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AUTOMOBILE Noch mal rund

Ein neuartiger mechanischer Lader sorgt in der Branche für heißen Gesprächsstoff. Der Erfinder: Felix Wankel. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

In Lindau am Bodensee hat sich ein Greis aufgemacht, zum zweitenmal in seinem Leben die Automobilindustrie der ganzen Welt aufzuscheuchen.

Daß es in der Motorentechnik rund besser läuft als rauf und runter, hat Kreiskolben-Erfinder Felix Wankel, mittlerweile 83, zwar nachweisen, aber nicht durchsetzen können. Nun will er dem verhaßten Hubkolbenmotor, der seine Energie aus dem vergleichsweise primitiven Stampfrhythmus seiner Kolben gewinnt, wenigstens Beine machen - im besten Wankelstil geht's in der Branche noch mal rund.

Wankel hat einen neuartigen Lader mit mechanischem Antrieb erfunden, eine Art Fütterungsautomat, der träge Hubkolbenmotoren auf elegante Weise in Schwung bringt. »Lader 84« (weil 1984 patentiert) nennt Wankel seine Apparatur, die in den Automobilkonzernen schon hitzige Diskussionen ausgelöst

hat. Daimler-Benz hat sie getestet, VW hat sie gelobt, die Japaner haben sie begierig (und vergebens) umbuhlt.

Die Manager der Turbolader-Spezialfirma Kühnle, Kopp & Kausch (KKK) in Frankenthal, denen die Entwicklung der Wankel-Erfindung übertragen wurde, gebärdeten sich letzte Woche geheimniskrämerisch: Sie wollten noch »keine Aussage machen«, so als seien sie noch ganz benommen von den neuen Möglichkeiten. Professor Helmut Krauch vom Fachbereich Produkt-Design an der Gesamthochschule Kassel, ein Wankel-Konfident, klassifizierte Wankels neuen Lader in einer internen Studie als »hoch überlegen« bei mittleren und kleineren Personenwagen. Die KKK-Ingenieure, so Krauch, seien bereits »wie wahnsinnig« mit der Produktionsvorbereitung beschäftigt - Wankel-Fieber fast wie damals, vor nunmehr 25 Jahren.

Auf schwindelnde Höhen war Anfang der 60er Jahre der Kurs der NSU-Aktie geklettert, als das Werk die Entwicklung des Kreiskolbenmotors anpackte. Lizenznehmer aus aller Welt standen Schlange.

Vergrämt hatte sich Felix Wankel, einstiger Rüstungs-Ingenieur des Dritten Reiches und Dichtungsspezialist, auf sein Forschungsinstitut zurückgezogen, als der VW-Konzern 1977, nach zehnjähriger Bauzeit und 37300 Exemplaren, den Bau der Wankelmotor-Limousine NSU Ro 80 aufgab. Hoher Verbrauch und mangelndes Käufer-Interesse hatten dem »lautlosen Wunderauto«, wie ein zeitgenössischer Kritiker es nannte, den Garaus gemacht. Der Wankel-Spider, erstes Wankel-Auto überhaupt, war schon vorher in die historische Abteilung der NSU-Werksgeschichte gerollt.

Wankel war dennoch Multimillionär geworden. Seine Rechte auf den Kreiskolbenmotor hatte der Erfinder dem britischen Mischkonzern Lonrho abgetreten.

Nur der japanische Autoproduzent Mazda in Hiroschima hielt bis heute eisern fest an der Weiterentwicklung und dem Bau seiner RX-Typen mit Wankel-Kreiskolbenmotor.

