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RAUMFAHRT Neuer Aufbruch zum Mond

Vor 30 Jahren verließ der letzte Mensch den Mond. Nun ist das Interesse am Erdtrabanten neu erwacht. Japaner, Chinesen, Inder und Europäer planen neue Missionen. Sie sollen Brocken uralten Erdgesteins auf der Mondoberfläche suchen und den Grundstein einer Roboterstadt legen.
aus DER SPIEGEL 2/2003

Wenn die Mondsichel träge hinter dem Deich im Meer versinkt, will Bernard Foing nicht verweilen, sondern aufbrechen. Er sieht in dem romantischen Anblick zuvörderst einen Forschungsauftrag. Denn er ist Fachmann und weiß, wie wenig der Mensch weiß über das Nachtgestirn und wie viel noch zu entdecken bleibt - vor allem auf der Schattenseite, die stets der Erde abgewandt ist. Daher plant er einen Trip dorthin.

»Kommen Sie, ich zeige Ihnen unser Baby«, sagt Foing stolz. Gekonnt stülpt er eine Hygienehaube übers Haar, wirft einen blauen Kittel über, schlüpft mit den Schuhen in weiße Überzieher. Mit seiner Chipkarte öffnet er die Luftschleuse und betritt den Reinraum, hoch wie ein Flugzeughangar. Der Boden ist übersät mit Kabeln, Werkzeugkästen, technischen Zeichnungen, Zahlen fließen über bläuliche Monitore. Und mittendrin sein Baby: »Smart-1«.

Auf den ersten Blick sieht die Sonde aus, als hätten ein paar Zehntklässler in der Projektwoche einen Rechner aus Elektronikschrott zusammengebastelt. Bunte Kabelstränge quellen wirr wie Spaghetti aus einer kühlschrankgroßen Metallkiste, vollgestopft mit Prozessoren, Scharnieren, Linsen, Schräubchen und Klebeband. Ausgerechnet diese Heimwerkerkiste soll dem Mond seine letzten Geheimnisse entlocken.

Bald schon wird die 370 Kilogramm schwere Forschungssonde, von einer Rakete ins All geschleudert, zum Trabanten der Erde schweben, um das Nachtgestirn mit Infrarotkamera und Röntgenteleskop spektroskopisch zu erkunden.

»Mit »Smart-1« werden wir erstmals den gesamten Mond kartieren, mit einer zehnfach höheren Genauigkeit als bisher - auch die Regionen, die in ewiger Dunkelheit liegen«, verkündet Foing, Chefwissenschaftler der »Smart-1«-Mission am European Space Research & Technology Centre (Estec) im niederländischen Noordwijk. Estec ist so etwas wie die Satellitenwerft der europäischen Weltraumagentur Esa. Verborgen hinter Stacheldrahtzäunen entwickeln, montieren und testen in riesigen Hallen im Windschatten der Nordseedünen über tausend Wissenschaftler und Ingenieure all jene Flugobjekte, die von der Esa-Zentrale in Paris wie von einer Weltraumreederei in Auftrag gegeben werden. Gesteuert wird die Sonde dann von den Weltraumkapitänen am European Space Operations Centre in Darmstadt.

Seinen Ehrgeiz bei der rund 100 Millionen Euro teuren »Smart-1«-Mission verhehlt Foing nicht: Erstmalig schießt Europa eine Sonde zum Mond - und katapultiert sich damit zugleich in die erste Liga der Weltraumnationen.

Ohnehin ist der Mond schwer in Mode. Jahrzehntelang war die Naherkundung des Erdtrabanten den Weltraumsupermächten USA und UdSSR vorbehalten. Doch nun rüstet sich eine ganze Erkundungsflotte für die Reise zum Mond, nicht nur in Europa, sondern auch in Japan, Indien und China (siehe Grafik).

»Ich bin Teil der Weltraum-Generation, ein Sputnik-Kind«, sagt Foing, geboren 1957 - dem Jahr, in dem das monotone Funktonfiepen des sowjetischen Sputnik-Satelliten das Startsignal zum Wettlauf ins All gab. Wirr kreiseln Sterne über seine Lieblingskrawatte, die einen Ausschnitt von der »Sternennacht« zeigt, einem Gemälde von Vincent van Gogh.

