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Achtung: siehe 48/2003 "Der SPIEGEL berichtete..." Nieren gegen Bares

Der Essener Star-Chirurg Christoph Broelsch hat vier Spendern aus Südosteuropa Nieren explantiert und israelischen Patienten eingesetzt. Die Familie eines Empfängers in Tel Aviv räumt jetzt ein, dass das Organ gekauft war. Wurde Deutschland zum Ziel organisierten Organhandels?
aus DER SPIEGEL 10/2003

Der Sohn erschien wie der ideale Spender. Er hatte die gleiche Blutgruppe und erklärte sich bereit, dem kranken Vater eine seiner Nieren zu schenken. Doch Gavriel Peretz**, ein 66 Jahre alter Mechaniker aus dem Großraum Tel Aviv, lehnte ab: »Ich will nicht, dass du später mit nur einer Niere Schwierigkeiten bekommst.«

Zweieinhalb Jahre lang, dreimal pro Woche, ging Peretz zur Blutwäsche. Sein Zustand wurde immer schlechter - die Spenderniere eines Fremden musste her. »In Israel war die Warteliste riesig lang«, sagt der Sohn. »Deshalb haben wir uns nach Möglichkeiten im Ausland umgehört.«

Nur wenige Monate später hat Peretz sein Ziel erreicht. Am 6. Dezember 2001 pflanzt ihm der deutsche Chirurg Christoph Broelsch in einem Operationssaal der Universitätsklinik Jena eine Niere in den Körper; das kostbare Organ wurde Minuten zuvor einem 37 Jahre alten Moldawier explantiert. Seinen Namen gibt der Spender in Jena mit Anatoli B. an. Er sei Möbelhändler, Vater dreier Kinder - und ein Neffe des Empfängers. Die Nachfrage des SPIEGEL bei der Familie in Israel er-

gibt jedoch, dass hier mitnichten Nächstenliebe unter Verwandten am Werk war. Peretz hat die Niere gekauft.

»Den Spender haben wir in Deutschland zum ersten Mal in unserem Leben gesehen«, erklärt Peretz'' Sohn jetzt bei einem Treffen in Tel Aviv. Den Kontakt habe ein Agent in Israel eingefädelt. »Mehrere hunderttausend Dollar«, so der Sohn weiter, habe die Familie dem Broker »bar auf die Hand« gegeben - es gab keinen Vertrag, keine Quittung. Um die Summe aufbringen zu können, hätten sie auch bei wohltätigen Menschen in Israel Geld eingeworben. In dem horrenden, aber branchenüblichen Preis war alles inklusive: die Suche nach einem geeigneten Spender, die Reise und die Operationskosten in einer deutschen Klinik.

Weil Organhandel nach dem Transplantationsgesetz strikt verboten ist, hätte Peretz niemals in Deutschland operiert werden dürfen. Dem Eingriff, den Peretz auf Grund medizinischer Komplikationen nur wenige Wochen überleben sollte, ist eine abenteuerliche Geschichte vorausgegangen. Sie erzählt von dubiosen Organhändlern, überforderten deutschen Kontroll-Kommissionen und kaltschnäuzigen Chirurgen.

Vor allem aber scheint die Geschichte noch eine Fortsetzung zu erfahren: Auch am Universitätsklinikum Essen wurde jeweils »eine Niere von einem moldawischen, einem ukrainischen und einem weißrussischen Spender explantiert und jeweils einem israelischen Empfänger eingepflanzt«, wie der Essener Nephrologe Thomas Philipp, 60, jetzt erstmals einräumt.

Für die Eingriffe verantwortlich ist der Leiter der Klinik für Allgemein- und Transplantationschirurgie: Christoph Broelsch, 58 - ebenjener Chirurg, der den nierenkranken Peretz in Jena operiert hat.

Broelsch, der mit dem Bundespräsidenten Johannes Rau Skat spielt und ihn zweimal operiert hat, ist ein streitlustiger Vorreiter der Transplantationsmedizin. Unverhohlen forderte er vorigen Dezember im SPIEGEL-Gespräch (50/2002) die finanzielle Belohnung für Organspender. Selbst wenn ein Mensch »in Moldawien, Ägypten oder sonstwo« für eine gespendete Niere Geld erhielte, könne ihn das nur in Grenzen empören. Schließlich biete sich dem Spender doch »die einmalige Chance im Leben, aus seiner Misere herauszukommen. Er könnte sich ein Fahrrad kaufen, ein Geschäft gründen«.

Trotzdem müsse internationaler Organhandel natürlich unterbunden werden: »Organkauf in Drittländern«, so Broelsch, »darf nicht sein.« Nun jedoch scheint es, als ob es ihn längst gäbe. Vieles deutet darauf hin, dass Broelsch selbst - sei es aus Leichtgläubigkeit, sei es aus Kritiklosigkeit - Lebendspender operiert hat, die ihm ein international agierender Händlerring ins Haus geschickt hat.

