden Kräften des Unbewußten überläßt, sieht Kritiker Türcke letztlich einen »platten Unterwerfungsakt« - nämlich den Verzicht auf mühsame Aufklärungsarbeit und alle Versuche, die sieche Welt mit Vernunft zu sanieren: »Eine Fortschrittskritik, die sich auf Jung beruft«, schreibt Türcke, »verrät, daß sie im wesentlichen nichts ändern will.«

Vielleicht, so mutmaßt der amerikanische Jung-Biograph Paul J. Stern, ein Psychoanalytiker Freudscher Observanz, habe der Pastorensohn Carl Gustav zeitlebens vor allem eines im Sinn gehabt - die postume Seelenrettung seines zweifelnden und schließlich verzweifelten Vaters, den einst der alte, durch nichts zu erschütternde Gottesglaube verlassen hatte.

Jung junior, glaubt Stern, habe die abgerissenen Drähte zum Jenseits auf seine Weise neu knüpfen wollen; am Ende sei er überzeugt gewesen, daß ihm das mit seiner Archetypen-Lehre wirklich gelungen sei.

Als Jung, schon in fortgeschrittenem Alter, einmal nach seinem eindrucksvollsten Erlebnis gefragt wurde, gab er, was wohl sonst, einen bedeutungsschweren Tagtraum zum besten.

Eines Tages, so um die Mittagszeit, erzählte er, sei er auf dem Zürichsee bei Flaute in seinem Segelboot eingedöst. Und da, wie von ungefähr, habe ihm plötzlich der tote Vater auf die Schulter geklopft, mit den Worten: »Ich danke dir, du hast es recht gemacht.«

Mit Tochter Anna 1938 auf dem Weg ins Londo ner Exil.Aldo Carotenuto. »Tagebuch einer heimlichen Symmetrie«. Kore VerlagTraute Hentsch, Freiburg; 372 Seiten; 39,80 Mark.Beim Erntedankfest 1934 auf dem Bückeberg.links: im Bollinger Turm.Oben: Illustration und kalligraphischer Text aus dem »Roten Buch"(Ausriß);

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