Foing ist ein Mondsüchtiger, als Vordenker der »Smart-1«-Mission bemüht, den Erdbegleiter zum heimlichen Zentralgestirn der Esa umzubauen. »Viele Menschen denken, die Mondlandung habe den Mond entzaubert«, sagt Foing, »aber das Gegenteil ist wahr.«

Seit jeher gilt der Mond als Inbegriff des Geheimnisvollen. Meist wurde er dargestellt als eine Göttin, die lockend und unnahbar zugleich die Erdlinge in ihren Bann zieht. Diese Anziehung ist durchaus real und wissenschaftlich erwiesen: Ebbe und Flut gehorchen der Gravitation des Mondes, die Monatsblutung folgt dem lunaren Rhythmus - und laut statistischen Erhebungen angeblich auch Kriminalität und Geburtenrate. Die Verbindung zu Wahn und Trieb klingt in der englischen Bezeichnung für »irrsinnig« an: »lunatic«.

Doch je länger und genauer der Blick auf Luna verweilte, desto mehr schien ihr Zauber zu schwinden. 1610 entdeckte Galileo Galilei, dass nicht nur die Erde einen Begleiter hat, sondern auch der Planet Jupiter von kleineren Trabanten umkreist wird. Die zauberhafte, göttliche Luna wurde damit zu einem bloßen »Erdmond« degradiert, einem von vielen ähnlichen Himmelskörpern, dem Mond im Plural.

Trotzdem tragen die dunklen, mehrere Milliarden Jahre alten Lavaflächen, die man teils mit dem bloßen Auge auf dem Antlitz des Mondes erkennen kann, noch heute magisch klingende Namen: »Mare Imbrium": das Regenmeer; »Mare Nectaris": das Honigmeer; oder »Mare Tranquillitatis«, das Meer der Ruhe, in dem später die ersten Astronauten landeten.

Doch an die Stelle religiöser Verehrung traten nach und nach Eroberungsphantasien. Jules Verne war 1865 der Erste, der die Reise zum Mond mehr oder weniger realistisch beschrieb: Eine 270 Meter lange gusseiserne Kanone schleudert in einem seiner Romane zwei Amerikaner und einen Franzosen in einem Hohlgeschoss aus Aluminium in Richtung Mond. Als Treibsatz dienten 400 000 Pfund Schießbaumwolle. Nachdem die drei Abenteurer wieder sicher im Pazifik gelandet sind, gründen sie schließlich ein interplanetarisches Reisebüro.

Rund ein Jahrhundert später entbrannte tatsächlich ein wildes Wettschießen zwischen den verfeindeten Supermächten USA und UdSSR. 1959 gelang der erste Volltreffer: Die sowjetische Sonde »Lunik 2« schlug auf der Mondoberfläche ein. Zeitweilig planten Sowjet- Wissenschaftler sogar, eine Atombombe auf dem Mond zu zünden. Sie verzichteten schließlich auf das Feuerwerk, als Berechnungen ergaben, dass sich ohne Atmosphäre kein imposanter, weithin sichtbarer Atompilz bilden kann.

»Bevor diese Dekade zu Ende ist, werden wir Menschen auf den Mond bringen«, kündigte John F. Kennedy wenige Wochen nach der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht auf Kuba an. Nachdem sich das Karibik-Eiland nur 150 Kilometer vor der amerikanischen Küste dem Zugriff entzogen hatte, nahm der US-Präsident nun das über zweieinhalbtausendfach weiter entfernte »Mare Serenitatis« ins Visier.

Der Rest ist Geschichte. Am 21. Juli 1969 um vier Uhr morgens Mitteleuropäischer Zeit hörten eine halbe Milliarde Menschen den legendären Satz: »Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit.«

Oder handelte es sich dabei nur um eine gigantische Übersprunghandlung? Unbestritten war das »Apollo«-Programm eine technische Meisterleistung, aber gemessen an den Kosten von rund 100 Milliarden Dollar war die wissenschaftliche Ausbeute mager. Elf der zwölf Astronauten, die den Mond betraten, waren Militärpiloten. Erst auf der letzten Mondmission »Apollo 17« durfte ein Geologe mitfliegen.

Rund 400 Kilogramm Mondgestein wurden schließlich von sechs bemannten amerikanischen Mondlandungen und ein paar russischen Sonden auf die Erde gebracht. Doch statt letzte Antworten zu liefern, warfen sie vor allem neue Fragen auf.

