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Jörg Blech

Elementarteilchen Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir sterben?

Liebe Leserin, lieber Leser,

seit jeher denken Menschen darüber nach, wie das Sterben sich anfühlen wird. Geht da einfach das Licht aus? Oder wird das Leben noch einmal an einem vorüberziehen? Jetzt berichten Ärzte davon, wie sie die Gehirnaktivität eines sterbenden Menschen gemessen haben. Kurz vor seinem Tod und noch etliche Sekunden danach war das Gehirn aktiv und zeigte ein bestimmtes Muster an Hirnströmen.

»Wir haben insgesamt 900 Sekunden aufgezeichnet. Wir sahen in den fünfzehn Sekunden vor und in den fünfzehn Sekunden nach dem Herzstillstand eine Erhöhung der Gamma-Oszillation«, sagt der an der Entdeckung maßgeblich beteiligte Arzt, der deutsche Neurochirurg Ajmal Zemmar, 38. Er ist im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet, in Bremen aufgewachsen und hat Medizin in Frankfurt am Main studiert. In einem Zoom-Gespräch hat er mir ausführlich von seiner Entdeckung  berichtet.

Die fing damit an, dass ein 87-jähriger Mann eines Tages in die Notaufnahme des Krankenhauses Vancouver General Hospital kam, wo Zemmar als Neurochirurg arbeitete. Der Mann ist gestürzt, in seinem Kopf tritt Blut aus, und zwar im Raum zwischen harter Hirnhaut und Gehirn. Dieses subdurale Hämatom drückt auf das Gehirn und muss operiert werden. Zemmar erzählt: »Wir haben eine Öffnung in den Schädel gemacht, den Knochen entfernt, diese Blutung entfernt und den Knochen wieder eingesetzt.«

Dem Mann geht es nach dem Eingriff gut, aber am dritten Tag nach der Operation bekommt er plötzlich epileptische Anfälle. Deswegen schließen die Ärzte ihn an ein EEG an, sie wollen wissen, wo die epileptischen Anfälle herkommen. Während dieser Untersuchung erleidet der Mann einen Herzstillstand, die Aufzeichnung jedoch läuft weiter. »Das kam alles sehr zufällig«, erinnert sich Zemmar. »Wir hatten eine Aufnahme von einem Patienten, der wach war und innerhalb von zwanzig Minuten gestorben ist.«

Dieses Elektroenzephalogramm, schreiben Zemmar und seine Kollegen in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts »Frontiers in Aging Neuroscience«, spreche dafür, dass »das menschliche Gehirn in der Lage dazu sein könnte, während der Nahtodphase koordinierte Aktivitäten zu erzeugen«.

Doch was bedeutet das? Zemmar sagt: »Wenn wir höhere kognitive Funktionen im Gehirn ausüben, wie etwa Konzentrieren, Träumen, Meditieren, wenn wir uns an etwas erinnern, dann sind das alles Momente, in denen Gamma-Oszillationen im Gehirn aktiv sind.«

Immer wieder hat es Menschen gegeben, die nach einer lebensbedrohlichen Erfahrung von Gesprächen mit Verstorbenen und seltsamen Erlebnissen außerhalb des eigenen Körpers erzählt haben. Ist an diesen Berichten aus dem vermeintlichen Jenseits vielleicht etwas dran?

Der Neurochirurg, der inzwischen an der University of Louisville in Kentucky arbeitet, mahnt, seinen Befund nur mit Vorsicht zu interpretieren. Es gebe nur die Daten eines einzigen Menschen. Und der hatte aufgrund des Hämatoms und des Eingriffs Schwellungen und Wunden am Gehirn und darüber hinaus epileptische Anfälle.

Dennoch lässt der Bericht mich nicht los. Scheidet das Gehirn mit einer letzten Aufführung aus dem Leben? »Natürlich ist die Vorstellung da«, sagt Zemmar, »dass das Gehirn es einem ermöglicht, an die schönsten Erinnerungen im Leben noch einmal zurückzudenken. Dass diese im Gehirn als Replay ablaufen, bevor man tschüs sagt.«

Mit nachdenklichen Grüßen

Ihr Jörg Blech

Gehirn des Menschen (künstlerische Darstellung)

Gehirn des Menschen (künstlerische Darstellung)

Foto: Andrew Brookes / Image Source / Getty Images

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