Letztes Jahr, zu Weihnachten, entschloß sich die Daimler-Benz AG zu einem Schritt, der im allgemeinen Aufkauf-Rausch der Untertürkheimer Technologen kaum auffiel. Die Daimler-Manager ließen sich herbei, Wankels »Lebenswerk über seine aktive Entwicklungstätigkeit hinaus zu sichern«. Ein Konzern-Sprecher: »Auf gut schwäbisch: Wir haben den Laden gekauft.«

So kam es, daß der nach vorübergehenden Sehstörungen und Kreislaufbeschwerden wieder rastlos in seinem Forschungsinstitut Lindau tätige Erfinder seinen Lader zunächst der Mercedes-Entwicklungsabteilung vorlegte. Die technischen Weichensteller der »ältesten Automobilfabrik der Welt« gutachteten ihrem Vorstand, der Lader sei »nichts für uns, womöglich aber für kleinere Motoren geeignet«. Damit die Erfindung »nicht in nichtdeutsche Hände« geriete, wie ein Insider erläuterte, delegierten die Stuttgarter die weitere Entwicklung des Wankel-Laders an die KKK-Techniker, deren Laden sie gleichfalls gekauft hatten.

Jede Lader-Technik hat zum Ziel, dem Motor weitaus mehr Verbrennungsluft einzuzwingen, als er sich durch die normale Saugwirkung seiner Kolben verschaffen würde. Das überfütterte Triebwerk reagiert dann mit besserer Verbrennung und höherer Leistung.

Motoren mit Abgasturboladern kamen zu Hunderten auf den Markt. Da es den Antrieb der Turbinenschaufeln - in Gestalt der sonst nutzlos entfleuchenden Abgase - zum Nulltarif gab, nahmen die Ingenieure prinzipbedingte Nachteile des Turboladers in Kauf, so seinen hohen Bauaufwand und seine verzögerte Durchzugskraft ("Turbo-Loch") bei niedrigen bis mittleren Drehzahlen.

Von dem durch Kette oder Zahnriemen direkt vom Motor angetriebenen (daher »mechanischen") Lader, im Prinzip seit Kaiser Wilhelms Zeiten bekannt, war dagegen blitzschnelles Reagieren aufs Gaspedal schon in unteren Drehzahlbereichen zu erwarten.

Sinnvoll wäre nach Aussagen der Fachleute jedoch nur, den Lader (auch Kompressor genannt) für kleinere Motoren,

etwa unterhalb der Zwei-Liter-Grenze, anzuwenden. Für größere Triebwerke würden sie zu voluminös und zu schwer geraten.

Den neuen Lader aus Lindau, von Felix Wankel in nahezu fünfjähriger Arbeit entwickelt, haben sogar VW-Ingenieure anerkennend »ein tüchtiges Stück Technik« genannt, jene Techniker, die selber einen Kompressor-Kleinwagen (SPIEGEL 36/1985) erproben.

Wankels Lader besteht aus einem Gehäuse, in dem ein mit drei zackenartigen Gebilden bestückter »Außenläufer« drei Hohlräume formt. Mittendrin rotiert, etwa ein Drittel schneller, ein propellerartiger »Innenläufer«, der mit rund 12000 Umdrehungen je Minute die Hohlräume bestreicht. Der Lader, von den Wankel-Technikern wegen der vom Bundesforschungsminister bevorzugten Fliegen-Form »Riesenhuber« genannt, macht alle bisherigen Kompressor-Probleme vergessen, ohne neue hervorzurufen - hoffen die Ingenieure.

»50 Prozent mehr Drehmoment aus dem Stand, fast keine Quetschungen und Reibungen, weniger Geräusch als beim Roots-Gebläse, dazu mit Sicherheit langlebig«, ereiferte sich der Kasseler Lader-Experte Krauch. Alles gehe überdies mit einem »Wirkungsgrad von rund 75 Prozent« einher.

Wankel sei sogar überzeugt, als erster eine Art Mix-Lader ersonnen zu haben: Als nächsten Schritt plant er laut Krauch, seinen mechanisch angetriebenen Lader auch noch zu einem Turbolader umzumodeln, den der so preiswert zu erlangende Gasstrom rotieren läßt - und noch später will er »auch noch die Lichtmaschine dranhängen«.

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