Als der Geologe Harrison Schmitt im Dezember 1972 zur extraterrestrischen Exkursion aufbrach, war er euphorisiert von dem, was er sah: »He, Moment mal, hier ist ja orangefarbener Boden!«, rief er aufgeregt in sein Mikrofon - auf der Erde ist dies oft der Hinweis auf vulkanische Aktivität, auf dem Mond kam dies damals einer kleinen Sensation gleich. Doch den Weltraumkonquistadoren im irdischen Mission Control Center war der Geologenblick fremd. Sie drängten die Astronauten zur Rückkehr. Nur ein paar Gesteinsbrocken durfte der Wissenschaftler hastig aufklauben.

Am 14. Dezember 1972 verließ »Apollo 17« den Mond. »So wie wir jetzt den Mond verlassen«, sagte sein Astronautenkollege Eugene Cernan beim Einsteigen in die Raumkapsel, »so werden wir wiederkommen.«

Die Rückkehr sollte länger dauern als gedacht. Denn nach dem »Apollo«-Rausch folgte heftiger Mondkater. Wissenschaftlich und wirtschaftlich gesehen war das Mondabenteuer der pure Wahnsinn gewesen. In gewisser Weise sei die Mondlandung Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden, analysiert der Historiker W. David Compton. »Denn indem Kennedy direkt das schwierigste Ziel angepeilt hatte, schien es, als wäre alles, was danach kommt, nicht mehr der Rede wert.«

Erst heute, 30 Jahre nach der letzten Mondlandung, erwacht erneut ein wissenschaftliches Interesse am Nachtgestirn - allerdings unter neuen Vorzeichen.

Heute wird der Erdtrabant von vielen Astronomen eingemeindet in das Ökosystem Erde. Foing spricht sogar von einem »Doppelplaneten«, denn im Vergleich zu anderen Monden ist der irdische relativ groß, mit rund einem Viertel des Erddurchmessers. Er stabilisiert die Erdachse und taktet den Rhythmus der Gezeiten. Die Erde wiederum wirkt auf den Mond ein, der deshalb keine runde Kugel, sondern ein eher eiförmiges Gebilde ist, dessen spitzes Ende in Richtung Erde weist.

Während lange Zeit spekuliert wurde, ob der Mond als vorbeischwirrender Gesteinskörper von der Erde »eingefangen« wurde oder ob sich Mond und Erde parallel aus einer kosmischen Staubwolke bildeten, gehen heute viele Wissenschaftler eher von einer traumatischen Geburt aus: Vor etwa vier Milliarden Jahren streifte ein marsgroßer Asteroid die junge, glutflüssige Erde und verspritzte eine Trümmerwolke aus Schutt ins All, die sich allmählich zum Mond zusammenballte - ein Kloß aus Asteroiden- und Erdgestein.

Heute gilt Luna daher nicht mehr als Fremdkörper, sondern als intimes Archiv der Erdgeschichte. »Der Mond ist sozusagen der Dachboden der Erde«, sagt Foing, denn während die Oberfläche der Erde permanent durch Wind und Wetter abgeraspelt und durch Vulkane und Plattenverschiebungen umgewälzt wird, verharrt die Mondoberfläche seit Jahrmillionen starr in ihrer Form wie ein kosmisches Fossil. An der Mondoberfläche lässt sich die geologische Urgeschichte der Erde studieren; anhand seiner kratervernarbten Oberfläche lässt sich hochrechnen, wie oft auch die Erde von Himmelsgeschossen getroffen worden ist.

Der »Dachboden der Erde« ist voller Erinnerungen an die Urzeit der Erde. Ähnlich wie sich in den Polregionen der Erde immer wieder Meteoritensplitter vom Mars finden, ist auch der Mond an der Oberfläche mit verstreutem Erdgestein übersät - rund 13 Tonnen pro Quadratkilometer, laut ersten Schätzungen. Ein Großteil dieses Erdgesteins dürfte älter sein als das meiste, was sich auf der Erde selber finden lässt. In einer paradoxen Umkehrung des Forschungsinteresses erhoffen sich Geologen von der 400 000-Kilometer-Exkursion zum Erdtrabanten nicht exotisches Mondgestein, sondern kleine Stückchen der Erde.