Ende 2000 suchte eine große Krankenkasse aus Israel den Kontakt zu Broelsch, der über die Landesgrenzen hinaus einen vorzüglichen Ruf als Operateur genießt. Weil Spenderorgane in Israel extrem knapp sind, hatte die Kasse ihre nierenkranken Versicherten samt der Spender meist in die Vereinigten Staaten zur Nierenverpflanzung geflogen. Doch weil die US-Spitäler saftige Honorare verlangen, orientierten sich die Israelis zunehmend in Richtung Essen. Etwa 55 000 Euro berechnet das Universitätsklinikum pro Organverpflanzung und Nachsorge - ein Schnäppchen im Vergleich zu den US-Tarifen.

In den folgenden Monaten seien in Essen »22 oder vielleicht auch 25 Lebendspenden« durchgeführt worden, bei denen israelischen Patienten Nieren eingepflanzt wurden, sagt der Nephrologe Philipp. In den meisten Fällen waren sowohl Spender wie auch Empfänger israelische Staatsbürger.

Ein lokales Gremium - dem neben Philipp und Broelsch noch der Essener Psychosomatiker Wolfgang Senf angehörte - habe jeden einzelnen Fall durch persönliche Gespräche sondiert. Neben medizinischen Problemen ging es auch um die Frage, ob die Vorgaben des Transplantationsgesetzes eingehalten wurden: Danach dürfen in Deutschland nur nahe Verwandte und engste Freunde einem kranken Menschen ein Organ spenden.

Anschließend wurden sämtliche Fälle von der zuständigen Lebendspende-Kommission, angesiedelt an der Ärztekammer Nordrhein in Düsseldorf, begutachtet und beurteilt. Diese gesetzlich vorgeschriebene Kontrolle, an der Psychiater und Juristen mitwirken, soll sicherstellen, dass die Spende freiwillig und ohne Bezahlung geschieht - was nach Ansicht der Kommission bei allen rein israelischen Pärchen gegeben war.

Wie lückenhaft und zufällig die Kontrollen jedoch waren, zeigt der Fall des Jerusalemer Patienten Mordechai. Im April 2001 hatte ihm ein ebenfalls israelischer Großneffe in Essen eine Niere gespendet, angeblich aus reiner Nächstenliebe. Gegenüber der »Zeit« räumte Mordechais Sohn später jedoch ein, dass der Spender schon vor dem Eingriff sehr wohl Geld für sein Organ verlangt und schließlich vom Großonkel 7000 Dollar erhalten habe. Broelsch reagierte gelassen auf das Eingeständnis: »Wenn da wirklich Geld geflossen sein sollte, dann ist das deren Privatsache.«

Selbst als sich auf einmal israelische Empfänger mit Spendern aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Moldawien, Weißrussland und Ukraine bei ihnen vorstellten, hegten das Gremium in Essen und die Lebendspende-Kommission in Düsseldorf keinerlei Verdacht. Die Spender, allesamt Kettenraucher, die Russisch oder Rumänisch sprachen, gaben sich durchweg als Cousinen und Cousins der Organ-Empfänger aus, die angeblich vor vielen Jahren nach Israel ausgewandert seien.

Die Verantwortlichen in Essen und Düsseldorf hätten allen Grund zur Skepsis gehabt. Dass kriminelle Organhändler gerade in dem bettelarmen Landstrich am südöstlichen Rand Europas ihr Unwesen treiben, war damals bekannt. »Man weiß: Spender sind neben Rumänen auch Menschen aus Bulgarien, der Ukraine und der Ex-Sowjetrepublik Moldawien«, schrieb der Bukarester Journalist Keno Verseck schon im Dezember 1998 in der »Weltwoche«. Die Nieren wurden in der Türkei Empfängern aus England, Frankreich und Israel eingepflanzt, die dafür bis zu 200 000 Dollar zahlten. Die Spender wurden mit Beträgen um 3000 Dollar abgespeist.

Doch niemand in Essen und Düsseldorf scheint derartigen Berichten Beachtung geschenkt zu haben: Eine moldawische, eine ukrainische und eine weißrussische Niere wanderten unter Broelschs Federführung in die Körper von israelischen Empfängern. Für diese Lebendspenden interessiert sich mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft in Essen. Ihr Sprecher Willi Kassenböhmer sagt: »Im Hinblick auf die Spender prüfen wir gegenwärtig, ob das mit rechten Dingen zugegangen ist.«

Erst bei einem weiteren Fall - diesmal wollte eine angeblich moldawische Nichte ihrer israelischen Tante eine Niere spenden - will es den Essenern gedämmert haben, dass sie womöglich den Märchen internationaler Organhändler aufsaßen. Die Angaben der beiden Frauen zur familiären Beziehung »konnten wir nicht so ganz nachvollziehen«, erinnert sich der Nephrologe Philipp. Die Düsseldorfer Kommission teilte die Bedenken und riet von einer Operation ab. Chirurg Broelsch akzeptiert die Entscheidung - die beiden Frauen zogen wieder ab.

Nur wenig später, im Herbst 2001, tauchten schließlich Gavriel Peretz, geboren am 23. September 1935 und wohnhaft in der Nähe Tel Avivs, und sein angeblicher Neffe Anatoli B., geboren am 14. Januar 1964 und wohnhaft im moldawischen Edinet, in Essen auf.

Den Kontakt zwischen den beiden habe ein Makler hergestellt, von dem sein Vater bei der Blutwäsche in Israel gehört habe, erzählt Peretz'' Sohn in Tel Aviv. Der Organhändler habe dann »ziemlich schnell« einen Spender gefunden und eine Operation in Deutschland vorgeschlagen. »Wir haben uns für Deutschland entschieden«, sagt der Sohn, »weil wir das Beste für Vater wollten.« Die beiden Männer trafen sich in Essen, wo sie ein Mitarbeiter des Maklers in Empfang nahm und betreute.

Vor dem Essener Gremium machten Peretz und Anatoli B. ganz auf Familie: Sie seien Onkel und Neffe und besuchten sich regelmäßig. Doch wie schon bei dem Fall zuvor reagierten die Ärzte Senf und Philipp ablehnend, zumal Spender und Empfänger widersprüchliche Angaben machten. »Wir wollten uns nicht ein X für ein U vormachen lassen«, erinnert sich Philipp. Star-Chirurg Broelsch indessen plädierte für einen raschen Eingriff. Solange sich aber die Essener nicht zu einigen vermochten, lehnte die übergeordnete Düsseldorfer Kommission es ab, sich mit dem Fall zu beschäftigen.

Statt die ablehnende Haltung seiner Essener Kollegen zu respektieren, schuf Broelsch Tatsachen - auf seine Art: Kurzerhand schickte er Peretz und Anatoli B. nach Jena, wo sein befreundeter Kollege Johannes Scheele die Abteilung für Allgemein- und Abdominalchirurgie leitet. Kritische Fragen waren hier offenbar nicht zu befürchten: Am Universitätsklinikum Jena existierte zu diesem Zeitpunkt nur eine provisorische Lebendspende-Kommission.

Auf Antrag Scheeles wird das Gremium zusammengerufen. Am 3. Dezember 2001 und in Anwesenheit eines rumänischen Dolmetschers unterhalten sich ein Assistenzarzt, eine Oberärztin und ein Rechtsanwalt von 13.30 Uhr bis 15.00 Uhr mit dem Israeli und dem Moldawier. Dann teilen sie ihr Votum, wie von Scheele erbeten, mündlich mit: Zustimmung.

Von der Vorgeschichte in Essen habe die Jenaer Kommission allerdings kein Sterbenswörtchen erfahren, klagt rückblickend der beteiligte Anwalt Andreas Teubner, der mittlerweile die offizielle Lebendspende-Kommission in Thüringen leitet. »Wir fühlen uns missbraucht.« Bei ihm habe sich der Spender auch nicht als Moldawier ausgegeben, sondern als Rumäne, der in einer Stadt namens Molidova lebe. Den Ausweis und die Geburtsurkunde hat Teubner nicht kontrolliert: »Das ist Aufgabe des Operateurs.«

Broelsch, der gegenwärtig in den USA unterwegs ist, weist jede Verantwortung von sich. Über sein Sekretariat in Essen lässt er ausrichten, dass er mit der Sache doch gar nichts zu tun habe. Auch sein Kollege Scheele wäscht seine Chirurgenhände in Unschuld. »Allein die Kommission hatte die Zuständigkeit zu prüfen, ob da kommerzielle Dinge liefen oder nicht«, sagt er. »Sie hatte keine Einwände, also haben wir operiert.«

Der Organspender Anatoli B. hat Deutschland bereits am Tage nach der OP wieder verlassen; der Empfänger Gavriel Peretz indes ist tot - die neue Niere hat nicht ausreichend gearbeitet. »Anderthalb Monate lang lag mein Vater in Deutschland im Koma«, erzählt der Sohn. Weil der Aufenthalt für die mitgereiste Familie in Jena allmählich zu teuer wurde, entschloss sie sich Anfang 2002, mit dem komatösen Vater zurück nach Israel zu fliegen. Nur wenige Stunden nach der Ankunft starb der Vater in einem Krankenhaus.

Trotzdem sagt der Sohn: »Wenn wir noch mal zu entscheiden hätten, würden wir denselben Weg wählen - für viele ist es eben die einzige Chance.«

Auch über die Chirurgen Broelsch und Scheele verliert sein Sohn kein böses Wort: »Wir haben in Deutschland die allerbeste Behandlung bekommen.«

JÖRG BLECH, ANNETTE GROßBONGARDT

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Der SPIEGEL berichtete ...

In der vergangenen Woche ist Scheele vom Verwaltungsgericht Gera in seine Rechte als Klinikdirektor wieder eingesetzt worden. Die Kosten des Verfahrens trägt der Staat. Auch die Bundesärztekammer hat mittlerweile festgestellt, dass Scheele nicht gegen das Transplantationsgesetz verstoßen hat.

* Nicolae Birdan mit Nieren-Ultraschallaufnahme; ihm wurde inder Türkei eine Niere entnommen, wofür er nach eigenen Angaben 2700Dollar erhielt.** Name auf Wunsch der Familie geändert.

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