Doch die Nasa leidet unter Sparzwang und Perspektivlosigkeit. Stattdessen gab die US-Regierung nun einer privaten Firma die Genehmigung für eine rein kommerzielle Mondmission: Im Oktober will das kalifornische Unternehmen Transorbital die Sonde »Trailblazer« zum Mond schicken, nach eigenen Angaben eine »fliegende Kameraplattform«, welche die Mondoberfläche bis zu einer Genauigkeit von einem Quadratmeter kartiert - bevor sie auf dem Mond zerschellt. Die Kosten sollen vom Verkauf der zur Erde gefunkten Videos und Fotos eingespielt werden.

Auch das russische Raumfahrtbudget blutet immer weiter aus, unter anderem weil die Internationale Raumstation ein fliegendes Fass ohne Boden zu sein scheint.

So kommt es, dass andere Nationen den Ton angeben. Japan etwa plant unter dem Namen »Selene« ein ambitioniertes Mondprojekt. Noch dieses Jahr soll der Satellit »Lunar-A« als eine Art Vorhut zum Mond aufbrechen und zwei Sondengeschosse aus 40 Kilometer Höhe metertief in den Mondboden rammen.

Auch Indien und China liefern sich einen Wettlauf um die Ehre, als erstes Schwellenland eine Sonde zum Mond zu schießen. Zumindest China hatte schon den Start des sowjetischen Sputnik-Satelliten als große Demütigung erlebt. »Wir sind ja nicht einmal in der Lage, eine Kartoffel ins All zu schießen«, hatte Mao Zedong damals geklagt. Das soll sich nun ändern: Chinesische »Taikonauten« - so heißen dort Raumfahrer - sollen bis zum Jahr 2010 mit Hilfe der Raumfähre »Shenzhou« ("Göttliches Schiff") zum Mond segeln, um dort eine Forschungsstation »ähnlich wie am Südpol« zu errichten. Die ersten Piloten trainieren bereits. Vor einer Woche startete das Testraumschiff »Shenzhou IV« in den Orbit, zwar ohne Taikonauten an Bord, aber bereits komplett ausgestattet für eine bemannte Mission, die noch in diesem Jahr starten soll.

Den Europäern kommt die Rolle des hoch begehrten Kooperationspartners der asiatischen Lunanauten zu. Foings »Baby« zum Beispiel, das hinter dem Deich von Noordwijk gerade die ersten Tests absolviert, könnte eine Art Lotsenfunktion für den neuen Aufbruch zum Nachtgestirn übernehmen: kleiner, billiger, smarter und nicht dem Nationalismus, sondern Wissenschaft und internationaler Zusammenarbeit verpflichtet. »Zunächst einmal wird »Smart-1« alle sechs Landeplätze überfliegen, die von »Apollo«-Astronauten betreten worden sind«, sagt Foing. Auf diese Weise kann er die Luftbilder abgleichen mit den Beobachtungen und Proben der Astronauten von damals.

Die »Smart«-Karten der Sonde sollen nicht nur das Höhenprofil der Mondoberfläche mit Kratern und Maren dreidimensional abbilden, sondern auch die chemische Zusammensetzung der Steine abtasten mit Hilfe einer brotkastengroßen Spezialkamera an der Außenwand der Sonde, die das Wärmeprofil des Mondes in 256 Infrarot-Farbtönen wiedergibt und dadurch Rückschlüsse auf die Materialbeschaffenheit erlaubt. »Damit wird unsere Karte wissenschaftlich so ergiebig, als würden wir an jedem Punkt einen Astronauten absetzen, der mit einer Schaufel eine Probe ausgräbt und zur Erde zurückbringt«, so Foing.

Die europäische Weltraumwerft kehrt dabei das Prinzip der bemannten Raumfahrt um: Statt Erdlinge ins All zu schießen, holt Foing zunächst einmal das All auf die Erde. Er simuliert Raketenstart und Weltraumwetter in haushohen Fabrikhallen: Hier werden Satelliten gnadenlos mit UV-Strahlung beschossen, in einer Kältekammer tiefgekühlt und von »Hydra« brutal durchgeschüttelt, einem weltweit einzigartigen Rüttelpult, das bis zu 25 Tonnen schwere Satelliten mit hydraulischen Armen gleichzeitig in alle Richtungen schütteln kann. Zu guter Letzt werden die Geräte noch mit ohrenbetäubendem Lärm, laut wie mehrere Jumbojets, beschallt. Erst wenn eine Sonde diese Schocktherapie unbeschadet übersteht, darf sie ins All aufbrechen.

Die eigentliche Sensation von »Smart-1« jedoch fällt vor allem durch ihre Unauffälligkeit auf: der Ionenantrieb, der aus einer zehn Zentimeter kleinen Keramikkammer besteht, in die Xenon-Gas eindringt. Durch Magnete und Elektrizität ionisiert, wird das Gas zur Bildung einer bläulichen Rückstoß-Flamme angeregt. Während »Apollo«-Astronauten vor über 30 Jahren in lediglich vier Tagen mit ihren donnernden Höllenmaschinen zum Erdtrabanten ritten, braucht die »Smart«-Sonde rund 16 Monate, um in langen Spiralen gen Mond zu trudeln - angetrieben durch Sonnenenergie, die von den Solarsegeln gesammelt wird.

»Unser Ionenantrieb hat ungefähr diese Schubkraft«, sagt Foing und pustet gegen ein Blatt Papier: »Das entspricht etwa sieben Gramm, dem Gewicht einer Postkarte.« Der Vorteil: Solar-Raumschiffe sind extrem effizient und könnten theoretisch bis an die Grenzen des Sonnensystems segeln. Die Reise zum Mond ist dafür lediglich ein erster Test.

Der Jungfernflug des Solarmobils soll eine neue Übersichtskarte des Mondes liefern. »Bisher sind alle Landefahrzeuge in der Nähe des Mondäquators gelandet«, sagt Foing, »jede Aussage über den Mond war also bislang ungefähr so zuverlässig, als wenn ich versuchen würde, mit ein paar Gesteinsproben aus Afrika die gesamte Geologie der Erde zu erklären.«

Vor allem der Südpol des Mondes ist bei der Solar-Expedition von Interesse. »Dieser Ort dürfte einzigartig in unserem Sonnensystem sein«, schwärmt Foing und hält ein kreisrundes Reliefmodell des Mond-Südpols unter seine Schreibtischlampe. Deutlich zeichnet sich das riesige Becken des Aitken-Kraters ab, der mit einem Durchmesser von 2500 Kilometern und einer Tiefe von über 12 000 Metern als der größte des Sonnensystems gilt. In der Südpolregion wird aber auch eine einzigartige Bergspitze vermutet, der »Peak of Eternal Light«, so genannt, weil sie ständig von der Sonne beschienen sein müsste.

»Berg aus Feuer und Eis« wird diese hypothetische Erhebung auch genannt. »Denn direkt neben dem ewigen Licht liegt eine Zone ewigen Schattens«, sagt Foing. Hier werden Reservoirs von Wassereis vermutet - eine wesentliche Grundlage für eine mögliche Besiedlung des Mondes. Auch das amerikanische National Research Council hat das Aitken-Becken als einen der wichtigsten Forschungsgegenstände ausgemacht - unter anderem, weil es Einblicke in das Innere des Mondes erlaubt. Für andere gilt dieser Ort als ideal für eine bemannte Station. »Der Südpol dürfte der teuerste Baugrund des Universums sein«, schwärmt Paul Spudis vom Lunar and Planetary Institute in Houston (Texas).

Wenn erst einmal die »Smart«-Karten vom Mond-Südpol vorliegen, plant die Esa, dort eine Kolonie zu errichten, die allerdings zunächst nicht von Astronauten bewohnt wird, sondern von Robotern. Irgendwann im nächsten Jahrzehnt sollen in einem internationalen »Robotic Village« ferngelenkte Maschinen aus aller Welt eintreffen. Ihre langfristige Aufgabe: eine Raumstation für Menschen vorzubereiten.

Die Reise ins lunare Herz der Finsternis könnte zumindest eines leisten: die Esa ins rechte Licht zu rücken und aus dem Schatten Amerikas und Russlands treten zu lassen. Foing mit seiner jugendlichen Begeisterungsfähigkeit scheint dafür genau der richtige Mann zu sein.

Feurig redet Mister Moon sich in Schwung, wie man es bislang eher von den Science-Fiction-Märchenonkels der Nasa kannte. Er schwadroniert darüber, wie eine bewohnte Mondstation dereinst als Sprungbrett auf dem Weg zum Mars dienen könnte. Und wie sie womöglich einmal den letzten Menschen Asyl biete, falls wieder ein todbringender Asteroid die Erde trifft - wie damals, als der Mond entstand.

Draußen ist völlig unbemerkt die Mondsichel längst hinter dem Deich versunken. HILMAR SCHMUNDT

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